Barbey d’Aurevilly und das Dandytum

Spiegel_dAurevillyHeute kommen wir zum zweiten Teil meiner kleinen Dandy-Serie mit Jules-Amédée Barbey d’Aurevilly – allein der Name klingt nach einem romantischen Dandy. Mit „Beau“ Brummel und Alfred d’Orsay verbindet ihn der Hang zu aufwändiger Toilette (wenn auch mit unterschiedlichen Ergebnissen) sowie die prekäre finanzielle Situation. Doch Barbey war nicht nur ein Dandy, sondern auch ein fleißiger Schriftsteller und Journalist.

Jules-Amédée Barbey d’Aurevilly (1808 – 1889)

Als Barbey Jura in Caen studierte, traf er den inzwischen schon vom Schicksal gezausten George Brummel, der dort als englischer Konsul lebte. Diese Begegnung mag in Barbey den Impuls geweckt haben, eines Tages über Brummel zu schreiben. Denn schreiben wollte er unbedingt. Nach seinem Jura-Abschluss zog Barbey nach Paris, um sich dort als Schriftsteller niederzulassen. Schon in Caen hatte er eine Erzählung veröffentlicht in der von ihm, Trebutien und du Méril gegründeten Revue du Caen. Übrigens hatte er mit seiner verheirateten Cousine Louise de Méril sieben Jahre lang eine Affäre, was natürlich ein Skandal für die Familie war. Dank eines Erbes in Form einer kleinen Jahresrente kam Barbey in Paris einigermaßen über die Runden, schrieb Erzählungen, Romane, Gedichte und Literaturkritiken in der ebenfalls von ihm mitbegründeten Revue critique de la philosphie, des sciénces et de la littérature, später auch andernorts.

Seine liebste Beschäftigung, außer dem Lesen, Schreiben und dem Besuch von Cafés und Salons, war die ausführliche Beschäftigung mit seiner Toilette. Mit den Jahren neigte er immer mehr dem Dandytum zu, allerdings weniger stilbildend als Brummel. Barbey nämlich liebte es exzentrischer: kontrastreichen Farben galt seine Vorliebe, er liebte dramatisches Scharlachrot. Sein Benehmen war theatralisch und ungestüm, womit er dem Ideal des beherrschten kühlen Dandys so gar nicht entsprach. Seine Kleidung war Zeitgenossen oft genug Anlass für Klatsch und Karikaturen, viele fanden ihn eher lächerlich als eindrucksvoll. Jene, die ihn bewunderten, schätzten seinen Geist, seine Rede und seinen Schreibstil.

Obwohl er die Bekanntschaft führender Pariser Gesellschaftslöwen („Lions“) machte und selbst ab 1838 den Salon der Marquise du Vallon besuchte, mit der er eine Liebelei hatte, fand er ohne Geld, Opernloge, Wagen und weitere unerlässliche Dandy-Zutaten nie so recht Zugang zu den allerfeinsten Kreisen. Da half es auch nicht viel, dass er nicht länger auf sein Adelsprädikat „d’Aurevilly“ verzichtete. Auch sein fleißiges Schreiben führte nicht dazu, seine Finanzen merklich aufzubessern. Er sparte an Miete und Essen, um sein Dandytum zumindest in seiner Kleidung ausleben zu können. Seine Besucher zeigten sich erstaunt bis tief betroffen über die Einfachheit seiner Bleibe und seiner Mahlzeiten.

Barbey über das Dandytum

1845 erschien Barbeys Essay über das Dandytum und Beau Brummel, zu einer Zeit, wie Günter Erbe in Dandys – Virtuosen der Lebenskunst schreibt, „als der Dandy in Frankreich in Gestalt des ‚Lion‘ Furore machte, während er in England im Absterben begriffen war“ (S. 175). Im Verlag Matthes & Seitz erschien 2006 das empfehlenswerte Bändchen Über das Dandytum, übersetzt von Gernot Krämer. Es enthält außer bereits erwähntem Essay auch „Ein Dandy ehe es Dandys gab“, einige Bemerkungen zu Barbey von Zeitzeugen sowie einen Essay von André Maurois „Barbey d’Aurevilly oder Das heroische Gespenst“, der trotz des etwas despektierlich klingenden Titels von Maurois‘ Bewunderung für Barbey zeugt. Im gleichen Verlag gibt es weitere schöne Ausgaben mit Texten von Barbey, darunter auch Gegen Goethe, für dessen Texte Barbey wenig Begeisterung hegte. Eine feine Besprechung dazu findet sich hier.

Für Barbey ist das Dandytum im Unterschied zur Geckenhaftigkeit (einer universellen, menschlichen Eitelkeit) etwas sehr Englisches, das die Franzosen nicht erreichen können: „Mögen sie blasierte Mienen aufsetzen und weiße Handschuhe tragen, die bis zum Ellbogen reichen, das Land Richelieus wird keinen Brummel hervorbringen“ (Über das Dandytum, S.22). Im Unterschied zu anderen Dandys, die außerdem reich oder talentierte Schriftsteller waren, war Brummel für Barbey nur das eine – „das Dandytum selbst“ (S. 26).

Im Unterschied zur Exzentrik sei das Dandytum „eine individuelle Revolution gegen die bestehende Ordnung“, es spiele mit der Regel, übertrete sie auch und doch respektiere es sie (S. 30). „Jeder Dandy ist ein Provokateur, aber ein Provokateur mit Takt.“ (S. 54) Was Brummels anmutige Ironie und seinen wit betraf, so begründet Barbey dies mit den Worten „das Dandytum ist die Frucht einer Gesellschaft, die sich langweilt, und Langeweile macht nicht gütig“ (S: 61). Daher habe Brummel es auch mehr genossen, zu verblüffen als zu gefallen und verstand es, kaltblütig Schrecken und Sympathie zu mischen – und zu verbreiten.

Diese und weitere Beobachtungen Barbeys machen seinen Essay auch heute noch lesenswert für alle, die sich näher mit dem Begriff Dandytum befassen möchten. Für weitere Informationen und wunderbare Bilder zu Barbey d’Aurevilly sei wieder einmal auf Strange Flowers verwiesen.

Und nächsten Sonntag geht es weiter mit Lord Byron, auf besonderen Wunsch von Petra, die das schöne Blog Elementares Lesen führt.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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7 Antworten zu Barbey d’Aurevilly und das Dandytum

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  2. Herr Hund schreibt:

    Ich habe für diese Lebenshaltung viel Sympathie übrig.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Faszinierend ist es schon, wobei es mich arg langweilen würde, wenn ich mich nur mit meinem Äußeren, meiner Kleidung befassen sollte. Aber die Mischung aus Schreibfleiß, Intelligenz, wit, ästhetischem Bewusstsein & einem interessanten „Auftritt“ hat auf jeden Fall was : )

  3. Und ich – im Gegensatz zu Herrn Hund – nicht die geringste. Was ist am äußeren Schein so bewundernswert? Sub specie aeternitatis nichts. Diese immer mehr um sich greifende Selbstverliebtheit ist mir ein Rätsel! 🙂
    Dabei fällt mir ein … Könnte man eventuell Liberace zu den Spätausläufern des klassischen Dandytums zählen? https://youtu.be/dioRwB4RvrQ

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Besonders stilbildend für die Herrenmode war er ja nicht ; )
      Das mit der Selbstverliebtheit finde ich schwierig. Ein bisschen eitel sind wir doch alle. Wozu sonst kaufen wir uns was Neues zum Anziehen, gehen zum Friseur, benutzen Parfüm etc. Auch betont schlichter Stil sagt etwas über uns. Ob Rüschen oder Jogginghosen, Kleidung hat eine Wirkung. Denk nur an Businesskostüme oder Anzüge, Abendkleidung, bestimmte Arbeitskleidung etc. Oder auch an den Bruch mit Kleiderordnungen …

      • Nein, ich nicht. Was Äußerlichkeiten angeht, bin ich völlig uneitel. Ich benutze kein Parfüm, gehe fast nie zum Friseur. Für die Arbeit am häuslichen Schreibtisch brauche ich mich auch nicht zu kostümieren. „Kleider machen Leute“ galt für mich nie. Eine immer gut zurechtgemachte Frau bekannte mal, je dreckiger es ihr psychisch gehe, desto „edler“ würden ihre Klamotten. Seitdem argwöhne ich bei besonders eleganten Erscheinungen eine Kompensation.

        In England fällt mir immer wieder angenehm auf, dass auch Obdachlose und abgerissen Herumlaufende mit Respekt behandelt werden. So sollte es sein. Diogenes war ein Vorbild, doch ja …

        • Petra Gust-Kazakos schreibt:

          Das meinte ich damit, dass auch der Bruch etwas aussagt, also auch du, wenn du etwas tust oder eben lässt.
          Unabhängig vom Äußeren wäre es mir lieb, wenn Respekt jedem Menschen entgegengebracht würde.

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