Snobs

SnobsAuch der andere Roman von Julian Fellowes, dem Autor der Serie „Downton Abbey“, erweist sich als amüsanter Schmöker für einen gemütlichen Leseabend. Adelsromane für Fortgeschrittene.

Als ich etwa 10, 11 war und einen Teil meiner Sommerferien bei einer Tante verbrachte, las ich mich aus Ermangelung anderer Lektüre durch ihre Stapel von Adelsromanen. Verlässlich im Aufbau, schlicht in der Sprache, voller Klischees und  mit Happy End vertrieben sie einem die eine oder andere Stunde. Auch die beiden Romane Julian Fellowes‘, Eine Klasse für sich und Snobs, spielen in dieser Welt. Allerdings in einer anderen Liga.

Die beschriebene Welt ist voller Adliger, die sich für auserwählt und brillant halten (letzteres häufig ohne Grund). Snöbbelig im Umgang verweisen sie aufstrebende Mittelschichtler oder Neureiche rasch aus ihren Kreisen. Sei es durch Minimalregungen der Mimik (Augenbrauenheben) oder durch permanentes Namedropping, das einem eigentlich schon bei Karrieristen aller Art auf den Keks geht. Der englische Adel vergewissert sich damit permanent der eigenen Großartigkeit und der des jeweiligen Gegenübers. Ein Kreis aus Eingeweihten, der sich gegen die Zudringlichkeiten der Aufsteiger glaubt schützen zu müssen.

Die hübsche, intelligente Edith Lavery ficht das nicht an. Sie angelt sich einen besonders dicken Fisch, obwohl dessen Mutter keinen Zweifel daran lässt, dass sie Edith für völlig unpassend hält. Damit scheinen sich Ediths Träume von Reichtum, Stand und Luxus zunächst erfüllt zu haben. Doch rasch langweilt sie das englische Landadelsleben in Broughton und sie beginnt ein Spiel mit dem Feuer, als ein Trupp Schauspieler zu Dreharbeiten anrückt. Wird sie ihre gescheiterten Träume aufgeben, für einen neuen Traum?

Erzählt wird das Ganze von einem ihrer Freunde, der einen vagen Bezug zur Adelswelt hat, aber Schauspieler ist. Eine ähnliche Konstellation wie schon in Eine Klasse für sich, wo der Ich-Erzähler Schriftsteller war. Das ist ganz geschickt, weil sich so die Kenntnis der adligen Gepflogen- und Verschrobenheiten ebenso legitimieren lässt, wie seine recht stabilen Bekanntschaften aus diesen Kreisen. Auch sonst gibt es Ähnlichkeiten zwischen den beiden Romanen, etwa seine guten Beschreibungen alter Landsitze und des adligen Landlebens, das in der Tat ein bisschen langweilig klingt (Gutsverwaltung, Jagdgesellschaften, kleine Treffen mit den Dorf-Honoratioren), wenn man das Stadtleben mit seinen Möglichkeiten gewöhnt ist. Oder eben auch die Beschreibungen der diversen, meist vergeblichen Bemühungen der Aufsteiger, einen Zugang zu diesen Kreisen zu erlangen, was ihnen aufgrund ihrer mangelnden Sensibilität im Umgang mit dieser Kaste allerdings nie gelingt. Sei es, weil sie zu pushy sind oder zu großzügig oder oder oder. Eigentlich kann man immer nur alles falsch machen, wenn die anderen einfach nicht wollen.

Das ist alles fein beobachtet und gut erzählt, sodass aus dem Plot, der sich durchaus für eine etwas verschlungenere Version eines Adelsromans eignen würde, ein gelungener Schmöker wird. Übersetzt wurde er von Maria Andreas. Mein Bedarf an derartiger Lektüre ist jetzt aber vorläufig gedeckt und ich wende mich wieder Maupassant, Flaubert und dem Schiff des Theseus zu.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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15 Antworten zu Snobs

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  2. Martina Ramsauer schreibt:

    Ganz lieben Dank für die Präsentation dieses Buches. Dein letzter Absatz hat mich auch zum Schmunzeln gebracht! L.G. Martina

  3. Pit schreibt:

    Danke, liebe Petra, fuer den Tipp. 🙂 Hab’s gleich [in Englisch] auf meine Wunschliste gesetzt.
    Hab‘ ein feines Wochenende,
    Pit

  4. Mina schreibt:

    Ein ganz wunderbare Rezension, liebe Petra!
    Die hat mich direkt zum Schmunzeln gebracht!

    Oh! „Das Schiff des Theseus“ muss ich auch noch lesen. Bin gespannt, wie es Dir gefallen wird.
    Herzlichst aus dem kalten Wald,
    Mina

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Danke dir, liebe Mina : )
      Beim Schiff bin ich schon recht weit & es gefällt mir noch immer. Auch wenn natürlich die Aufmachung dem Inhalt überlegen ist – wahnsinnig schön!
      Liebe Grüße aus dem inzwischen auch stark abgekühlten Herzen Badens ; )

  5. The Tastemonials schreibt:

    Ach, das könnte doch hervorragend zum Weihnachtsplätzchen, Tee und gemütlichen Abenden auf der Couch passen 🙂 Danke für den Tipp und liebe Grüsse, Heike

  6. Snöbbelig? Hihihi! Hast Du das gerade erfunden? Schade, würde gut in meine aktuelle Ü passen, nur würde das vermutlich niemand verstehen. Was das Hochziehen von Augenbrauen betrifft, so bleibt es offenbar den Engländern vorbehalten, dieses stets im Singular zu vollziehen. Ich kriege das einfach nicht hin. Bei mir bewegen sich immer beide Augenbrauen gleichzeitig. Vermutlich mangels blauen Blutes in meinen Adern?

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ein Freund von mir hat das mal vor zig Jahren erfunden und wir verwenden es nach wie vor sehr gern bei passenden Gelegenheiten : ) Auch wenn es das Wort so nicht geben mag, versteht man es eigentlich gut. Von daher wäre es natürlich der Hammer, wenn du das einschmuggeln würdest ; ) Ich hab zwar meines Wissens auch ganz rotes Blut, kann aber tatsächlich eine Augenbraue heben, allerdings nur auf einer Seite.

  7. karu02 schreibt:

    Du warst aber schnell.

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