Oscar Wilde

Foto: © Petra Gust-Kazakos

Foto: © Petra Gust-Kazakos

Was kann ich noch über ihn schreiben, was nicht alle sowieso schon wissen, gehört haben, gesehen auf Bühnen oder in Filmen oder selbst gelesen? Vielseitiger Schriftsteller, auffallende Erscheinung, eloquenter Ästhet, dessen verbotene Liebe ihm zum Verhängnis wurde. Beginnen wir mit einer Zeitreise.

Wir reisen nach 1854 – mitten hinein ins Viktorianische Zeitalter. Victoria ist seit 1837 Königin und wird dies bis 1901 bleiben; ihr Mann lebt noch. Großbritanniens Wirtschaft boomt zwischen 1850 und 1875, nicht zuletzt wegen der für England günstigen Auswirkungen der industriellen Revolution. London wird wichtigster Bankenstandort der Welt. Die Bevölkerung wird sich bis zum Ende des Viktorianischen Zeitalters verdoppelt haben, die Lebensumstände verbessern sich. Aber die Arbeitsbedingungen für Land-, Fabrik oder auch Bergbauarbeiter waren nicht rosig, trotz neuer Gesetze zu Bedingungen und Arbeitszeit in den 1830er und 40er Jahren. Nur etwa zehn Prozent der Industriearbeiter und Handwerker besaßen eine Ausbildung und konnten sich vielleicht mehr leisten, als ein einfaches Zimmer für die ganze Familie. In Irland, das seit 1801 zum Königreich gehörte, gab es in den 1840er Jahren eine gewaltige Hungersnot, bei der wahrscheinlich eine Million Menschen verhungerten und wohl zwei Mal so viele auswanderten, viele davon in die USA, nach Kanada und nach Großbritannien. Immer wieder Aufstände gegen die britische Regierung. Erst 1869 wurde die Anglikanische Kirche in Irland als Amtskirche abgeschafft. Die soziale Unzufriedenheit war hoch, die englischen Grundbesitzer beuteten ihre irischen Pächter aus.

Was Literatur anging, so waren realistische Romane beliebt, z. B. von Dickens, Thackeray oder den Brontës; aber auch Gedichte, z. B. von Tennyson (seit 1850 Poet Laureate) oder Elizabeth Barrett Browning; Lear, der Dichter herrlicher Nonsens-Gedichte, wurde ebenfalls gern gelesen. In der Kunst hatte sich 1848 die Gruppe der Präraffaeliten zusammengeschlossen, deren Werke stark an Mittelalter und Renaissance denken lassen. Einer ihrer bekanntesten Vertreter ist vielleicht Dante Gabriel Rossetti. Wilde wird Anfang der 1880er Jahre für sie Werbung machen auf seiner langen Vortragsreise durch Nordamerika.

Das also ist die Zeit, in die Oscar Wilde im Jahre 1854 hineingeboren wurde.

Oscar Fingal O’Flahertie Wills Wilde (1854 – 1900)

Aber, ach: Was kann ich noch über ihn schreiben, was nicht alle sowieso schon wissen, gehört haben, gesehen auf Bühnen oder in Filmen oder selbst gelesen? Zu meinen persönlichen Favoriten gehören The Happy Prince, The Picture of Dorian Gray, The Importance of Being Earnest, Lady Windermere’s Fan, „De Profundis“, „The Ballad of Reading Goal“, seine Essays, seine Bonmots, tausendfach zitiert und immer noch witzig in ihrer Umkehr gängiger Vorstellungen, ihrer Coolness, ihrer Egozentrik und, ja, auch ihrer Wahrheit.

Weiß man nicht schon alles über sein Leben? Der Ire mit der dichtenden, etwas überspannten Mutter, „Speranza“, die einen Salon führte, dem berühmten Arzt-Papa, die Eltern selbst schon Zielscheibe der Karikaturisten wie später auch ihr Sohn. Oscar, der Student, erst am Trinity College in Dublin, dann dank eines Stipendiums in Oxford, am Magdalen College, schon früh auffallend durch Kleidung, Stil und Geist. Erste Erfolge, seine Vortragstournee durch die USA und Kanada, wo er über seine ästhetischen Überzeugungen referierte, Paris, eingebettet in weitere Tourneen durch England und Schottland seine Hochzeit, weitere Erfolge mit seinen Märchen, seinem Dorian Gray, später mit seinen herrlich pointierten Gesellschaftskomödien.

Und die andere Seite. Eine Liebe zu einem Mann, Beziehungen zu männlichen Prostituierten. Der Skandal, der Prozess, die Wildes bankrott, Oscar zu Zwangsarbeit verurteilt. Und noch immer nicht verstummt, nur geächtet, seine erfolgreichen Stücke ohne Nennung des Autors aufgeführt. Das Exil in Paris, letzte Station, er nennt sich Sebastian Melmoth, nach der Figur aus einem Roman seines Großonkels Charles Robert Maturin. Arm, allein, ein trauriger Tod – selbst dieser noch mit „Zitaten“ Oscars dekoriert: „Entweder geht diese Tapete – oder ich“. Ach, Oscar, was kann ich über dich schreiben, was nicht schon alle wissen, gehört haben, selbst gesehen oder gelesen? Tausendfach zitiert!

Ein paar Lektüreempfehlungen

Ich empfehle allen, die sich (noch einmal) eingehender mit seinen Werken befassen möchten, die kritische Ausgabe seiner Hauptwerke Oscar Wilde, herausgegeben von Isobel Murray bei der Oxford University Press. Dazu die Biographie von Richard Ellmann und fürs Auge das Oscar-Wilde-Album, zusammengestellt von seinem Enkel Merlin Holland. Es zeigt all die Bilder, die wir zu kennen meinen von diesem großen, kräftigen, faszinierenden Mann. Gern in Pose geworfen, gern außergewöhnlich gekleidet.

Ein Dandy?

Ich finde schon. Wilde war für mich der erste Dandy, mit dem ich mich beschäftigt habe, damals während meines Studiums. Er war sogar eines meiner Prüfungsthemen. Mag sein, dass er kein Brummel-Dandy war, also vereinfachte Kleidung nicht sein Thema war, doch sicher ungewöhnliche, die er so selbstbewusst trug, dass er nicht einmal verkleidet oder kostümiert wirkte.

Mag seine Mode nicht stilbildend gewesen sein, die Zeiten hatten sich seit der Regency-Zeit auch gründlich geändert. Ein Dandy hatte es nun deutlich schwerer, denn sein Publikum hatte sich quasi verzehnfacht; zur dünnen Adelsschicht gesellten sich nämlich nun auch die „Neureichen“, der Finanzadel. Aber was Wilde trug, trug er mit Würde, auch wenn er sich zuweilen dem Spott der Karikaturisten des Punch aussetzte. Dazu seine Coolness, sein Geist, sein Witz – eines Dandys mehr als würdig!

Aber er war noch viel mehr als nur ein Dandy, der sich allein um sein Äußeres kümmert, denn außer seinem Talent zur Selbstdarstellung hatte er noch ein viel großartigeres: Wie er schreiben konnte! Packend, witzig, rührend, aufwühlend, aufdeckend …

Ich stelle mir vor, dass seiner dandyhaften Coolness sein Herz in die Quere kam. Kein Kult der Kälte, eher ein Kult, der alles Schöne umfassen wollte, nicht nur das Sichtbare, das Dekorum, auch das Innere, die Einstellung. In seinen Werken jedenfalls lese ich viel Gefühl heraus: für „gefallene Frauen“, einsame Menschen, Getriebene, Gefangene, Geknechtete.

Sein Grabmal auf dem Père Lachaise darf man wohl nicht mehr küssen. Aber das muss ja auch nicht sein.

Nächste Woche geht es weiter mit Max Beerbohm.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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27 Antworten zu Oscar Wilde

  1. Dina schreibt:

    Eine sehr lesenswerte Vorstellung, liebe Petra! 🙂
    Winterliche Grüße aus Norwegen,
    Dina & co

  2. Pingback: [Philea’s] Oscar Wilde – #Literatur

  3. Herr Ärmel schreibt:

    Wenn Sie mir zu Ihrem feinen Beitrag einen ergänzenden Hinweis gestatten:
    „Ein Leben in Schönheit.“ Eine literarische Revue über Leben und Werk des Dichters, Denkers und Dandys Oscar Wilde zu dessen 150. Geburtstag.
    Das ist ein wunderbares Hörbuch.
    Mittäglichschöne Grüsse aus dem schönen Bembelland

  4. buchpost schreibt:

    Ach, ein schöner Beitrag, der mich gleich dazu verleiten könnte, mal wieder in seinen Texten zu lesen, zu stöbern, auch wenn das aus Zeitgründen mal wieder nach hinten geschoben wird. Und an die Ellmann-Biografie erinnere ich mich mit respektvollen Schrecken, was für ein Brocken 🙂 LG, Anna

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Herzlichen Dank, liebe Anna! Aber der Ellmann ist schon ein toller Brocken, sehr lohnende Lektüre : ) Ich hatte den damals nur geliehen und verlängert, bis es nicht mehr ging. Aber eines Tages hole ich ihn mir. Liebe Grüße!

  5. Trippmadam schreibt:

    „In seinen Werken jedenfalls lese ich viel Gefühl heraus: für „gefallene Frauen“, einsame Menschen, Getriebene, Gefangene, Geknechtete.“ Ja, das habe ich genauso empfunden.

    Lady Windermere’s Fan habe ich erst spät gelesen, Dorian Gray im Englisch-Leistungskurs und The Happy Prince schon als Kind, ohne ihn zu verstehen und ohne zu wissen, wer dieser Oscar Wilde war.

    Vor ein paar Jahren war ich auf dem Friedhof Père Lachaise und hatte das „Vergnügen“, in meinem miesen Französisch ein paar Schüler herunterzuputzen, die Wilde nicht kannten. „Um der Ehre willen darf man die Lächerlichkeit nicht scheuen“. (Nicht von Wilde, sondern von Amélie Nothomb, aber nur so ungefähr.)

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ach, das ist schade, dass er vielleicht nicht mehr so bekannt ist (mir fast unvorstellbar). Aber vielleicht waren die Schüler noch zu jung? So richtig kennengelernt habe ich ihn auch erst zu Beginn meines Studiums, möglicherweise muss man erst ein gewisses Alter erreichen, um sich für ihn zu interessieren … Im LK war er bei uns leider kein Thema. Aber dafür viel Shakespeare, das war natürlich toll.

  6. Tobi schreibt:

    Liebe Petra,

    ein sehr interessanter Beitrag. Ich kenne ja Oscar Wilde nicht so gut. Sein Dorian Gray hab ich gelesen, ein Buch das echt nicht schlecht ist und definitiv eine Empfehlung. Aber irgendwie hat es mich nicht sofort motiviert noch mehr von ihm zu lesen. Irgendwann wird es mich allerdings schon wieder packen. Welches Buch würdest du denn mir noch von ihm ans Herz legen?

    Ein bisschen was über sein Leben habe ich schon gelesen, insbesondere eben, dass er Opfer der Sitten seiner Zeit wurde. Aber die Bonmonts sind schon wirklich hervorragend. Dein Text ist sehr unterhaltsam zu lesen und gibt einen guten Abriss.

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Vielen Dank, lieber Tobi!
      Liest du eher auf Deutsch oder auf Englisch? Wenn möglich, tu es auf Englisch. Falls du (Kunst)Märchen magst, kann ich dir auf jeden Fall den Happy Prince ans Herz legen. Ausgezeichnet gefallen mir auch die Gesellschaftskomödien, insbesondere The Importance of Being Earnest.Ich denke, je nach Interessenlage eignen sich die beiden gut für einen Neueinstieg. Und die Ellmann-Bio ist wirklich sehr empfehlenswert, sie gibt überdies auch sehr gute Einblicke in Wildes Werke.
      Ich wünsche ganz viel Lesevergnügen & sende liebe Grüße!

  7. Liebe Petra,
    was für ein Post. Ich gestehe, mich trotz Anglistikstudium nicht über das studiennotwendige mit Oscar Wilde und seinen Werken beschäftigt habe. Und schon gar nicht groß mit seinem Leben.
    Um so schöner, daß alles hier inDeinem Post zu erfahren. Ich habe ihn mit grossem Genuss und stetig wachsendem Interesse gelesen und werde den Oscar Wilde jetzt nochmal bewusster zu mir nehmen. Dank Dir also für dieses grossartige Stück Information und Einordnung! Und nun freue ich mich schon dehr auf Deinen Text über Max Beerbohm, dessen Texte, zumindest die paar, die ich kenne, sehr mag.
    Liebe Grüße
    Kai

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Kai, ich freue mich sehr, dass ich dich mit meinem Beitrag noch mal für Wilde interessieren kann, das ist immer das schönste Lob für mich : )
      Von Beerbohm kenne ich bislang auch nur das dir ebenfalls bekannte wunderbare Bändchen aus dem Haffmans Verlag, das ich bei der Gelegenheit natürlich empfehlen werde. Das war dann auch der Anlass, mich noch einmal mit Max und den Dandys zu befassen und diese kleine Serie zu starten. Sehr inspirierend, der gute Max … Liebe Grüße!

  8. Pit schreibt:

    Hallo Petra,
    interessanter Zufall, das gerade auch Achim Spengler in seinem Blog „A Readmill of my Mind“ über Oscar Wilde schreibt [http://tinyurl.com/jdp5bvd].
    Einen schönen Restsonntag noch, und liebe Grüße,
    Pit

  9. perlengazelle schreibt:

    Ich gestehe: Ich kenne Wilde so gut wie gar nicht. Gerade mal den Namen. Deine Zusammenfassung ist aber ein guter Einstieg. Er macht Lust, sich mit dem Menschen näher zu beschäftigen. Und gelesen habe ich natürlich auch noch nichts von ihm – das wird sich bestimmt ändern! Mein Grundkurs Englisch hat ihn komplett ausgespart. 🙂

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Perlengazelle, ich freue mich, dass dir der Beitrag Lust auf mehr von oder über Oscar Wilde macht. Versuch’s doch mal für den Einstieg mit einer seiner Gesellschaftskomödien oder seinen Märchen. Sein Roman The Picture of Dorian Grey ist auch unbedingt empfehlenswert! Liebe Grüße!

  10. SätzeundSchätze schreibt:

    Und noch ein Dandy, liebe Petra: Dieter Meier von Yello. Also, auf den passt das Attribut wirklich!
    http://www.srf.ch/kultur/im-fokus/big-dada/so-elegant-wie-absurd-dieter-meier-und-arthur-cravan

  11. BuecherFaehe schreibt:

    Hallo!

    Wirklich ein toller Text! Ich habe bis jetzt nur „Das Bildnis des Dorian Gray“ gelesen, das mir aber sehr gut gefallen hat. In der Schule hatten wir mal (Auszüge von?) „The Importance of Being Earnest“ gelesen, aber irgendwie war ich damals noch nicht so offen und begeistert für solche Art von Klassikern. Muss ich also wohl mal dringend nachholen! 🙂

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Jenny, herzlichen Dank für dein Lob! Wilde ist wirklich toll, wenn du schon das Bildnis und The Importance hattest, war das ja ein prima Einstieg. Versuch’s doch als nächstes mal mit Lady Windermere’s Fan und den Märchen. Liebe Grüße!

  12. Stella, ad Astra! schreibt:

    The Picture of Dorian Gray: ich habe das Stück in der Schule gelesen und seit da finde ich Wild einfach eine extrem interessante Persönlichkeit. Denn auch in dieser Geschichte steck viel von seinem Wesen (meiner Meinung nach). Sehr schön geschriebener Blogbeitrag übrigens 🙂

    Alles Liebe, Stella

  13. Pingback: Merlin Holland: Das Oscar-Wilde Album (OA 1997) – buchpost

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