Autobiographie von Alice B. Toklas

ToklasSoeben las ich mit Bedauern die wunderbare und sehr amüsante Autobiographie von Alice B. Toklas von Gertrude Stein zu Ende. Mit Bedauern, weil dieses Buch (interessanterweise als Roman bezeichnet, dazu später mehr) wirklich überaus kurzweilig zu lesen ist mit all dem Tratsch und den vielen, vielen Begegnungen und Begebenheiten aus den Leben von Gertrude Stein und Alice B. Toklas. Ich hätte noch beliebig lange darüber lesen können.

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich habe zwar schon eine Menge über Gertrude „A-rose-is-a-rose-is-a-rose“ Stein (und Alice B. Toklas (bezeichnend, dass ich sie in Klammern setze, und seltsam passend, wie ihr noch sehen werdet) gelesen, aber eben noch nie etwas von ihr. Hinzu kam die famose Darstellung Gertrude Steins durch die Schauspielerin Kathy Bates in Woody Allens Film „Midnight in Paris“. Famos deshalb, weil sie sie genauso spielte, wie ich mir die amerikanische Schriftstellerin nach allem, was ich über sie gelesen hatte, vorstelle: etwas kauzig, etwas sperrig, etwas selbstherrlich in ihrem Auftreten und in ihren Urteilen, aber auch sehr interessiert an neuen Strömungen, an Menschen und selbst eine hochinteressant Person. So ähnlich stellte ich mir auch ihre Werke vor, also besonders etwas kauzig und sperrig, weswegen ich mich bislang nicht daran wagte. Wäre doch schade, wenn mir so eine Ikone zu sperrig zu lesen wäre.

Umso erfreuter las ich in meinem Literaturkalender die Empfehlung eben jener Autobiographie, die ich mir alsbald besorgte, da sie perfekt in mein Beuteschema passt (Paris, Kunst, Literatur, abgedeckt wird die Zeit bis 1932) – und hervorragend zu anderen Büchern über und aus jener Zeit, etwa Sylvia Beachs Shakespeare and Company, Adrienne Monniers Aufzeichnungen aus der Rue de l’Odéon, Djuna Barnes Ladies‘ Almanach, Paris war eine Frau von Andrea Weiss, Flaneur in Paris von Guillaume Apollinaire, oder auch Ernest Hemingways Paris / Ein Fest fürs Leben. Und was soll ich sagen: Es lohnt sich! Aus vielen Gründen.

Man lernt beispielsweise beim Lesen, dass Kommasetzung überschätzt wird. Auffallend an diesem Roman ist nämlich die Kommasetzung bzw. eher die Nichtsetzung. Das war typisch für Gertrude Stein und diese Zeichensetzung ist somit ein sichtbares Zeichen dafür, dass Stein geschrieben hat und nicht Toklas, wie es bei einer Autobiographie (wenn sie sich nicht als Roman tarnt) üblich wäre. Verzwickt, nicht wahr? Schließlich wird ja nirgendwo behauptet, dass Toklas geschrieben habe. Sie ist die Erzählerin. Im Roman. Ihrer Autobiographie. Die fehlenden Kommas jedenfalls waren anfangs gewöhnungsbedürftig, dann aber überraschend egal.

Dann ist da dieser offensichtliche Kniff, dass Gertrude Stein die Autobiographie ihrer Lebensgefährtin als Roman verfasst hat. Toklas erzählt aus ihrer Perspektive von ihrem Leben mit Stein, dadurch ist der Roman, der für mich nicht als Roman daherkam, automatisch eine Doppelbiographie der beiden Frauen, der Autorin und der Erzählerin. Wobei die Erzählerin die Autorin stets mit vollem Namen nennt, nie nur Gertrude, als wolle sie ihrer Person unter all den berühmten Persönlichkeiten, die das Buch bevölkern, eine besondere Stellung, ein größeres Gewicht verleihen.

Ebenfalls raffiniert an diesem Kniff: Man erfährt vor allem viel über Steins Gedanken über Kunst, Literatur, über das Schreiben selbst, darüber, wie ihre Werke aufgenommen wurden und so weiter. Natürlich auch über die Leute, mit denen sie verkehrte, und die Art ihrer Beziehungen zueinander. Kurz: Man erfährt vor allem und viel mehr über die Schriftstellerin und begnadete Networkerin wie auch über viele andere Personen als über die Erzählerin, deren Autobiographie das Buch ja eigentlich sein soll. Vielleicht logisch, weil Toklas‘ Leben so eng verwoben war mit Steins und dem der vielen anderen, die im Roman genannt werden und im Leben der beiden so große Rollen spielten. (Irgendwie widerstrebt es mir, von diesem Buch als Roman zu sprechen.) Besonders die Freundschaften zwischen Stein und Picasso oder auch zu Juan Gris werden in vielen Szenen lebendig.

Selten erfährt man etwas über Toklas. Immerhin weiß ich nun, dass sie Gobelinstickereien liebte (nach Entwürfen von Picasso übrigens) und selbst ein ziemliches Kommunikationstalent besessen haben muss (das zeigt sich besonders an ihren Aktivitäten für die Verwundeten während des 1. Weltkriegs), auch wenn sie sich ansonsten eher um die Begleitung der diversen Genies kümmern sollte, ums Korrekturlesen und Organisieren.

Aber wie empfand sie das? Wie war es, Steins Lebensgefährtin zu sein? Hat ihr das gereicht? Vermutlich nicht; gegen Ende wird mehr über ihre Tätigkeiten als Herausgeberin der Werke – natürlich – Steins berichtet. Schon damals war es wichtig, den Buchhandel zu begeistern und Rezensionen „großer Namen“ zu bekommen. Dennoch hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass Toklas aufging im Leben ihrer Lebensgefährtin. Ob es wirklich so war oder das eben doch eher die Perspektive der Schriftstellerin war als die der Erzählerin, kann ich nicht sagen. Wie muss sich Toklas dabei gefühlt haben, dass ihr eigenes Leben von dem Steins so bestimmt wurde – oder so bestimmt zu sein schien, zumindest dieser Autobiographie nach? Und obwohl so viel Künstler- und Literatentratsch – der das Buch so vergnüglich macht – vorkommt, hält sich die Schriftstellerin und damit auch die Erzählerin sehr bedeckt, wenn es um die beiden als Paar geht, um Privates.

Wie dem auch sei: Das Buch ist überaus lesenswert und hat mir sogar Lust gemacht, mich noch an andere Werke von Gertrude Stein zu wagen, beispielsweise an ihre Porträts.

Übersetzt wurde meine Ausgabe aus dem Arche-Verlag von Roseli und Saskia Bontjes van Beek.

 

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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20 Antworten zu Autobiographie von Alice B. Toklas

  1. Pingback: [Philea’s] Autobiographie von Alice B. Toklas – #Literatur

  2. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Petra,
    ich habe das Buch ganz oben auf meinen Wunschzettel gestellt. Ich finde die Sichtweisen der Berichterstattung, von denen du schreibst, sehr interessant. Und natürlich finde ich Gertrude Stein als Kunstsammlerin interessant.
    Einen schönen Abend wünscht Susanne

  3. Wolfgang Schnier schreibt:

    Vielen Dank für diesen Hinweis! Hört sich so an als wäre das etwas für ein paar genüssliche Herbstabende!

  4. Druckschrift schreibt:

    In Druckschrift habe ich mich auch immer wieder mit dem literarischen Leben im Paris der 20er und 30er Jahre befasst und kenne und liebe die in Deinem Beitrag erwähnten Bücher. Ich sehe ja, dass jetzt die Toklas-Biografie „fällig“ ist 🙂

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Wie schön, noch eine Interessentin : ) Passt wirklich wunderbar in die Reihe, wird dir bestimmt auch zusagen! Wie ich gesehen habe, gibt es wohl eine Art Fortsetzung, klingt auch interessant: „In 1937 Gertrude Stein wrote a sequel to The Autobiography of Alice B. Toklas, but this darker and more complex work has been long misunderstood and neglected. An account of her experiences as a result of writing a bestseller, Everybody’s Autobiography is as funny and engaging as The Autobiography of Alice B. Toklas, but it is also a searing meditation on the meaning of success and identity in America. Posing as the representative American, Stein transforms her story into history — responding to the tradition of Thoreau and Henry Adams, she writes: “I used to be fond of saying that America, which was supposed to be a land of success, was a land of failure. Most of the great men in America had a long life of early failure and a long life of later failure.” Everybody’s Autobiography is Stein at her most accessible and her most serious; it should prove to be among her most popular books. “ (Gefunden bei Amazon)

  5. suzy schreibt:

    Danke für den wunderbaren Tip! Und ja, ich finde auch dass Kommasetzung überschätzt wird, das käme mir als ständigen Komma-Falsch-Setzer sehr zu Gute 🙂

  6. Liebe Petra,
    diese beiden, in völlig unterschiedlicher Art so exaltierten Damen haben michschon immer interessiert. Nun steht das Buch dank Deiner schönen und Leselust maxhenden Besprechung erstmal auf der Liste. Das ist schon mal ein guzes Zeichen, dass ich das BUch auf jedn Fall lesen werde. Die Frage ist bloss, wann… na schaun mer mal, wie der Teamchef zu sagen pflegte.

    Liebe Grüsse
    Kai

  7. Schröersche schreibt:

    Ja, ein wirklich schönes Werk, und auch Shakespeare & Companie habe ich gerne gelesen. Es gibt noch das Kochbuch der Toklas, und das ist nur eine andere Art, über ihre Zeit und die Menschen darin zu lesen; hat mir auch außerordentlich gefallen (engl. Ausgabe bei der Folio Society). Ich kann mich bei der Lektüre (englisch) vor vielen Jahren gar nicht mehr an die Komma- Anwendung erinnern, möchte sie in meinem Leben aber nicht missen, Semikolon inklusive.

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