Lord Byron

Foto: © Petra Gust-Kazakos

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Ich denke, es sind heute eher Details aus dem Leben Lord Byrons, die stärker im allgemeinen Bewusstsein verankert sind als die tatsächliche Kenntnis seiner Werke. Der Dichter, der den Byronic Hero schuf und zugleich als ebensolcher gesehen wurde, was schon PR-technisch ein interessantes Phänomen ist. Die Liebe zu seiner Halbschwester Augusta, die ihn letztlich zwang, England zu verlassen. Die literaturgeschichtlich bedeutenden Ereignisse in der Villa Diodati. Am bekanntesten aber ist sicher sein Engagement für den griechischen Freiheitskampf: War Brummel der Inbegriff des Dandys, so ist Byron der Inbegriff des romantischen Philhellenen, der sein Leben für die Freiheit Griechenlands ließ.

Um wenige romantische Dichter ranken sich derart romantische Geschichten wie um George Gordon Noel Byron (1788 – 1824). Und sie sind nicht einfach nur Literaturtratsch, obwohl sie für viel Klatsch und zum Teil auch für Skandale gesorgt haben. 1812 wurde er, nach Erscheinen der ersten beiden Gesänge von Childe Harold‘s Pilgrimage, praktisch über Nacht berühmt. Frauen lagen ihm zu Füßen und sandten Briefe und Locken ihres Haars. Das lag nicht nur an dem Erfolg seiner Verserzählung, sondern weil das Publikum den attraktiven Dichter mit seiner Figur „Childe Harold“ gleichsetzte: Ein junger, vieler Lebensfreuden bereits überdrüssiger Mann, der Ablenkung von seiner Melancholie und Enttäuschung in fernen Ländern sucht: „Yet oft-times in his maddest mirthful mood / Strange pangs would flash alonge Childe Harold’s brow / As if the memory of some deadly feud / or disappointed passion lurked below“.

Schwierige Verhältnisse

Er hatte viele Affären, zum Beispiel mit der verheirateten Lady Caroline Lamb, die ihn „mad, bad and dangerous to know“ nannte (was gut zu seinem Image passte). Skandalös war nicht nur ihre Affäre, sondern auch Byrons Trennung von ihr. Nicht eben zu Carolines Beruhigung trug sein Gedicht „Remember Thee“ bei, eine bissige Erwiderung, nachdem Caroline mal wieder einen ihrer Wutanfälle gehabt und ein etwas melodramatisches „Remember me“ in eines seiner Bücher gekritzelt hatte.

1813 hatte Byron eine Liebesbeziehung mit seiner Halbschwester Augusta, aus der wahrscheinlich Augustas 1814 geborene Tochter Elizabeth Medora Leigh stammte. Byron widmete Augusta mehrere wunderschöne Liebesgedichte, unter anderem die „Stanzas to Augusta“ von 1816. Um den gesellschaftlichen Skandal zu vermeiden, der sich aus dem Publikwerden der inzestuösen Beziehung zwangsläufig ergeben musste, heiratete Byron 1815 Annabella Milbanke. Ihre gemeinsame Tochter Ada, die im Dezember des gleichen Jahres zur Welt kam und heute besser bekannt ist als Ada Lovelace, wurde eine bekannte Mathematikerin und die erste Programmiererin der Welt. Leider lief die Ehe nicht gut, Annabella verließ Byron Anfang 1816. Diese Trennung war dann wohl ein Skandal zu viel: Wenige Monate später verließ Byron seine Heimat für immer.

Kalter Sommer, schwarze Romantik

Er war dabei, als in jenem kalten Sommer (1816 ging wegen eines Vulkanausbruchs als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein) in der Villa Diodati am Genfer See Mary Wollstonecraft, die spätere Ehefrau von Percy Shelley, ihre Idee zu Frankenstein gebar. Selbst sein Leibarzt John Polidori wurde dort zum Schriftsteller mit seiner Erzählung The Vampyre, die das Genre der Vampirgeschichten begründete, die sich ja bis heute erfolgreich gehalten haben. Übrigens soll Polidori bei der Fertigstellung seines Vampyres von einem Romanfragment Byrons beeinflusst worden sein und interessanterweise lief die erste Veröffentlichung unter Byrons angenommener Autorschaft. Vielleicht auch, weil die Hauptfigur „Lord Ruthven“ Byron (oder seinem Image) ähnelte, was dann insgesamt wieder in das ganze Konzept von Byron und seinem Byronic Hero gepasst hätte. Selbst Goethe, mit dem Byron eine freundschaftliche Korrespondenz verband (man widmete einander Werke und Figuren), hielt die Geschichte für eine der besten Byrons.

Es gab natürlich schon vorher Vampire in der Literatur, Goethe hatte sich des Themas mit seiner „Braut von Korinth“ bereits 1797 angenommen („Aus dem Grabe werd‘ ich ausgetrieben, / Noch zu suchen das vermißte Gut, / Noch den schon verlornen Mann zu lieben / Und zu saugen seines Herzens Blut.“). Aber nun war die Zeit so richtig reif, um Schauergeschichten dieser Art den angemessenen Boden zu bieten. Byron wiederum verarbeitete den literarisch ergiebigen Sommer in seinem Gedicht „Darkness“.

Freiheitskämpfer für Griechenland

Nach weiteren Affären und Wohnortswechseln, zeitweise lebte Byron in Venedig, später in Pisa, engagierte er sich aktiv für den griechischen Freiheitskampf. Der Philhellenismus war eine Strömung, der sich viele Künstler anschlossen. Manche eher theoretisch, wie Goethe, der Griechenland nie bereiste, sondern eher mit der Seele suchte (Iphigenie) oder auch Delacroix, der das „Massaker von Chios“ malte, ohne je dort gewesen zu sein.

Byron dagegen schritt zur Tat, unterstützte Griechenland mit Geld und segelte schließlich 1823 selbst nach Griechenland. Im Januar des folgenden Jahres traf er in der Festung Mesolongi ein und übernahm das Kommando über – hier schwanken die Angaben – 2.500 oder 3.000 Mann, um das türkisch besetzte Lepanto (gr. Nafpaktos, liegt an der Nordküste des Golfs von Korinth, gegenüber von Patras) zu erobern. Doch noch ehe es dazu kam, erkrankte Byron an Fieber und schließlich an einer Lungenentzündung, an der er im April 1824 starb.

Die Griechen trauerten um ihn, um den Helden, der zwar keine Kampfhandlung gesehen hatte, aber bereit war, für ihre Freiheit zu sterben. Sein Herz sei in Mesolongi beigesetzt worden, sein einbalsamierter Leichnam wurde nach England überführt. Eine Bestattung in der Westminster Abbey blieb ihm verwehrt, zu skandalös und moralisch verwerflich sei sein Leben gewesen. Immerhin gibt es einen Gedenkstein in der Poet’s Corner. In Griechenland wird Byron bis heute verehrt.

„War Byron ein Dandy?“

Das fragt sich Günter Erbe in Dandys – Virtuosen der Lebenskunst (S. 60) – jein, würde ich sagen. Byron selbst schrieb über sich, er habe „einen Anflug von Dandyismus“ gehabt, „gespielt – & getrunken – & meine akademischen Grade in den meisten Ausschweifungen erlangt“ (zitiert nach Erbe, S. 61).

Er schätzte Brummel, verkehrte sogar im Watier’s Club, der Ritterschlag zum Dandy, wie Erbe schreibt (S. 65), er war ganz sicher ein Gesellschaftslöwe, besonders in der Saison 1812, in der er sich plötzlich berühmt fand. Er besuchte Klubs und Salons, aber Jagd und Glücksspiel und eigentlich auch das mondäne Leben interessierten ihn (auf Dauer) mäßig. Sicher, betrachten wir die Porträts von Byron, erkennen wir seinen Hang für ungewöhnliche, auffallende Kleidung, er ließ sich gern in Trachten und Kostümen porträtieren. Dies aber geht eher in die entgegengesetzte Richtung zum schlicht-eleganten Erscheinungsbild eines Dandys wie Brummel. Emotionale Kälte war ebenfalls nicht typisch für den eher als reizbar geltenden Byron. So folgert Erbe: „Byron war zu sehr Dichter und zu sehr von seinen Affekten beherrscht, als daß er sich in das Korsett des Dandys hätte pressen lassen“ (S. 69).

Dichter, Held und Muse

Viel interessanter finde ich, wie viele Figuren Byron in sich vereint. Natürlich war er ein Dichter. Er war ein Kind seiner Zeit und prägte den Zeitgeist mit seinem Byronic Hero und seiner romantischen Lebensführung. Sein Byronic Hero bevölkert in Variation bis heute die Literatur. Frühe Beispiele sind Puschkins Eugen Onegin und Brontë-Helden wie Rochester und mehr noch Heathcliff; wir finden bis heute Typen, die diesem Archetyp entsprechen, von Severus Snape (Harry Potter) bis Edward Cullen (Twilight).

Er war aber nicht nur Dichter, er hatte auch etwas von einer Muse – das kam mir zumindest in den Sinn, als ich an die Ereignisse in der Villa Diodati dachte. Vielleicht hat seine Anwesenheit Mary und Polidori dazu inspiriert, Literaturgeschichte zu schreiben? Pure Spekulation, ich weiß. Aber so romantisch!

Als es darum ging, zu einem Helden ganz anderer (also nicht literarischer) Art zu werden, nämlich im Kampf, hat ihm sein Schicksal das verwehrt – und doch wird er bis heute als solcher verehrt. Ein interessanter Twist der Geschichte, aber auch ein fairer. Schließlich war Byron durchaus willens zu kämpfen. Wer weiß, vielleicht hat sein Tod die griechische Sache sogar befördert, zumindest mehr als eine womöglich gescheiterte Schlacht um Lepanto.

Man könnte sagen, Byron war ein Rundum-Romantiker, nicht nur literaturwissenschaftlich, auch in Liebesdingen und noch im Tode und darüber hinaus.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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31 Antworten zu Lord Byron

  1. Pingback: [Philea’s] Lord Byron – #Literatur

  2. SätzeundSchätze schreibt:

    Liebe Petra,
    als Du in Deinem vorigen Beitrag diesen Byron-Artikel angekündigt hast, dachte ich mir genau dies, was Du zu Beginn schreibst: Man kennt den Namen, aber kaum jemand wird etwas von ihm gelesen haben. Ich muss gestehen: ich hab mal eine deutsche Übersetzung der Pilgerfahrt angefangen, fand das aber ziemlich langatmig … wohl schon ein Fall, wo Typ und Leben interessanter waren und sind als das Werk…
    Liebe Grüße aus dem verregneten Augsburg

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Birgit, seine Verserzählungen sind für heutige Lesegewohnheiten vielleicht sowieso etwas sperriger zu lesen als eine „normale“ Erzählung (und sie sind auch etwas länglich). Ich habe mal ein paar kürzere Gedichte von ihm im Text verlinkt, die schön/interessant und sicher „leichter“ lesbar sind. Aus den spärlichen Reaktionen auf den Beitrag zu Barbey d’Aurevilly schließe ich mal, dass der sicher noch exotischer und noch weniger Leserinnen und Lesern bekannt ist ; ) Wobei seine Erzählungen in „Die Teuflischen“ mir gut gefallen haben, seine Betrachtungen über das Dandytum finde ich wiederum aus anderen Gründen interessant. Liebe Grüße aus dem ebenfalls verregneten Karlsruhe : )

      • SätzeundSchätze schreibt:

        Liebe Petra,
        damit kein falscher Eindruck aufkommt: Deine Dandyserie finde ich klasse und höchst unterhaltsam – ich genieße jeden Beitrag (und denke mir insgeheim, gut, dass man so was dandymäßiges nicht im Haus hat 🙂 ). Allerdings ging wohl die Pflege des Images wohl häufig auf Kosten der literarischen Produktion bzw. war die Literatur vielleicht nur ein Mosaikstein oder gar das Sprungbrett zum Dandyismus?
        Von Thackeray habe ich einmal das Buch der Snobs quergelesen – schon sehr anstrengend, dieses Leben wenn man(n) ein echter Snobdandy sein will 🙂

        • Petra Gust-Kazakos schreibt:

          Hihi, danke, liebe Birgit : )
          Also: Dandys wie Byron oder auch Wilde (der ist das nächste Mal Thema) oder d’Aurevilly lässt Erbe ja eher nicht als „echte“ Dandys gelten, darin ist er sich mit einem weiteren schreibenden Dandy, Max Beerbohm, über den ich übernächstes Mal schreibe, einig. Brummel ist der Maßstab, weil er sich in erster Linie mit der Perfektionierung seiner Erscheinung plus Einfluss auf Männermode befasst hat. Die schreibenden Dandys dagegen werden da eher als verwässerte Dandy-Typen wahrgenommen, da sie beispielsweise auch diese ausgeprägte Coolness im Auftritt nicht völlig verinnerlicht (siehe Lebensführung bzw. Werke) haben. Aber es gibt eine Menge Romane, in denen Dandys bzw. Mode eine Rolle spielen bzw. die wiederum Einfluss auf Moden genommen haben. Bin gerade dabei, für den letzten Beitrag der Serie ein paar davon zusammenzustellen.

  3. Maren Wulf schreibt:

    Was für eine Biografie! Vielen Dank für diese hochinteressante Vorstellung, liebe Petra.

  4. perlengazelle schreibt:

    Sehr interessant! Das einzige, was ich seit Schülerzeiten von ihm kenne, ist „When we two parted in silence and tears … „. Und das mochte ich sehr.

  5. gkazakou schreibt:

    Wie schön! Mir blutet das Herz (mal wieder), dass die schön gebundene Gesamtausgabe von Byron (Erbe von meiner Großmutter väterlicherseits) beim Tod meiner Mutter im Antiquariat landete. Aber vielleicht hätte ich ja doch nur die paar Zeilen gelesen, die ich auch bei dir finden kann 😉

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ooooh, wie schade, liebe Gerda! Aber es ist schon so, dass Byron heute etwas „exotisch“ ist, man muss es schon wollen ; ) Die verlinkten Gedichte immerhin geben einen kleine Einblick. Aber trotzdem ist es schade um die Gesamtausgabe …

  6. belmonte schreibt:

    Wunderschöner Text in Deiner Dandy-Serie. Byron ist einfach grandios.

  7. Petra Wiemann schreibt:

    Wie schön, dass du Byron als untypischen Dandy in deine Serie aufgenommen hast. Ich fand es sehr spannend zu lesen! Auch mir geht es so wie Birgit, dass ich Byrons Leben interessanter finde als sein Werk. Aber das Gedicht Darkness gefällt mir. Es passt wirklich perfekt in diese Tambora-Zeit.

  8. Susanne Haun schreibt:

    Ich las vor über 20 Jahren den Roman „Wahnsinn, der das Herz zerfrißt“ von Tanja Kinkel. Erst ab da war mir Byron ein Begriff und ich lass etwas mehr über ihn.
    Schön hier bei dir fundiert über ihn zu lesen.
    Einen schönen Sonntag von Susanne

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Danke, liebe Susanne! Den Roman las ich damals auch, ich meine mich zu erinnern, dass er sehr gut recherchiert war. Liebe Grüße & einen guten Start in die Woche!

      • Susanne Haun schreibt:

        Das spricht sehr für den Roman, Petra. Vielleicht sollte ich ihn demnächst nocheinmal lesen, er steht tatsächlich noch in meinem Regal. Das ist ein Wunder, denn ich habe in den letzten Jahren soviele Bücher aussortiert. Da muß er mir wirklich gut gefallen haben. Dir auch einen guten Wochenbeginn, lg Susanne

  9. Pingback: Markierungen 02/01/2016 - Snippets

  10. entdeckeengland schreibt:

    Ach, liebe Petra, was für eine schöne Zeitreise!!!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Danke für den Link, liebe Birgit! Das Thema liegt anscheinend gerade in der Luft? Gut auch die Idee der Verbindung zu Dada. Und Arthur & lebe wild und gefährlich ist als Assoziation zu den Geschichten um Artur & Artur von Clemens Walter auch interessant … Liebe Grüße!

      • SätzeundSchätze schreibt:

        Du bist halt Trendsetterin 🙂 Ich fände auch einen Bezug Dandy und Hippster heute spannend …
        ja, und vielleicht waren die DADAisten auch ein wenig Dandy, auf jeden Fall Bohème.

  11. Ron schreibt:

    Goethe über Byron:

    Ach! zum Erdenglück geboren,
    Hoher Ahnen, großer Kraft,
    Leider früh dir selbst verloren,
    Jugendblüte weggerafft!
    Scharfer Blick, die Welt zu schauen,
    Mitsinn jedem Herzensdrang,
    Liebesglut der besten Frauen
    Und ein eigenster Gesang…

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