Elisabeth und Essex

Meine Manesses in voller Pracht, auf Augenhöhe & in der ersten Reihe

Meine Manesses in voller Pracht, auf Augenhöhe & in der ersten Reihe

Im Bücherkoffer für unsere Ferien in Griechenland befanden sich unter anderem Romane aus meinem Manesse-Regal, darunter auch Lytton Stracheys 1928 erschienenes Buch Elisabeth und Essex. Eine tragische Historie (Übersetzung und Nachwort von Hans Reisiger) – die spannend erzählte Chronik einer gefährlichen Freundschaft.

Lytton Strachey, Virginia Woolfs „perfekter Freund“ und Mitglied der Bloomsbury Group, war kein sehr langes Leben vergönnt (er wurde nicht ganz 52 Jahre alt), aber ein sehr interessantes. Bei Wikipedia ist zu lesen: „Schlank, dunkel, mit Falsett-Stimme und von gefürchtetem trockenem Humor war Lytton Strachey eine der faszinierendsten Persönlichkeiten der Bloomsbury Group. E. M. Forster setzte ihm als Viscount Risley in seinem Roman Maurice ein Denkmal.“ Ich hatte schon viel über ihn gelesen, aber noch nie etwas von ihm. Und gleich das erste Buch ein Volltreffer.

Zum Inhalt: England befindet sich in Umbruchstimmung, „Aber der Geist des alten Feudalismus war noch nicht völlig erschöpft. Noch einmal, eh es mit seiner Herrschaft aus war, flammte er auf, verkörpert in einer einzelnen Gestalt – Robert Devereux, Earl of Essex. Glorreich war diese Flamme –, sprühend in den Farben aller Herrlichkeit glänzenden Rittertums von einst; aber sie verzehrte sich selbst; wild lodernd fuhr sie hin und her im Wind, um jählings zu erlöschen.“ (S. 8)

1567 geboren, verlor Robert Devereux mit neun seinen Vater, der von der Königin zum Earl of Essex erhoben worden war. Seine Mutter, Lettice Knollys, war die Enkelin einer Schwester Anna Boleyns, was die Königin zu Roberts Großtante machte. Lettice heiratete später den Earl of Leicester, einen Günstlings Elisabeths, „der vom Augenblick ihrer Thronbesteigung an ihren Hof beherrscht hatte“ (S. 10). Nach seinen Jahren auf dem Trinity College und wurde Robert mit 18 General der Reiterei und hatte erste Turniererfolge. Er „liebte die Jagd und jeden männlichen Sport; aber er liebte auch die Bücher“ (ebd.) Am Hofe bezauberte der gut aussehende Earl die 53jährige Königin und bald waren sie unzertrennlich. Das war 1687 und der Auftakt zu einer wechselvollen Beziehung, ungleichgewichtig von Anfang an, denn am Ende war Elisabeth stets die Überlegene. Die Königin ließ sich gern bezaubern, aber nicht befehlen.

Strachey beschreibt die Menschen des elisabethanischen Zeitalters in Gegensatzpaaren: verschlagen und naiv, fromm und sinnlich, manche wie John Donne von intellektuellem Scharfsinn und unbefangener Gläubigkeit, rohe Sitten und ästhetisches Gespür, die „höchste Verkörperung des Elisabethanismus – Elisabeth selbst“ (S. 18). Sie sei kompliziert gewesen, kleinmütig fanden sie die spanischen Gesandten, unentschieden, gut in der Kunst der Verstellung, sparsam, vernünftig, beharrlich, aber auch wankelmütig (S. 18 – 21). Da sie so unentschlossen gewesen sei und Kriege vermied, habe sie genug Zeit geschunden, England als zivilisiertes Land in die Renaissance zu führen. Sie liebte es zu tanzen, zu jagen, sprach sieben Sprachen, lachte laut und war rasch gereizt im Guten wie im Bösen. Sicher eine hochfaszinierende Freundin – aber eben auch eine gefährliche.

Essex verstand es, ihre Gunst immer wieder zu gewinnen, obwohl er sie sich oft verscherzte. Doch das Auf und Ab ihrer Beziehung trudelte abwärts, bis es für ihn ein furchtbares Ende nahm. Immer wieder versuchte er, ihre Meinung in politischen Entscheidungen zu beeinflussen, meist erfolglos. Und diese Misserfolge verdrossen ihn und verleiteten ihn zu unklugen Aktionen. Ausgerechnet Francis Bacon, dem er lange Wohltäter war, trug zu seinem Ende bei. Allerdings hatte er ihn auch gewarnt und ihm prophezeit, was passieren könnte. Doch Essex war ebenso eigenwillig wie Elisabeth.

Obwohl man von Anfang an ungefähr weiß, wie das Ganze enden wird, bleibt die Lektüre spannend. Auch weil Strachey das Hin und Her der unentschlossenen Königin und Essex‘ Beweggründe so gut und nachvollziehbar beschreibt. Ich rate zu!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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4 Antworten zu Elisabeth und Essex

  1. Pingback: [Philea’s] Elisabeth und Essex – #Literatur

  2. Anton Goldberg schreibt:

    Von Strachey habe ich auch einmal etwas gelesen, im Rahmen meines Studiums und auf Englisch. Ich weiß nicht mehr, worum es konkret ging – entweder um viktorianische Städte oder aber die Rolle der Frau im viktorianischen Zeitalter oder etwas völlig anderes Viktorianisches, Jedenfalls: viktorianisch war es! Und ich weiß auch noch, dass es mir gut gefallen hat; erstens weil ich ohnehin ein gewisses Faible für das Viktorianische und weiter auch für das Fin dé Siècle habe, zweitens weil Strachey einen sehr schönen Stil hatte. Wenn die deutschen Übersetzungen gelungen sind, würde ich auch gerne einmal etwas von ihm auf Deutsch lesen. Warum nicht Elizabeth & Essex? Schöner Tipp, danke!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Schau mal, bei Wikipedia fand ich dazu folgendes:
      „Sein erster großer Erfolg und sein bekanntestes Werk war das 1918 veröffentlichte Eminent Victorians, eine Sammlung von vier Kurzbiographien viktorianischer „Helden“. Mit seiner typisch sarkastischen Art zeigte er ihre menschlichen Schwächen auf und das, was er für die Heuchelei im Zentrum der viktorianischen Moral hielt. 1921 folgte das in ähnlichem Stil verfasste Queen Victoria.“ Vielleicht war es ja eins von diesen beiden? Die klingen jedenfalls beide interessant.

      • Anton Goldberg schreibt:

        Ja, es war ein Auszug aus „Eminent Victorians“, und zwar der über Florence Nightingale, „the Lady with the lamp“ – ich erinnere mich! So kam ich auch auf ´die Rolle der Frau im Viktorianischen Zeitalter´, weil Florence Nightingale diese gewissermaßen konterkariert… bzw. eine Art „Über-Angel-in-the-house“ wird… Vielen Dank für die Recherche! 🙂

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