Eine Klasse für sich

Klasse_NYC_WA_2010Ein prima Schmöker für zwei gemütliche Leseabende mit allem, was einen prima Schmöker ausmacht: einigermaßen dick (479 Seiten), spannend, flott geschrieben – liest sich gut weg und unterhält dabei angenehm. Passt gut zu Sofa, Decke, Tee und Kerzen.

Der Autor Julian Fellowes war mir bisher kein Begriff. Damit bin ich eventuell nicht allein, denn auf meiner Taschenbuchausgabe prangt ein roter Aufkleber mit dem Hinweis, dass es sich bei Fellowes um den „Downton Abbey“ Drehbuchautor handle. Na dann. Im Innern erfährt man, dass er außerdem für „Gosford Park“ einen Oscar bekommen habe, zu Recht, würde ich sagen, zumindest habe ich den Film in sehr guter Erinnerung.

So ein Drehbuchautor hat vielleicht besonders den Kniff raus, wie sich bildhaft erzählen lässt, sich spannende Szenen auch ohne Mord und Action gestalten lassen. Das können natürlich auch andere, aber Fellowes kann es auf jeden Fall. Schon die Story ist gut ausgedacht: Der todkranke und inzwischen sehr vermögende Damian Baxter bittet einen ehemaligen Freund, mit dem er seit zig Jahren keinen Kontakt hatte (denn der brach aus unschönen Gründen ab), die Mutter seines Sohnes zu finden. In den wilden Endsechzigern des letzten Jahrhunderts hatte Damian, damals blendend aussehend, es geschafft, sich in die Herzen (und Betten) etlicher junger Frauen der englischen höheren Schichten einzuschleichen. Stets von deren Eltern als für zu gefährlich erachtet, nicht nur aus dem snöbbeligen Grund, dass sie ihn für einen Emporkömmling hielten, sondern vor allem, weil sie ihre kostbaren Töchter lieber einem tüdeligen Adelsspross geben wollten als diesem vitalen Bürgerlichen. Jedenfalls erhielt Damian zwanzig Jahre nach seinem für kurze Zeit überaus erfolgreichen Gesellschaftseintritt einen Brief von einer jener Frauen, die ihm andeutet, dass er der Vater ihres Sohnes sei. Unpraktischerweise ist der Brief nicht unterschrieben.

Natürlich kann man das jetzt schon ein bisschen unlogisch finden, wenn man möchte. Haben ihm die diversen Herzensdamen nie eine Notiz, einen Liebesbrief zukommen lassen, sodass er einfach einen Handschriftenvergleich machen könnte? Warum muss ausgerechnet der arme Tropf, der ihn so gutmütig in die Gesellschaft einführte und dies ein paar Jahre später so bitter bereuen musste, dem sterbenden Damien helfen? Egal, es ist ein Schmöker, da wollen wir mal nicht so pingelig sein.

Jedenfalls werden in der Tat fünf Frauen abgeklappert, die zwar weitgehend in ihren Kreisen geblieben, aber damit nicht unbedingt glücklich geworden sind. Interessant sind die verschiedenen Leben, von denen erzählt wird, ihr einstiges vor vierzig Jahren und ihre aktuelle Lebenssituation, dazu immer wieder die feinen und manchmal auch sehr deutlichen Spitzen gegen Snobismus und lächerliche Regeln, die sich schon längst überlebt haben sollten. Zumindest, wenn man nie zu einer solchen Schicht gehört hat. Es gibt jede Menge größerer und kleinerer Dramen, Liebe und so weiter. Und natürlich eine Lösung.

Also alles in allem: Wirklich ein prima Schmöker. Übersetzt wurde er von Maria Andreas. Wobei ich den englischen Titel Past Imperfect eigentlich besser finde als den deutschen. Aber erstens ist das vermutlich nur holpernd zu übersetzen und zweitens wohl Verlagsentscheidung.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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9 Antworten zu Eine Klasse für sich

  1. Pingback: [Philea’s] Eine Klasse für sich – #Literatur

  2. Anton Goldberg schreibt:

    Klingt nett. Klingt aber auch ziemlich ähnlich wie die Story eines schönen Jim-Jarmusch-Films namens „Broken Flowers“, mit dem wunderbaren Bill Murray in der Hauptrolle. Wer den noch nicht kennen sollte – ebenfalls sehr empfehlenswert!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Stimmt! Das ist in der Tat ein sehr ähnlicher Plot, zumindest die Ausgangssituation. Auch dieser Streifzug durch die amerikanische Gesellschaft – bei Fellowes ist’s halt einer durch die englische … Dass mir das vorher nicht aufgefallen ist …

  3. karu02 schreibt:

    Danke für den Tipp. Das könnte etwas für die freien Tage um Weihnachten herum sein.

  4. haushundhirschblog schreibt:

    Liebe Petra,
    „tüdelig“ hab ich ewig nicht mehr gehört, schon gar nicht gelesen. Schön! 😉
    Ich weiß nicht, ob mich das Buch reizt, aber Deine Besprechungen, die ich leider allzu lange nicht gelesen habe, weil das Bloggen für mich ganz weit weg war, schätze ich allerdings nach wie vor sehr! Klasse! Immer wieder.
    „Snöbbelig“ kenne ich überhaupt nicht.

    mb

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe MB, ich find’s schön, dass du nun wieder dabei bist und freue mich sehr, dass du meine Besprechungen immer noch magst : ) Snöbbelig könnte auch eine Erfindung eines Freundes von mir sein, die aber alsbald fester Bestandteil meines Wortschatzes wurde, sicher schon 20 Jahre her, weshalb ich ihre „Existenz“ nicht weiter hinterfrug. Könnte sein, dass mir das mit manchen anderen Wörtern ebenso geht … Liebe Grüße!

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