Das biographische Lexikon vom literarischen Scheitern

LitLexHerrlich gesponnen: 50 Kurzbiographien über Schriftstellerinnen und Schriftsteller, deren Karrieren nie in Gang kamen oder kommen konnten, da sie alle mal mehr, mal weniger grandios scheiterten. Ein kurzweiliges Büchlein in lockerem Ton aus dem :Transit Verlag voller klug-witziger Anspielungen auf die Literatur, ihre Theorien, ihre Produzenten und die Branche.

Meist zwei, drei Seiten lang sind die Geschichten des Scheiterns – stets versehen mit Fotos und einigen biographischen Daten – manche tragisch, manche absurd, manche witzig bis albern. Etwa die des Beasley Kollektivs, dessen Mitglieder dermaßen in ideologische Richtungen zerfaserten, dass sie sich aufgrund „ideologischer Unverträglichkeit“ trennten. Ein Wunder, dass sie überhaupt etwas zustande brachten, denn jedes Mitglied schrieb abwechselnd nur ein Wort. Und über jedes einzelne musste erst einmal diskutiert werden, weshalb sie für eine Kurzgeschichte ein halbes Jahr brauchten, „aber dann wurde entschieden, dass es sich bei einer Short Story um eine kommerzielle Form handle, die mit ihren eigenen radikalen Standards unvereinbar war“ (S. 15).

Schwierig für eine Karriere auch der Fall des Bibliophagen Ernst Bellmer, der sein Werk verspeiste, weswegen natürlich nichts davon übrig blieb. Tragisch die Sache mit Felix Dodge, der zu lange recherchierte und starb, als er endlich lostippen wollte. Hans Kafka hatte das Pech, Zeitgenosse, ja Nachbar des wesentlich bekannteren Franz zu sein, was seine eigene literarische Karriere völlig verhinderte. Marta Kupkas Geschichte fand ich besonders bedauerlich: Sie setzte sich ebenfalls viel zu spät an ihre Schreibmaschine, schon fast blind, und tippte drei Wochen lang mit einem ausgetrockneten Farbband, ohne zu merken, dass das Papier weiß blieb. Weißes Papier, allerdings aus Absicht, war alles, was vom Werk Wendy Wennings übrig blieb, die so lange aus ihrem Text alles Überflüssige strich, bis er weg war.

So könnte ich jetzt noch ewig weitererzählen, aber noch schöner ist es, wenn ihr das Ganze selbst lest!

Interessant ist, dass der Verlag von 52 Porträts spricht, obwohl ich (und ich habe zweimal nachgezählt) nur auf 50 kam. Ich glaube, da hat sich der Verlag vertan. Vielleicht waren es im Original mal 52 Porträts? Im Nachwort erzählt Andrew Gallix, das Buch sei aus Blogbeiträgen entstanden, die wiederum gelöscht worden waren.  Blogbeiträge also, von „C. D. Rose und seinem Team von Forschern” zusammengestellt (S. 159) – sind damit weitere Autorinnen und Autoren an diesem Buch beteiligt, das vom Verlag als „Roman“ bezeichnet wird? In seiner Danksagung bezeichnet Rose sich selbst als den Herausgeber, nicht als den (alleinigen) Autor, und dankt mehreren Personen, einem „engagierten Team von Biographen und Rechercheuren“, deren Kurzbeschreibungen Lust machen, auch ihre Minibiographien lesen zu wollen, zum Beispiel von „G. B. Shorter (Dichter, Philosoph und Barmixer)“, „dem verstorbenen Eric Levallois (gut vernetzter Autor von Das Mädchen mit dem Avantgarde-Gesicht)“ oder auch von „dem immer unzuverlässigeren Fausto Squattrinato“ (S. 157f.).

Alles in allem wirklich herrlich gesponnen und prima übersetzt von Rainer Nitsche.

PS: Beim Bestellen des Buchs in meiner Lieblingsbuchhandlung vertippte sich der Buchhändler und schrieb „Das literarische Lexikon vom biographischen Scheitern“ – toller Titel, finde ich. Ich schlug ihm vor, am besten gleich das Buch dazu zu schreiben.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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31 Antworten zu Das biographische Lexikon vom literarischen Scheitern

  1. Herr Hund schreibt:

    Beitrag lese ich noch nicht. Steht nämlich noch zur Bearbeitung auf meiner Liste. Gut möglich, dass ich daran scheitere.

  2. Pingback: [Philea’s] Das biographische Lexikon vom literarischen Scheitern – #Literatur

  3. SätzeundSchätze schreibt:

    Ich lese ihn, sobald ich mein erstes Werk verspeist habe. Trockene Sache das.

  4. Druckschrift schreibt:

    Ein Schriftsteller-Dasein ist nicht so einfach. Das Buch ist – ein weiterer – Beleg dafür.

  5. herbstblatt101 schreibt:

    Sowas, den eigenen Text zu verspeisen – da muss der Gute wirklich verzweifelt gewesen sein. Jetzt habe ich Bilder in meinem Kopf, zu denen mir die richtigen Gesichter fehlen.

    PS: Bestimmt hätte ich mich beim Eintippen des Titels auch verheddert. Großartig!

  6. Tobi schreibt:

    Liebe Petra,

    hört sich unterhaltsam an und irgendwie auch böse. Den Autoren beim Scheitern zuzusehen hat was von „Goodbye Deutschland“ für Bibliophile 😉

    Danke für den Tipp.

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Tobi, einige Geschichten sind fast schon herzzerreißend, da kommt dann eher Bedauern oder Mitleid auf. Wobei man ja eigentlich niemanden bedauern müsste, es ist ja eh alles fiktiv : ) Liebe Grüße!

  7. Anton Goldberg schreibt:

    Sehr schön. Das werde ich bestimmt lesen. Vielen Dank für den Hinweis!

  8. gkazakou schreibt:

    Anregend. Das mit dem Verspeisen des Buchs ist aus der Apokalypse des Johannes geklaut. – Zum leeren Buch: ich kenne einen wunderbaren Künstler, der ein dickes leeres Buch veröffentlichte. Es trug als Titel nur seinen Namen. – Das ausgetrocknete Farbband ist jetzt wohl passe. Dafür existiert die delete-Taste. Der elektronische Orkus dürfte voll von solchen verlorenen Manuskripten sein. – Das mit der Kurzgeschichte gefällt mir am besten, klar, ich lebe in einem Land mit radikallinker Regierung. Einmal haben sie sich schon wegen ideologischer Unverträglichkeit getrennt. 🙂

  9. ©lz schreibt:

    Eine tolle absurde und herrliche Empfehlung. Schelmisch ein großes Thema in eine feine Form gebracht. Leere Autorenperlen & aufgegessene Texte. Verlorene Gedanken & prosaische Unsichtbare. Schmunzelkatarakte des möglichen.

  10. Pingback: #fbm15. Grenzen. Überwinden. | danares.mag

  11. karu02 schreibt:

    Dank für den Hinweis, das kommt sofort auf meine Liste, auch wenn ich oft das Gefühl habe, angesichts der Länge der Liste kläglich zu scheitern.

  12. Tinka schreibt:

    Hallo liebe Petra,

    das hört sich ja spannend an, könnte mir gefallen 🙂 kommt auf meine Lese-Liste, vielen Dank für den tollen Tipp! Wie bist du denn darauf gestoßen ^^ lg Tinka

  13. Lakritze schreibt:

    –> Liste. Seufz. So lang die Liste, so kurz das Leben. Aber schön, daß sie nicht auch noch von den Werken all derer, die in diesem Buch beschrieben sind, verlängert wird.

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