Bücherkoffer Nr. 26 von Stefanie/Worte und Orte

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Als ich Stefanies Blog Worte und Orte entdeckte, habe ich mich sehr gefreut, denn offenbar haben wir viel gemeinsam: Wir lieben es beide, zu lesen und zu reisen – und darüber zu schreiben. Auch ihren Beiträgen entnehme ich gewisse gemeinsame Vorlieben, beispielsweise für Mascha Kaléko, Shakespeare-Sonette und Jane Eyre. Umso mehr freue ich mich nun, dass Stefanie uns heute ihren Bücherkoffer – oder vielmehr: ihre Bücherkiste – präsentiert, die mir auch sehr zusagt: Es ist nämlich eine anglophile Bücherkiste.

In ihrer Selbstbeschreibung auf ihrem Blog ist zu lesen, dass Stefanie die Verbindung von Worten und Orten auf ihren Reisen besonders schätzt. Das zeigt sich auch bei etlichen ihrer Buchbesprechungen, in denen sie die im Buch vorkommenden Orte für uns besucht und – sehr stimmungsvoll übrigens – fotografiert. Ich kann das gut nachvollziehen, denn auf Reisen bin ich auch immer hocherfreut, Orte aus Romanen wieder zu finden bzw. Orte, an denen Schriftstellerinnen und Schriftsteller lebten und arbeiteten. Aber kommen wir nun zu Stefanies Schatzkiste voller Bücher.

 

Stefanie_Bücherkiste 2

 

„Die englische oder besser gesagt britische Literatur und Sprache haben es mir schon sehr früh angetan. In der Schulzeit gehörte Englisch zu meinen Lieblingsfächern, später studierte ich an der Uni Anglistik im Hauptfach. Viele Prosatexte und Gedichte aus dem englischen Sprachraum sind für mich mit starken (Lese-)Erinnerungen verbunden. Ich erinnere mich noch genau, wann ich sie zum ersten Mal gelesen und was ich dabei gefühlt habe. Einige dieser Bücher, die mich sehr beeindruckt und geprägt haben, packe ich in meinen anglophilen Bücherkoffer (oder vielmehr, meine Bücherkiste):

Charlotte Brontë: Jane Eyre

Wenn ich ein Lieblingsbuch nennen müsste, dann wäre es ohne zu zögern dieses. Die Geschichte von der Gouvernante Jane Eyre kannte ich schon als Kind rudimentär aus Erzählungen meiner Eltern oder meiner Schwester. Es musste ein besonderes Buch sein, soviel war mir klar. Ich war etwa 12 oder 13 Jahre alt, als ich eine der zahllosen Verfilmungen dieses Romanklassikers sah – und daraufhin das Buch aus dem Regal zog und verschlang, obwohl mir Stil und Erbzählweise damals Schwierigkeiten bereiteten. Gute zwölf Jahre später las ich es noch einmal auf Englisch. Und vergangenen Sommer verbrachte ich in einer Buchhandlung in Oxford fast eine Stunde damit, eine würdige, schön gestaltete englische Ausgabe von Jane Eyre zu finden – „meine“ Jane Eyre. Kein schnödes Penguin-Taschenbuch mit rauen Seiten, sondern die kompakte Edition von Eyeryman’s Library: Hardcover, mit Lesebändchen, die Schrift angenehm zu lesen und auf seidiges Papier gedruckt…

Viel ist schon über diesen Roman gesagt, geschrieben und geforscht worden. Nur so viel füge ich hinzu: Unbedingt einmal lesen!! Von dieser starken, in sich gefestigten Heldin können wir alle etwas lernen.

Jean Rhys: Wide Sargasso Sea / Sargassomeer

Und gleich im Anschluss an Jane Eyre der Nachfolgeroman, der gute hundert Jahre später aus der Feder der jamaikanisch-walisischen Autorin Jean Rhys floss. Sie erzählte die Geschichte noch einmal, besser gesagt, die Geschichte vor Jane Eyre. Ich hatte im Anglistik-Studium naturgemäß oft davon gehört, aber gekauft habe ich mir das Buch erst letzten Sommer in England. Sargassomeer ist sehr berührend erzählt – und zeigt, dass es zu jeder Geschichte mehr als eine Perspektive gibt.

Fazit: Nicht nur in Ergänzung zu Brontës Roman sehr lesenswert!

  1. S. Maugham: The Casuarina Tree. Six Stories

Maughams Erzählungen hinterließen bei mir einen tiefen Eindruck. Die Kolonie Britisch-Malaya (also die Malaiische Halbinsel) der 1920er Jahren bildet den Hintergrund für die Geschichten über menschliche Schicksale, Krisen und Abgründe.

William Shakespeare: Sonnet 18 / Sonett 18

Zugegebenermaßen kein Buch, aber stellvertretend für all die großartigen Sonette und Dramen Shakespeares schmuggle ich das Sonett Nummer 18 in die Bücherkiste. Zum ersten Mal las ich es im Englischunterricht, später in einem Seminar an der Uni. Ich lernte es auswendig, aber heute habe ich leider nur noch die ersten Verse im Kopf: „Shall I compare thee to a summer’s day/ Thou art more lovely…“ usw. (Eine gute deutsche Übersetzung gibt es übrigens hier.)

Ian McEwan: On Chesil Beach / Am Strand

Ein Autor, den ich sehr schätze und immer wieder gern lese. Dabei hat mir nicht jeder seiner Romane gefallen, aber alle haben mich wegen ihrer Komplexität beeindruckt. Am Strand hat seinen Platz im Bücherkoffer auch als Vertretung für Honig, Abbitte usw. gefunden. Eine einfühlsame und tieftraurige Geschichte von zwei Menschen, die dabei sind, sich ausgerechnet in ihrer Hochzeitsnacht zu verlieren…

Sir Arthur Conan Doyle: The Hound of the Baskervilles / Der Hund von Baskerville

Der Klassiker unter den Sherlock-Holmes-Geschichten. Soweit ich weiß das erste, was ich von Doyle gelesen habe. Ich erinnere mich, dass ich beim Lesen erstaunt war, wie sehr mich diese Detektivgeschichte zum Gruseln und Mitfiebern brachte.

Peter Shaffer: Equus

Nach den Harry-Potter-Filmen startete Jungschauspieler Daniel Radcliffe durch – und das ausgerechnet mit Nacktszenen im Drama Equus. Die verstörende Geschichte eines Jungen, der Pferde liebt (in mehr als einem Sinn) und quält, hatten wir im Englisch-Leistungskurs gelesen und diskutiert. Eine intensive, spannende Lektüre – auf der Bühne habe ich Shaffers Stück bisher leider noch nicht gesehen.

Kazuo Ishiguro: The Remains of the Day / Was vom Tage übrig blieb

Am meisten beeindruckte mich beim Lesen, wie meisterhaft der japanisch-stämmige Engländer Ishiguro das Wesen, den Charakter seines Ich-Erzählers allein durch dessen Erzählweise und -sprache vermittelt! Ein wunderschönes, kluges Buch über den Wandel der Zeiten und einen, der damit zu kämpfen hat, weil all seine Lebensüberzeugungen in der alten, vergangenen Zeit wurzeln.

Sehr lohnenswert ist übrigens auch die Verfilmung mit Anthony Hopkins und Emma Thompson!

Carol Ann Duffy: New Selected Poems

Eine tolle zeitgenössische britische Dichterin, die 2009 zum Poet Laureate ernannt worden war. Großartige, starke Gedichte! Besonders liebe ich den Band The World’s Wife, in dem sie bekannte Mythen und Märchen aus weiblicher Sicht und mit ironischem Unterton nacherzählt.

Virginia Woolf: Mrs Dalloway

Mein Lieblingsbuch, als ich achtzehn oder neunzehn war und noch eine ganze Weile danach. Ich folgte der Titelheldin und den anderen Figuren bereits mehrere Male durch den Londoner Sommertag, an dessen Ende Mrs Dalloways Party stattfindet. Ich sollte es bald wieder einmal lesen…

Natürlich gäbe es noch viele Bücher mehr, die ich in meine Bücherkiste packen könnte. Aber ich belasse es bei dieser Auswahl und würde mich freuen, wenn für die eine oder den anderen eine interessante Anregung dabei war.“

Ganz bestimmt, liebe Stefanie! Ich wollte auch immer mal diese „Vorgeschichte“ zu Jane Eyre lesen, gut, dass du mich daran erinnerst. Dir ganz herzlichen Dank für die Einblicke in deine schöne Bücher-Schatz-Kiste!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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23 Antworten zu Bücherkoffer Nr. 26 von Stefanie/Worte und Orte

  1. Pingback: [Philea's] Bücherkoffer Nr. 26 von Stefanie/Worte und Orte - #Literatur | netzlesen.de

  2. andreabreuer schreibt:

    Wirklich schöne Auswahl!!

  3. Ganz nach meinem Geschmack!

    Herzliche Grüße
    Constanze

  4. perlengazelle schreibt:

    Fein, dass die Bücherkisten wieder aufgeklappt werden.
    Jean Rhys habe ich gerade beim Regalsortieren wieder gefunden und beschlossen, sie gleich noch mal zu lesen.
    Mrs Dalloway steht ganz oben auf meiner Wunschliste. Habe ich doch vor ein paar Monaten den tollen Film The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit von Stephen Daldry mit der tollen Meryl Streep gesehen. Der Film verfolgt das Schicksal dreier Frauen aus verschiedenen Generationen, deren Leben mit Virginia Woolfs Roman Mrs. Dalloway in Bezug stehen.
    „Was vom Tage übrig blieb“ hat mich sehr beeindruckt.
    Ian McEwan steht auch schon lange auf meiner Wunschiste
    Also eine rundum tolle Bücherkiste! Nehm ich! 🙂

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      The Hours fand ich auch großartig, ebenso die Verfilmung von Was vom Tage …
      Liebe Grüße!

    • Stefanie schreibt:

      „The Hours“ finde ich auch ganz großartig! Ich habe ihn damals (2003?) im Kino gesehen und wenn mich nicht alles täuscht, habe ich daraufhin erst „Mrs Dalloway“ gelesen. Ich war so beeindruckt, dass ich über die Elemente von „Mrs Dalloway“ in „The Hours“ sogar meine Facharbeit im Leistungskurs Englisch geschrieben habe 😀
      Liebe Grüße

  5. perlengazelle schreibt:

    Da fehlt ein „l“ – und ohne sieht es verdammt blöd aus … 😉

  6. saetzebirgit schreibt:

    Was für ein toller Blog! Und diesen Bücherkoffer hätte ich auch gern…schöne Sachen!

  7. rittiner gomez schreibt:

    was für die langen ferien.

  8. Stefanie schreibt:

    Hallo zusammen!
    Vielen lieben Dank für die netten Kommentare. ❤ Es freut mich sehr, wenn meine Bücherkiste Anklang gefunden hat! Und natürlich freue ich mich auch auf den ein oder anderen neuen Gast auf meinem Blog 🙂
    Zum Rätsel um die Kiste: Es handelt sich um eine alte Holzkiste, die bei meinen Eltern im Keller steht. Da meine Urgroßeltern einen Lebensmittelladen hatten, vermute ich mal, die Kiste stammt noch von ihnen – das Plakat wirbt nämlich für Reis-Stärke mit der Schutzmarke 'Katze'… Ein Foto davon habe ich gerade noch auf Worte und Orte ergänzt: https://worteundorte.wordpress.com/2015/06/20/mein-bucherkoffer-auf-phileas-blog/
    Allen, die demnächst eines der Werke aus meiner Bücherkiste lesen, wünsche ich schon mal ein großes Lesevergnügen!
    Und an Petra noch mal vielen lieben Dank für die tolle Gelegenheit, eine Auswahl meiner Lieblingsbücher vorzustellen!
    Liebe Grüße
    Stefanie

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das war mir ein großes Vergnügen, liebe Stefanie : ) Dein Kisten-Foto bei dir gegenüber gefällt mir – hast du noch weitere tolle Kisten? Für so was wäre ich auch zu haben & würde es nutzen. Ich liebe Kisten, Truhen, aber auch Kästchen und Dosen. Liebe Grüße!

      • Stefanie schreibt:

        Ja, da geb ich dir recht – Kisten, Truhen, Dosen usw. sind eine feine Sache! Bei meinen Eltern stehen ein, zwei tolle alte Truhen. Ich persönlich habe für sowas leider zu wenig Platz, deshalb halte ich mich an schöne Dosen und Kästchen für allerlei Krimskrams 😉
        Liebe Grüße

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