Bücherkoffer Nr. 27 von Claudia/Über den Kastanien

Claudias Blog Über den Kastanien gehört zu jenen Blogs, die die Behauptung, Blogartikel müssten kurz sein, um gelesen zu werden, für mich aufs Schönste widerlegen. Denn ihre Beiträge sind so interessant, dass ich sie auch und besonders wegen ihrer Ausführlichkeit schätze. Ihren Bücherkoffer packt Claudia ebenfalls nicht so nebenbei.

Zuletzt beeindruckt hat mich Claudias Beitrag „Kafka in Berlin“. Der ist nun wieder ein Weilchen her, aber ich hoffe, es folgen noch weitere ihrer hochinteressanten Artikel. Bis dahin freue ich mich über den Bücherkoffer (oder besser: den Bücherrucksack), den sie für uns gepackt hat.

Bücherrucksack_Claudia_Kastanien

„Urlaub ohne Bücher wäre für mich undenkbar. Schon meine Eltern schleppten in jeden Ostseeurlaub eine Tasche mit Büchern mit. Am Meer angekommen gingen wir bald in die Kurbibliothek, wo auch wir Kinder uns noch zusätzliche Ferienlektüre ausliehen. Als wir älter wurden, lasen wir die Bücher oft reihum und der Austausch darüber gehörte zum Urlaub dazu.

Leseparadies in der Maremma

Seit drei Jahren fahren wir nun jeden Sommer in die südliche Toskana, immer an denselben Ort, einem idyllisch gelegenen Bauernhof. Hier, inmitten der Natur nur mit dem wirklich für uns notwendigen Dingen umgeben, können wir uns wirklich erholen. Es gibt genügend stille schattige Plätzchen zum Lesen: die versteckte Hängematte zwischen Bäumen, das Hängebett mitten im Wald oder wenn es gar zu heiß wird, auch das Bett im Haus. Ich lese am liebsten abends auf der von Weinreben eingerahmten Terrasse vor unserer Wohnung mit Blick auf die grünen Hügel, auf denen langsam die Lichter in den kleinen Dörfern angehen. Ab und zu kommt mal eine Katze vorbei und legt sich auf die kühlen Terrassenfliesen oder der Hahn fliegt mit viel Anstrengung auf das Dach des Schuppens. In der Dämmerung werden die Zikaden plötzlich noch mal sehr laut nach dem sie tagsüber fast verstummt sind. Doch auch das stört mich nicht beim Lesen und Träumen.“

HängebettimWald_Claudia_Kastanien

„Der Bücherkoffer oder eigentlich der Bücherrucksack ist immer voll und es fällt mir schwer, mich zu beschränken. Es soll nämlich für jede Lesestimmung das passende Buch vorhanden sein. Eigentlich wollte ich mir deshalb einen E-Book-Reader anschaffen, habe mich dann aber doch fürs Erste dagegen entschieden. Zu groß ist mir die Gefahr des Herumzappens. Schon jetzt lese ich immer mehrere Bücher parallel und manchmal geht das auch zu Lasten des wirklich intensiven Verständnisses.

Für alle Fälle steht uns auch noch eine große Bibliothek in unserem Feriendomizil zur Verfügung. Die deutschen Besitzer haben eine sehr schöne Büchersammlung u. a. mit Klassikern der Weltliteratur, wo ich mir auch schon so manche Leseanregung holte. Im ersten Jahr traute ich mich zum Beispiel mal, bei Arno Schmidt rein zu lesen, denn da standen seine gesammelten Werke und ich konnte ein bisschen mehr verstehen, was seine Fans an diesem Autor so reizt.

Genug der langen Vorrede, jetzt folgt der Inhalt meines Bücherrucksacks für den diesjährigen Sommerurlaub:

Reiner Stach Kafka – Die frühen Jahre

Biographien oder biographische Literatur dürfen auf keinen Fall fehlen in meinem Buchgepäck. In den letzten Jahren hatte ich immer Bücher über Hermann Hesse dabei. Auf unseren Reisen nach Italien und wieder zurück nach Deutschland konnten wir uns passend dazu in Montagnola, Calw und Gaienhofen einstimmen oder das Gelesene nachwirken lassen. Kafka hat zwar auch Italien besucht, aber Riva am Gardasee (gehörte damals allerdings zu Österreich-Ungarn) und Venedig liegen (diesmal) nicht auf unserer Reiseroute. Kafka habe ich, angeregt durch einen Prag-Besuch im vergangenen Jahr, wieder für mich entdeckt und ich bin deshalb schon sehr gespannt auf das dreibändige biografische Mammutwerk, das der Literaturwissenschaftler und Lektor Reiner Stach 2014 nach 18 Jahren intensiver Recherchearbeit fertig gestellt hat.

Der Schreibstil Reiner Stachs wurde vielfach gelobt und die Kafka-Biografie soll wohl auch mehr in der Art eines biografischen Romans geschrieben sein. Es erwartet mich also keine trockene Biografie und das steigert natürlich noch meine Vorfreude auf dieses Buch. Der Band Kafka – Die frühen Jahre, welcher in diesem Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse im Bereich Sachbuch nominiert war, erschien erst im Herbst 2014, obwohl er chronologisch natürlich der erste ist. Das hängt mit den dürftigen Quellen zusammen, die für diesen Abschnitt von Kafkas Leben zur Verfügung stehen. Es gibt aus den frühen Jahren keine Tagebücher und es sind auch nur wenige Briefe erhalten. Bisher unveröffentlichte Briefe und Tagebücher von Kafkas Freund und Nachlassverwalter Max Brod wären sicher eine große Hilfe bei der Recherche gewesen. Leider ist der Nachlass von MaxBrod aber immer noch juristisch umkämpft. Reiner Stach konnte für Die frühen Jahre wenigstens einige unpublizierte Notate von Max Brod auswerten.

Anne von Canal Der Grund

Für eine gedankliche Abkühlung zur Siestazeit kann vielleicht der Debütroman der Autorin mit dem wunderschönen Namen Anne von Canal beitragen. Das Buch Der Grund aus dem mareverlag handelt im hohen Norden, genauer gesagt in Schweden und Estland. Anne von Canal, Jahrgang 1973, arbeitete viele Jahre in Verlagslektoraten bevor sie selbst zu schreiben anfing. Nach Germanistik und Anglistik studierte sie auch Skandinavistik. Erst für dieses Studienfach entwickelte sie Leidenschaft, ein Jahr lebte sie in Oslo.

Laurits Simonsen, der eigentlich Konzertpianist werden wollte, besteht unerwarteter Weise die Prüfung am Musikkonservatorium nicht. Er beugt sich dem Wunsch des Vaters und wird Mediziner. Mit Frau und Tochter lebt er scheinbar ein glückliches Leben. Bis es auf einem Familienfest zu einem Eklat kommt und ihm deutlicher als vorher bewusst wird, welchen Einfluss sein dominanter Vater auf sein Leben hatte und auch noch hat. Laurits trifft zum ersten Mal eine wirklich selbständige Entscheidung, mit dramatischen Folgen. Das klingt nach einer spannenden Lektüre mit gleichzeitig psychologischen Tiefgang.

Aufmerksam geworden auf dieses Buch bin ich durch die differenzierten Besprechungen vom Kaffehaussitzer und von Thomas Brasch, der den Roman gern für den Deutschen Buchpreis nominiert hätte. Wie viel Einfluss kann man auf seinen eigenen Lebenslauf nehmen? Wie ist das Verhältnis zwischen Fremd- und Selbstbestimmung und wie oft kann man neu anfangen? Das sind Fragen, die sich beide Rezensenten stellen und die mich neugierig machen auf die Antworten, die der Roman vielleicht hierfür in petto hat.

Klaus Modick Konzert ohne Dichter

Das Buch wanderte gleich nach Erscheinen auf meine Lesewunschliste, denn die Künstlerkolonie Worpswede fasziniert mich schon lange. Mehrmals habe ich den Ort besucht und mir gefällt es dort immer wieder gut trotz der touristischen Vermarktung, der vielen Besucher und der überall anzutreffenden vor allem weiblichen Hobbymaler. Bisher wandelte ich vor allem auf den Spuren von Paula Modersohn-Becker, die sogar in meiner Heimatstadt geboren wurde, was ich erst spät erfuhr, da man sich in Dresden meist mit anderen Kindern der Stadt schmückt. Ich habe mit Begeisterung viel über sie und ihre Beziehungen zu den Künstlerfreunden und -freundinnen gelesen, sowohl in Ausstellungskatalogen, Biographien, Tagebüchern als auch in biografischen Romanen und natürlich habe ich mir ihre Bilder angesehen wo immer es für mich möglich war.

Klaus Modicks Roman dreht sich nun vor allem um die Künstlerfreundschaft zwischen dem Maler Heinrich Vogeler und Rainer Maria Rilke. ‚Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff‘, das berühmte Gemälde Vogelers, diente dem in Oldenburg geborenen Autor als Inspiration für sein Buch. Wie die Idee zu seinem Roman entstand ist hier in einem Interview mit Radio Bremen auf der Leipziger Buchmesse nachzuhören.

Leider ist es mir noch nie gelungen bei meinen Worpswede-Besuchen, den ‚Barkenhoff‘ von innen zu sehen. Zweimal reichte die Zeit, die bei Tagesbesuchen ohnehin immer knapp ist, nicht aus und einmal hatte das Museum wegen Ausstellungswechsel geschlossen. Den Garten habe ich mir allerdings angeschaut und konnte mir gut die sommerabendlichen Treffen der Künstlerfreunde vorstellen.

Modicks Romanhandlung setzt im Jahr 1905 zu einer Zeit ein, in der Heinrich Vogeler auf dem Höhepunkt seines Erfolges ist und doch von Zweifeln geplagt wird, ob er seine künstlerische Eigenständigkeit bewahren kann oder sich zunehmend vom Kunstmarkt beeinflussen lässt. Der Jugendstilkünstler malte nicht nur sondern war auch im kunstgewerblichen Bereich tätig. Er entwarf Möbel, Bestecke, Gläser und war damit sogar erfolgreicher als mit seinen Bildern. Im Bremer Rathaus stattete er die sogenannte ‚Güldenkammer‘ vollständig im Jugendstil aus. Während des ersten Weltkrieges wandte er sich dem Expressionismus zu. Er sympathisierte mit der Arbeiterbewegung und gründete 1919 eine Kommune mit angeschlossener ‚Arbeitsschule‘ auf dem Barkenhoff. Vogeler ging 1931 in die Sowjetunion und starb dort 1942 unter tragischen Umständen.

Auf dem berühmten Gemälde fehlt Rainer Maria Rilke, der Dichterfreund Vogelers. Die Freundschaft der beiden, welche ohnehin fragil war, zerbricht. Mich hat es schon immer etwas verwirrt, dass auf dem Bild alle Menschen so unglücklich aussehen. Ich hatte mir einen Sommerabend auf dem Barkenhoff irgendwie beschwingter und heiterer vorgestellt. Doch es scheint so zu sein, dass in der Künstlerkolonie sehr viele verschiedene und manchmal auch schwierige Charaktere aufeinander treffen. Folgerichtig entwickeln sich die Lebensläufe der Künstler nach der gemeinsamen Zeit auch sehr unterschiedlich. Klaus Modick soll Rilke, dessen Frühwerk er kitschig findet, etwas vom Sockel herunter gehoben haben, in dem er seine Unfähigkeit lebenspraktische Dinge zu bewältigen, thematisiert. Immerhin schätzte Rilke aber als einer der wenigen die Werke seiner Freundin Paula Modersohn-Becker und kaufte ihr als erster eines ihrer Bilder ab.

In einer Bemerkung im Buch benennt der Autor Klaus Modick die Recherchequellen für seinen Roman, warnt aber ausdrücklich davor, die Geschichte als reine Wahrheit auf zu fassen. Die drei Tage, um die sich die Handlung rankt, sollen wohl in etwa so abgelaufen sein wie beschrieben. Die Rilke-Zitate, zum Beispiel, sind aber anderen Zusammenhängen entnommen. Flattersatz hat auf seinem Blog das Buch ausführlich besprochen. Er merkt an, dass es für jemanden, der nicht gerade Kunsthistoriker ist, sehr schwer ist, zwischen Wirklichkeit und Fiktion in diesem Buch zu unterscheiden. Es besteht die Gefahr, dass das Gelesene sich als historische Wahrheit im Gedächtnis festsetzt. Ein Umstand der mich als Leserin von biographischen Romanen oder Büchern mit starkem historischen Bezug schon lange beschäftigt. Wie viel Fiktion vertragen diese Bücher, um für mich glaubhaft zu sein oder zumindest eine Wahrheit zu transportieren? Ich bin jedenfalls sehr neugierig auf dieses Buch und hoffe auch, dass ich die Sprache, die manche Rezensenten zu weilen als sehr schwülstig, dem Jugendstil angepasst, beschrieben, beim Lesen aushalten kann.

Katja Petrowskaja Vielleicht Esther

Für ihre Erzählung Vielleicht Esther erhielt die 1970 in Kiew geborene Autorin 2013 den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2014 erschien ihr gleichnamiges Buch. Seitdem steht es auch auf meiner Wunschliste, denn es enthält Katja Petrowskajas Suche nach ihren familiären Wurzeln, ein Thema, welches mich in seiner unterschiedlichen literarischen Umsetzung meist unmittelbarer berührt als andere, die weniger mit meinem Leben zu tun haben. Die Autorin geht davon aus, dass jeder so seine Wahrheit der eigenen Familiengeschichte im Kopf hat. Man kennt die Geschichten, die in der Familie erzählt werden, schaut Fotos an und hat natürlich die eigenen Erinnerungen. Doch ist das schon wirklich die Wahrheit? Katja Petowskaja versucht in einzelnen Geschichten der Wahrheit nahe zu kommen und doch bleibt vieles im Ungewissen. Der Umschlag des Buches zeigt Notizen der Großmutter der Autorin, die in den letzten Lebensjahren ihre Memoiren aufschrieb, auch noch als sie schon vollständig blind war. Katja Petrowskaja hat ihre Familiengeschichte, die sehr vielgestaltig ist, in einzelnen Erzählungen festgehalten. Sie enthalten keine Fiktion, sind aber in einer poetischen Sprache abgefasst, die mir beim Reinlesen gleich gefallen hat. Katja Petrowskaja schrieb das Buch nicht in ihrer russischen Muttersprache sondern in deutscher Sprache, welche sie erst mit 26 Jahren begann zu lernen. Hier kann man sich ein Interview mit der sympathischen Autorin ansehen.

Literatur aus Italien

Ich fühle mich als Ignorantin der Kultur unseres Gastgeberlandes, wenn ich keine italienische Literatur dabei habe. Deshalb ist jetzt jedes Mal wenigstens ein Buch eines italienischen Autors im Gepäck. Nachdem ich letztes Jahr kein Leseglück mit den Erzählungen von Elsa Morante hatte, deren Düsternis ich damals gerade nicht ertragen konnte, will ich es diesmal mit Italo Calvino versuchen, von dem ich tatsächlich noch nie etwas gelesen habe, was sicher ein großes Versäumnis ist. In der Bibliothek suchte ich mir Wenn ein Reisender in einer Winternacht aus, laut Klappentext sein internationaler Durchbruch.

Außerdem habe ich mir vorgenommen, diesmal etwas häufiger in mein Italienischlehrbuch für den Urlaub zu schauen bzw. zu hören. Nicht immer sind alle Speisekarten ins Englische übersetzt und es ist einfach schön, wenn man mit einigen italienischen Floskeln in Geschäften oder Cafés gleich noch viel freundlicher bedient wird. In den abseits der Touristenströme gelegenen Dörfern der Maremma spricht auch nicht jeder Bewohner englisch und deutsch schon gleich gar nicht.

In diesem Sinne wünsche ich euch ‚Buone vacanze‘und einen schönen Lesesommer!“

Ein toller Bücherrucksack, liebe Claudia! Dir ganz herzlichen Dank fürs Mitmachen und einen wunderschönen Urlaub : )

 

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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13 Antworten zu Bücherkoffer Nr. 27 von Claudia/Über den Kastanien

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  2. flattersatz schreibt:

    ich stelle einen ziemlich ähnlichen büchergeschmack fest… von Canal, Modick, Petrowskaja… alle auch von mir gerne gelesen (nur mit dem grund bin ich nicht richtig warm geworden…)
    danke auch für die erwähnung!
    lg
    fs

    • Kastanie schreibt:

      Nun ist mein Urlaub vorbei und ich habe u. .a. „Der Grund“ gelesen und bin leider auch etwas enttäuscht von dem Buch. Die angesprochene Thematik ist interessant, aber leider ist die Autorin, meiner Meinung nach, den Dingen nicht genügend auf den grund gegangen. Deine Rezension deckt sich deshalb mehr mit meiner Leseempfindung als es die im Vorfeld gelesenen sehr enthusiastischen Meinungen tun. Vielleicht schaffe ich es, dazu noch eine ausführliche Besprechung zu schreiben. Liebe Grüße, Claudia

      • flattersatz schreibt:

        ach, liebe kastanie (bei uns vor´m haus siehst du übrigens prächtig aus… 😉 ), das würde mich freuen, denn bis dato bin ich mit meiner eher etwas zurückhaltenden begeisterung ja etwas einsam….

        liebe grüße
        gerd

  3. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Petra, liebe Claudia,
    danke für die Vorstellung von Klaus Modicks Konzert ohne Dichter. Ich habe auch viel über Paula Modersohn-Becker, besonders betroffen machte mich das Buch „Eine Biographie in Briefen“ von Marina Bohlmann-Modersohn. Sehr empfehlenswert.
    Die Wahrheit in Romanen. Das ist ein Thema für sich. Selbst Quellen sind auf den Wahrheitsgehalt zu prüfen und die absolute Wahrheit, die gibt es nicht. Sie kann durch verschiedene Methoden der Geschichtsschreibung angenährt werden. Aber selbst die Geschichtsschreibung ist von den Epochen geprägt. Selbst Augenzeugen sind zu hinterfragen, weil sich die Ereignisse mit der Zeit ändern. Augenzeugen vom World Trade Center haben 10 Jahre nach dem Ereingnis völlig andere Erlebnisse als Wahrheit berichtet. Teilweise hat sich sogar ihr Standort der Beobachtung der Ereignisse geändert.
    Ich persönlich würde aus Romanen nichts als Wahrheit sehen. In meinem letzten Seminar der theoretischen Wissenschaften war ein Archäologe, der bei der Diskussion sogar Golo Manns Werk als Erzählung / Roman und nicht als Geschichte sah. Und Golo Mann war Historiker.
    Es ist also ein wirklich schwieriges Thema!
    Viel Spaß beim Lesen im Urlaub und einen schönen Abend von Susanne

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Susanne, ja, das mit der Wahrheit ist so eine Sache. Ich denke auch, dass beispielsweise in Biographien immer nur Facetten einer Person beleuchtet werden können, dass zwei verschiedene Biographen auch zwei unterschiedliche Biographien zu ein- und derselben Person schreiben, weil sie andere Schwerpunkte setzen, ihnen andere Quellen zugänglich sind etc. Die Wahrheit schlechthin, eine objektive Wahrheit – ich glaube, das ist kaum zu erreichen, wir sind geprägt, das prägt unseren Blick, wir sind zu subjektiv, um wirklich objektiv sein zu können. Liebe Grüße!

      • Susanne Haun schreibt:

        Liebe Petra, ich war so erstaunt als ich lernte, dass jede Epoche die Geschichte neu schreibt. Am erstaunlichsten finde ich die Änderungen der Geschichtsschreibung nach dem 2. Weltkrieg. Und auch jetzt, wo die Augenzeugen dieses Krieges langsam aussterben, gibt es immer wieder neue Wahrheiten aufgrund der Betrachtungsweisen. Diese Erkenntnis hat meinen Blick sehr geöffnet.
        Liebe Grüße von Susanne

    • Kastanie schreibt:

      Liebe Susanne, liebe Petra, die objektive Wahrheit gibt es tatsächlich nicht, aber das Thema beschäftigt mich trotzdem sehr und ich bin auch immer wieder überrascht wie unterschiedlich auch geschichtliche Ereignisse interpretiert werden können. Der Blickwinkel spielt wirklich eine entscheidende Rolle. Golo Mann kenne ich zu wenig, um einschätzen zu können, ob er nun Sachbücher oder Romane geschrieben hat. In historischen oder biografischen Romanen gibt es aber immer viele Fiktionen, die vom Leser als „wahr“ empfunden werden und andere werden sofort als Phantasie „entlarvt“. Ich begann mich damit zu beschäftigen nachdem ich das Buch „Freuds Schwester“ gelesen hatte, welches nach meinem Geschmack viel zu viele Fiktionen enthält. Das wäre mal einen Artikel wert… Liebe Grüße, Claudia

  4. Constanze Matthes schreibt:

    Stachs dritter Teil seiner Kafka-Biografie und „Vielleicht Esther“ haben mir sehr gefallen. Stach hat wirklich eine sehr interessante Art zu schreiben, sehr viel Wissen verpackt er in einen sowohl erklärenden wie anschaulichen Text. Man hatte nahezu das Gefühl, mit Kafka in Prag zu sein oder ihn auch zu begleiten.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Von Stach kenne ich bislang nur das wirklich gute und überraschend amüsante Buch Ist das Kafka? Lesenswert, besonders wohl, wenn man, wie ihr, auch die Kafka-Biographie gelesen hat. Aber es geht auch so sehr gut ; )

    • Kastanie schreibt:

      Liebe Constanze, liebe Petra, die Kafka-Biografie habe ich nun angefangen zu lesen. Ich bin erst wenige Seiten weit vorgedrungen, aber mich begeistert schon jetzt, wie umfassend Stach recherchiert hat. Viele biografische Details kenne ich aus anderen Biografien aber der Autor hat sich die Mühe gemacht, diese in einen größeren historischen oder auch psychologischen Zusammenhang zu stellen und das beeindruckt mich sehr. Von Stachs „Ist das Kafka?“ habe ich gehört, das werde ich vielleicht auch noch lesen, wenn meine „Kafka-Phase“ noch länger anhält… „Vielleicht Esther“ lese ich gerade noch. Nachdem ich mich auf den stark assoziierenden Schreibstil einlassen konnte, lese ich es mit viel Interesse. Liebe Grüße, Claudia

      • Constanze Matthes schreibt:

        Ja, Stach versteht es, über die Zeit von Kafka sehr plastisch zu erzählen, gesellschaftliche, politische wie kulturelle Entwicklungen darzustellen. Außerdem schafft Stach es, nicht nur über Kafka als Autor zu berichten, sondern auch den Mensch Kafka in den Fokus zu rücken. Viele Grüße PS: VIelleicht Esther fand ich sehr berührend!

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