Kokoro

Manesses1Ein weiterer Manesse-Band für den Bücherkoffer war der Roman Kokoro des japanischen Schriftstellers Sôseki Natsume. Ein wunderschöner Roman über Jugend, Zuneigung, Liebe, Feigheit, Verrat und Einsamkeit. 1914 geschrieben; übersetzt und mit einem sehr guten Nachwort versehen von Oscar Benl.

Kokoro heißt Herz – und wer kann schon einem anderen ins Herz schauen? Die tiefsten Geheimnisse werden nur in großer Zuneigung und vor allem in größtem Vertrauen geteilt.

Der Roman Kokoro ist in drei Teilen erzählt, der erste heißt „Der Sensei und ich“. „Ich habe immer ‚Sensei‘ zu ihm gesagt“ lautet der erste Satz des Erzählers, eines Studenten vom Lande, der in Tokio studiert und sich auf den ersten Blick zu dem älteren Mann hingezogen fühlt. Er beschreibt im Rückblick, wie sie sich kennenlernten und er sich bemühte, die Beziehung zu vertiefen. Sie freunden sich tatsächlich an und obwohl der junge Mann dem Sensei sein Vertrauen schenkte, gelang es ihm lange nicht, dessen absolutes Vertrauen zu erringen und in sein Geheimnis, das Innerste seines Wesens vorzudringen.

Dieses Geheimnis wird zur Besessenheit des Erzählers, für den der Sensei interessanter ist als die Studien, die er betreibt, den er als seinen Lehrer betrachtet. Es muss ein trauriges Geheimnis sein. Auf den ersten Blick scheint es dem Sensei gut zu gehen, er ist glücklich verheiratet mit einer liebenswerten Frau und muss nicht arbeiten, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Doch er ist sehr verbittert und hält nicht viel von den Menschen. Warum besucht er jeden Monat allein das Grab eines Freundes, der in jungen Jahren starb? Welche Erfahrung hat ihn zu seiner schlechten Meinung über die Menschen gebracht? Nur Andeutungen und Bruchstücke kann der Erzähler ihm entlocken.

Nach Abschluss seines Studiums reist er nach Hause und der zweite Teil des Romans beginnt, „Meine Eltern und ich.“ Zurück auf dem Lande fallen dem jungen Mann die großen Unterschiede zum Stadtleben auf, die Regeln, an die sich seine Eltern halten, damit die Nachbarn nicht schlecht über sie sprechen, ihre Einfachheit. Tokio hat ihn geprägt, er will zurück in die Stadt, um dort zu leben und auch, um dem faszinierenden Sensei nahe zu sein.

Sein Vater aber ist todkrank und der Erzähler sorgt sich um ihn und seine Mutter. Er schafft es, seinen neuerworbenen Dünkel beiseite zu schieben und seinen Eltern für die Dauer seines Aufenthalts der Sohn zu sein, den sie sich wünschen. Doch in der entscheidenden Stunde wird er falsch handeln und zum schlechtmöglichsten Zeitpunkt nach Tokio zurückkehren. Der Grund ist ein langer Brief des Sensei, der ihm endlich dessen Lebensgeheimnis offenbart.

Dieser Brief ist der dritte Teil des Romans, „Der Sensei und sein Vermächtnis“. Darin beschreibt der Sensei selbst sein Leben und erklärt, warum er wurde, wie er ist, einsam. Um die Spannung nicht zu zerstören, werde ich dieses Geheimnis nun nicht enthüllen. Lest den Roman, es lohnt sich sehr!

Der Roman spielt in Japan und ist über 100 Jahre alt, dennoch hatte ich beim Lesen nicht das Gefühl, in eine fremde oder deutlich ältere Welt einzutreten. Vielleicht auch, weil die Themen, der Stoff über alle Zeiten und Grenzen hinweg aktuell bleibt und nicht an Bedeutung verliert. Auch Traditionen, die heute möglicherweise selbst in Japan nicht mehr genauso gepflegt werden, wirkten eher hochinteressant als meiner eigenen Erfahrungswelt allzu fern. Der Stil ist schnörkellos, aber nicht kühl oder pur Bericht erstattend. Dadurch liest er sich modern, auch für heutige Leserinnen und Leser. Ich bin jedenfalls sehr angetan von Kokoro.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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17 Antworten zu Kokoro

  1. ©lz schreibt:

    Eine feine Empfehlung in Sätze geformt die neugierig machen auf dieses Werk. Danke sehr.

  2. Pingback: [Philea’s] Kokoro – #Literatur

  3. Xeniana schreibt:

    Liebe Petra! Danke für diese Buchvorstellung die neugierig macht dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

  4. tobiaslindemann schreibt:

    Liebe Petra,
    Natsume Soseki ist toll, ich kann Dir auch sein „Graskissenbuch“ sehr ans Herz legen. „Kokoro“ konnte ich noch nicht lesen, das Buch ist ja vergriffen und antiquarisch teuer. Schätze Dich glücklich, es im Regal stehen zu haben!
    Herzliche Grüße, Tobias

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Vielen Dank für den Hinweis, lieber Tobias, mir war gar nicht bewusst, dass das Buch inzwischen so schwer zu bekommen ist. Da kann ich mich ja doppelt glücklich schätzen! Ich habe große Lust, mehr von Sôseki Natsume oder Natsume Sôseki (die Reihenfolge der Namen ist mir nicht klar, auf dem Buch stand es in der von mir genutzten Reihenfolge, aber ich fand auch die andere Reihung) zu lesen, da kommt mir dein Tipp mit dem „Graskissenbuch“ sehr gelegen : ) Danke & liebe Grüße!

  5. SätzeundSchätze schreibt:

    Das liest sich sehr verführerisch. Toll. Und weckt meinen Jagdinstinkt. Mal sehen, ob es nicht doch noch aufzutreiben ist..

  6. perlengazelle schreibt:

    Ich empfinde es als sehr wohltuend, Bücher vorgestellt zu bekommen, die jenseits vom momentaren Hype um das beste aller besten Bücher existieren. Werden einem im Moment immer wieder dieselben Titel um die Ohren und Augen gehauen – Bücher, die man gelesesn haben muss, denen man einfach nicht entkommen kann, sollte, müsste – findet man in bei den „Alten“ wahre Schätze. Bücher, die man auch noch nach Jahrzehnten lesen kann. Was man von den gerade Angesagten nicht immer sagen kann – behaupte ich jetzt mal kühn. 😉
    Danke für’s Vorstellen eines Autors, den ich wohl sonst nie kennen gelernt hätte. Und da du wohlweislich nix verraten hast von dem Geheimnis des Sensei, muss ich wohl zusehen, dass ich das Buch irgendwo ergattere.

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