Dandys – Virtuosen der Lebenskunst

IMG_0725Heute beginne ich mit einer kleinen Serie zum Thema Dandys. Dandys faszinieren mich schon fast so lange wie Salons und Salonièren. Sicher unter anderem deswegen, weil viele von ihnen nicht nur aufgrund ihres Stilbewusstseins und Lebenswandels in die Geschichte eingingen, sondern auch weil sie selbst geschrieben haben – manche sogar über Dandys. Ich beginne die Serie mit einem grundlegenden Werk zum Thema von Günter Erbe und zwei Dandys, die man kennen sollte.

Brummel, natürlich, Disraeli, Lord Byron, Barbey d’Aurevilly, Beerbohm und selbstverständlich der produktivste unter den schreibenden Dandys und mein persönlicher Favorit: Oscar Wilde. Sie und viele weitere werden in Günter Erbes Buch Dandys – Virtuosen der Lebenskunst. Eine Geschichte des mondänen Lebens nicht nur porträtiert, er analysiert auch ihr Wirken und versucht eine Typologie der Dandys.

Darüber hinaus beleuchtet Erbe die sozio-politischen Gründe für den Aufstieg des Dandys besonders in England und Frankreich sowie die Tatsache, dass sich ab der Wende zum 19. Jahrhundert der modische Kompass von Paris auf London einnordete. Plötzlich bestimmten Londoner „Adlige und Sprösslinge des reich gewordenen Bürgertums“, „Müßiggänger und Spielernaturen“ die Mode (S. 8.). Ebenfalls interessant sind seine Betrachtungen der englischen Dandys im Vergleich zu den französischen sowie sein Ausblick „Der Dandy im Zeitalter der Massenkultur“. Insgesamt eine ausgezeichnete Untersuchung!

Manche der berühmten Dandys leuchteten eine Zeitlang am Modehimmel und verglühten, weil sie aus unterschiedlichen Gründen in Ungnade fielen oder pleite waren (oder beides) und endeten zuweilen sehr tragisch. Dazu gehören außer Wilde, sicher das bekannteste Beispiel, auch Brummel, der erste große Dandy, und d’Orsay, der dem englischen Dandytum eine französische Note gab.

„Beau“ Brummel (1778 – 1840)

Anfangs hießen die Dandys noch nicht Dandys – dieses Wort ist laut Erbe erst gegen Mitte des zweiten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts aufgekommen, sondern Beaus. Daher stammt auch der Spitzname, unter dem George Bryan Brummel unvergessen bleiben sollte. Brummel stammte aus einfachen Verhältnissen, besaß ein außerordentliches Gespür für Stil und brachte es zum Modekönig, der nicht nur über die adligen Müßiggänger in den angesagten Klubs (ja, die gab es damals auch schon) herrschte, selbst der spätere König George IV. unterwarf sich seinem Modediktat von 1798 bis 1816.

Brummel war kein Modegeck, es ging nicht um übertriebene Accessoires und Details, im Gegenteil. Es ging um eine Vereinfachung der Herrenmode, diese dafür in allerbester Qualität. Es ging ihm um Eleganz „von raffiniertester Einfachheit“ (S. 9) und vor allem war er überaus geistreich, scharfsinnig und witzig. Zuweilen von fast schon herzlos scheinendem Witz, wie wir ihn auch von manchen Komödien und Bonmots Oscar Wildes kennen. Aber schon Horaz soll ja gesagt haben: „Lieber einen guten Freund verlieren als einen guten Witz“.

Nach einer strahlenden Karriere als der erste Dandy schlechthin wandte sich das Blatt: Er fiel beim Prinzregenten in Ungnade und musste schließlich, hochverschuldet, vor seinen Gläubigern nach Calais fliehen. Dort wurde er eine Weile von Freunden unterstützt und erhielt durch Beziehungen die Stelle als englischer Konsul in Caen. Das war insofern tragisch, weil seine Freunde meinten, er sei ja nun versorgt. War er aber nicht. Immer schlechter ging es ihm finanziell, geradezu verwahrlost war sein einst so perfektes Erscheinungsbild. Er starb verarmt und geistig umnachtet in einer Anstalt in Caen.

Mehr über ihn könnt ihr beispielsweise auf dem Blog Strange Flowers lesen.

Alfred d’Orsay (1801 – 1852)

Geboren und gestorben in Frankreich, hat Alfred d’Orsay für etliche Jahre in London Karriere als Dandy gemacht. Reich, schön und talentiert (Lord Byron lobte seine Tagebücher, später verdiente sich d’Orsay Geld als Porträtist und war damit gewisse Zeit in Mode) war es sein oberstes Ziel, ein Lebemann und Dandy zu sein. Das hat er auch sehr gut hinbekommen. Dies und seine skandalträchtige Beziehung zu Lord und Lady Blessington sowie seine Heirat mit Lord Blessingtons Tochter Harriet aus erster Ehe (und die spätere Scheidung) sorgten nicht nur bei den Modebegeisterten für Gesprächsstoff.

Lady Blessington führte übrigens einen Salon mit Gästen aus der Politik, der Wirtschaft, der Kunst und der Literatur. Zwölf Jahre älter als der schöne Alfred boten ihre Schönheit und Intelligenz ihm den passenden Rahmen, ihr Gatte das passende Vermögen zur Entfaltung seines größten Talents, der neue König der Eleganz zu werden.

Wie schon Brummel hatte auch Alfred nach einiger Zeit mit Geldproblemen zu kämpfen – der aufwändige Lebensstil, die Spielerei … Nach dem Tode des Lords war das Budget der Lady Blessington auf eine bescheidene Witwenrente gekürzt und beide begannen zu arbeiten. Sie schrieb, er malte, beide durchaus nicht ohne Erfolg. Doch schließlich mussten sie, wie schon zuvor Brummel, aus finanziellen Gründen das Land verlassen, das war 1849. Im selben Jahr starb Lady Blessington, Alfred starb drei Jahre später und hinterließ über 100.000 Pfund Schulden.

Mehr über Alfred d’Orsay als Künstler könnt ihr hier lesen.

Wenn euch das Thema gefällt und interessiert, stelle ich euch im nächsten Teil der Dandy-Serie Jules-Amédée Barbey d’Aurevilly und seine Schrift Über das Dandytum vor.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Lesenswertes abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

61 Antworten zu Dandys – Virtuosen der Lebenskunst

  1. Herr Ärmel schreibt:

    Oh, fein, ich bin auf Ihre Serie gespannt.
    Welche Frau führte nicht gerne einen exquisiten Salon als Treffpukt für Künstler jeder Richtung und welcher Mann träumte nicht gelegentlich davon, einmal das Leben eines Dandys führen zu können 😉
    Sonntagnachmittäglichschöne Grüsse aus dem romantischen Bembelland

  2. grynaklee schreibt:

    Gerne mehr davon 🙂

  3. Pingback: [Philea’s] Dandys – Virtuosen der Lebenskunst – #Literatur

  4. Hahaha! 🙂 Hast Du auch schon deutsche Vertreter in Deiner Sammlung? Neulich bin ich bei der Recherche auf einen deutschen Autor gestoßen, aber jetzt muss ich mich noch an den Namen erinnern. Hier aber eine Kostprobe aus einem deutschen Stück, das sich um einen Dandy dreht: http://gutenberg.spiegel.de/buch/aschermittwoch-5023/1

    P. S.: „Candy is dandy,
    But liquor is quicker.“ (Ogden Nash) 🙂

    • So, jetzt ist mir der Name wieder eingefallen. Schmitz https://de.wikipedia.org/wiki/Oscar_A._H._Schmitz hieß der deutsche Dandy par excellence, und Thomas Mann hielt ihn für einen großartigen Schriftsteller. Im Projekt Gutenberg bin ich auf einen (mich sehr!) erheiternden Ratgeber, „Brevier für Weltleute“ gestoßen. Parodien lagen ihm offenbar besonders – mir auch … http://gutenberg.spiegel.de/buch/brevier-fur-weltleute-3172/2

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Kicher, das ist ja ein drolliger Text : ) Es gibt in der Tat auch ein paar deutsche Vertreter, über die ich mich aber in der kleinen Serie nicht weiter auslassen werde, u. a. wegen ihres mangelnden Einflusses auf die Mode (im Vergleich zu Brummel oder d’Orsay) – z. B. Fürst Herrmann von Pückler-Muskau, der sich darauf kaprizierte, mit einem Hirschgespann vor dem Café Kranzler in Berlin vorzufahren. Ich beschränke mich auf ein paar englische und französische Dandys.
      Noch mal zu deinem Text: Es gab das Genre der Moderomane, die das Leben der feinen Gesellschaft beschrieben und selbst auch Moden anregten, etwa Edward Bulwer-Lyttons „Pelham“, der dazu führte, auf Farbe in der Herrenmode (abgesehen von Schwarz und Weiß) weitgehend zu verzichten. Außerdem gab es Romane, die sich eher kritisch mit dem Dandytum auseinandersetzten, z. B. „Sartor Resartus“ von Thomas Carlyle oder Balzacs „Physiologie des eleganten Lebens“.

  5. b.sleegers schreibt:

    Wow, ein spannender Auftakt!

  6. gkazakou schreibt:

    Du hast mich angeregt, selbst auch ein bisschen nachzulesen. Und so stieß ich auf den Satz, dass das Dandytum eine Antwort war auf den Verlust von Sinn: Formvollendung statt Lebenssinn.

  7. Ulli schreibt:

    Ich bin gespannt, weiss aber gar nicht so recht, ob ich Dandys wirklich mag ;o) wobei Herr Wilde … ich weiss allerdings auch ziemlich genau, warum ich mich mit diesem Thema gerne ziere … da wittere ich immer gleich so viel Aufgesetztes-

  8. Read on schreibt:

    Toll, ich warte gespannt auf mehr!

  9. Petra Wiemann schreibt:

    Wie spannend! Ich freue mich besonders auf Lord Byron.

  10. Stefanie schreibt:

    Eine tolle Idee, deine Serie über Dandys! Da bin ich schon gespannt und werde immer wieder reinschauen 🙂

  11. sommerdiebe schreibt:

    Super! Ich liebe Dandys! Hab vor ein paar Jahren sogar meine Bachelorarbeit darüber geschrieben. Faszinierendes Thema. Oscar Wilde ist auch mein großer Favorit. Als Lektüre sehr interessant ist außerdem Huysmans‘ A Rebours (Gegen den Strich) – da wird das Dandytum als sehr extreme Lebensform vorgestellt.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Tolles Thema für eine Bachelorarbeit – darüber wüsste ich gern mehr von dir! Gegen den Strich kenne ich natürlich – was für ein Buch! Diese Beschreibungen! Diese Schildkröte – unglaublich!

      • sommerdiebe schreibt:

        Ja, die Schildkröten 😉 konnte ich mir beim Lesen ein Schmunzeln auch nicht verkneifen.
        Hab damals die Dandyfiguren in den beiden Romanen The Picture of Dorian Gray und A Rebours verglichen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet. A Rebours wird ja explizit in Wildes Roman genannt, quasi als Vorbild für Dorian gesehen…und auch als mögliche Ursache für seine Entwicklung.
        Achja..könnte ich noch ne Weile schreiben. Hab das Thema definitiv gemocht und find es immer noch spannend. Hast du Empfehlungen für weitere Dandy-Romane?
        LG, Deborah

        • Petra Gust-Kazakos schreibt:

          Ich habe mich eigentlich mehr mit den Biographien diverser Dandys bzw. mit ihren Schriften über Dandys, das Dandytum etc. befasst. Was ich empfehlen kann, es sind allerdings Erzählungen, kein Roman, ist „Die Teuflischen“ von Jules-Amédée Barbey d’Aurevilly. Gibt’s vermutlich nur noch antiquarisch. Selbst noch lesen möchte ich „Sartor Resartus“ von Thomas Carlyle, Edward Bulwer-Lyttons “Pelham” und evt. Balzac, wobei mir der auf Dauer etwas zu behäbig erzählt.

        • sommerdiebe schreibt:

          Dankeschön, ist viel dabei, was ich noch nicht kenne.

  12. ©lz schreibt:

    Eine famose Serie / ich freue mich..

  13. nweiss2013 schreibt:

    Sehr schön, liebe Petra. Deutsche Dandys – contradictio in adjecto?

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Danke dir : )
      Ein Widerspruch in sich, kicher, nein, eigentlich nicht. Sie hatten nur nicht so ein zentrales Wirkungsfeld im Vergleich zu Paris oder London. Und Dandys brauchten immer ein Publikum, eine strahlkräftige Zentrale, in und von der aus sie wirken und glänzen konnten.

  14. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Petra,
    ein spannender Auftakt, ich kenne bisher nur Oscar Wild und Lord Byron.
    Wie sieht das denn heute in unserer Zeit aus? Gibt es die Dandys noch und wie werden sie heute bezeichnet? Auch noch als Dandy?
    Liebe Grüße sendet dir Susanne

  15. dechareli schreibt:

    Interessant finde ich, wie das Dandy-(Un)wesen im Russischen Zarenreich zum Teil gekoppelt war mit nihilistischer Grundeinstellung, Fin-de-siècle-Mentalität u.a. und damit eine ganz andere Ausprägung erfahren hat als in London oder Paris. Empfehlenswert dazu der Klassiker von Turgenjew: Väter und Söhne.

  16. La Imperial Feng schreibt:

    grandiose überschrift!

  17. Tobi schreibt:

    Liebe Petra,

    sehr coole Idee, das ist mal ein hervorragendes Thema für eine Serie. Ich habe mich ja eher mit den Kurtisanen vertraut gemacht und die faszinieren mich besonders. Dandys sind irgendwie das passende Gegenstück. Ein paar begegnet man ja immer mal wieder, wenn man sich in den Salons des 19. Jahrhunderts herum treibt.

    Also unbedingt die Serie fortsetzen.

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Tobi, ich freue mich, dass dich das Thema auch interessiert. Am Sonntag geht es weiter mit der Serie : )
      Aber sag mal, Kurtisanen – willst du nicht auch in Serie gehen? Liebe Grüße!

  18. haushundhirschblog schreibt:

    Hervorragend! Wir freuen uns sehr auf Deine Serie!

    mb und dm

  19. entdeckeengland schreibt:

    Liebe Petra, da schließe ich mich doch gleich an und freue mich auf weitere Folgen. Und das Buch von Erbe klingt auch so verlockend! Ich fürchte, ich muss mal wieder eine Prioritätenliste anfertigen. 😀

  20. Pingback: Netzalmanach Januar 2016 | notizhefte

  21. Pingback: Netzalmanach Februar 2016 | notizhefte

  22. Pingback: Ein Status-Update-Rundumblick-Beitrag | lesestunden

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s