Max Beerbohm, Dandys & zwei Fragen

Spiegel_BeerbohmMit Max Beerbohm und seinen Essays und Erzählungen in Dandys & Dandys schließe ich heute meine kleine Serie. Ein würdiger Abschluss, denn dieses Buch gab den Impuls, aus den Dandys und meinen früheren Lektüren zum Thema die kleine Serie zu beginnen.

Ich fand das schön gemachte Buch aus dem Haffmans Verlag, herausgegeben und übersetzt von Eike Schönfeld und angereichert mit einigen wunderhübschen Zeichnungen von Beerbohm höchst selbst, bestens erhalten in einem Heidelberger Antiquariat. Ein famoser Fund und eine nicht nur überaus informative, sondern auch amüsante Lektüre.

Max Beerbohm gehört mit Barbey d‘Aurevilly zu den schreibenden Dandys, die sich außerdem über das Dandytum und andere Dandys Gedanken gemacht haben. Sogar der gestrenge Erbe lässt in seinem Buch Dandys – Virtuosen der Lebenskunst Beerbohm – oder auch Max, wie Beerbohm selbst seine Kritiken zeichnete – als Dandy à la Brummel durchgehen.

Als Max Oscar Wilde kennenlernte, war er zunächst voll Bewunderung für den „Meister“, die Beziehung der beiden wurde allerdings zusehends bissiger. Das zeigen Essays von Max über Oscar, die mit spitzer Feder vermeintliche Schwächen aufspießen, aber auch überlieferte Zitate Wildes über Max, zum Beispiel: „Die Götter haben Max die Gabe des ewigen Alters verliehen.“ Und ausgerechnet der perfekte Selbstdarsteller Wilde scheint von dem jüngeren, ebenso perfekten Selbstdarsteller Max irritiert gewesen zu sein. So soll er zu seiner Vertrauten, der englischen Schriftstellerin Ada Leverson, die Max ebenfalls kannte, gesagt haben: „Wenn Sie mit ihm allein sind, Sphinx, nimmt er dann das Gesicht ab und zeigt seine Maske?“

Max verfertigte entzückende Karikaturen und sehr gute Zeichnungen, schrieb überaus originell über Dandys, die Regency-Zeit und die Mode, wobei ihm über Brummel kein neuerer Dandy geht. Darin scheint er mit Erbe d’accord zu sein. Mit nur 23 Jahren beschloss er, derlei nicht mehr zu schreiben und arbeitete von 1898 bis 1910 als Theaterkritiker. Dort trat er die Nachfolge Shaws an, der ihn als den „unvergleichlichen Max“ eingeführt hatte. Trotz seiner Ankündigung veröffentlichte Beerbohm 1911 noch einen Roman, Zuleika Dobson, der das Genre der Moderomane parodierte. Parodien, bissige Beobachtungen und Karikaturen lagen ihm ungemein.

Apropos Brummel

Wie wir im Laufe dieser kleinen Dandy-Serie gesehen haben, befassten sich zumindest die schreibenden Dandys nicht selten mit dem Dandy schlechthin – „Beau“ Brummel. Er ist und bleibt der Maßstab, an dem alle folgenden Dandys gemessen wurden. Aber nicht nur Dandys haben sich für ihren „Stammvater“ interessiert, auch Menschen, die man jetzt nicht unbedingt mit diesem Stichwort in Verbindung bringen würde, konnten sich der Faszination nicht entziehen. In diesem Zusammenhang kann ich noch Virginia Woolfs Essay „Beau Brummel“ empfehlen, der jüngst in einer hübschen Ausgabe bei L. S. D. auf Deutsch erschien, übersetzt von Tanja Handels.

Zwei Fragen

Gleich der erste Beitrag zu den Dandys hat in den Kommentaren einige Fragen aufgeworfen, deren unvollständige Beantwortung ich nun versuchen möchte.

Da war zum einen die Frage nach „Dandy-Romanen“ – da gibt es einiges, z. B. von Honoré de Balzac Verlorene Illusionen, von Edward Bulwer-Lytton Pelham (der übrigens die Abendmode für Herren beeinflusste, man bevorzugte Schwarz im Roman – bis heute eine beliebte Farbe für Abendanzüge, Fräcke etc.), dann natürlich Thomas Carlyles Sartor Resartus, Benjamin Disraelis Vivian Grey, Joris-Karl Huysmans Gegen den Strich, der wiederum Einfluss auf Oscar Wildes Picture of Dorian Gray nahm und seinerseits beeinflusst wurde von einem ganz realen Dandy als Vorbild für Des Esseintes, nämlich dem französischen Dandy Robert de Montesquiou (mehr über ihn bei Strange Flowers), der auch als Vorbild für Marcel Prousts Baron de Charlus in der Suche nach der verlorenen Zeit diente. Dort wiederum finden wir einen weiteren Dandy mit realem Vorbild: Swann, Vorbild war Charles Haas. In die Reihe der Dandy-Romane/Schriften fallen auch Eugen Onegin von Alexander Puschkin, William Makepiece Thackerays Buch der Snobs oder Romane des einstigen Beststellerautors Eugène Sue, z. B. Der Salamander und Arthur. Ihr seht, es gibt noch etliches in dieser Richtung zu entdecken!

Eine andere Frage war die, ob es denn heute noch Dandys gebe. Nun ja, sicher gibt es nach wie vor Männer, die aus unterschiedlichen Gründen sehr stark auf ihr Äußeres konzentriert sind (Models, Schauspieler etc.) und manche von ihnen setzen Moden in Gang, man denke an die Haartrachten des Fußball-Stars David Beckham. Allerdings ist es heute, wo so wahnsinnig viele von ihnen im Rampenlicht stehen, schwierig, ein einheitliches Publikum zu beeinflussen. Die Moden variieren immer schneller, scheinen sich auch zu wiederholen in Kleinigkeiten. Und bestimmt werden sie vermutlich vor allem von Modeschöpfern. Dann gibt es wieder Moden, bei denen man sich fragt, wie sie plötzlich so flächendeckend aufkommen konnten: Undercuts und Bärte oder skinny Jeans mit Hängepo. Ob die Verursacher Dandys waren? Ob die Träger welche sind? Einen schönen Link zu einem Beitrag über einen Dandy neuerer Zeit (Dieter Meier von „Yello“), einen aus älteren Zeiten (Arthur Cravan, der eigentlich Fabian Avenarius Lloyd hieß und ein Neffe Oscar Wildes war) und der Verbindung zu Dada sandte mir Birgit von Sätze und Schätze.

Zumindest sind mir die vielen wohlgekleideten Herren von heute seltenst auch als Überlieferer geistreicher Bonmots in Erinnerung. Eine Ausnahme wäre vielleicht der schlagfertige, wunderbare David Bowie. Er wusste sich jedenfalls immer wieder neu zu erfinden, in dieser Hinsicht muss ich an Madonna denken, die das jahrzehntelang auch immer wieder tat. Seine auffallende Selbstdarstellung war vielleicht auch für die Mode inspirierend, wie manche Looks von Madonna dies für die Damenmode waren. Oder haben die beiden geschickt aufgegriffen, was in der Luft lag, und für sich perfektioniert? Huhn? Ei?

Nun überlasse ich euch eigenen Gedankengängen zum Thema und freue mich auf den weiteren Austausch dazu in den Kommentaren. Ich hoffe, ihr hattet Spaß an der kleinen Serie und habt ein paar neue Informationen oder Lektüre-Tipps für euch mitnehmen können.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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19 Antworten zu Max Beerbohm, Dandys & zwei Fragen

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  2. SätzeundSchätze schreibt:

    Ach, fast schon wehmütig verabschieden wir uns von den Dandys und Deiner schönen Serie… bin gespannt, was Du als nächstes bringst!
    Ich wurde ja neulich mit Madonna verglichen – https://saetzeundschaetze.com/2016/02/04/geschichten-ohne-worte-2-die-mandarins-von-paris/ – ein augenzwinkernder Vergleich. Jetzt, da ich bei Dir von ihr lese: Na, da wäre mir David Bowie doch lieber gewesen 🙂
    Beide sowie Beckham androgyne Metrosexuelle (das ist der Fachausdruck, habe ich mir sagen lassen) … und dann landen wir prompt bei Lady Gaga und es wird Gaga statt DADA und völlig undandyhaft. Deswegen mache ich jetzt einen: .

    Einen schönen Sonntag noch, Birgit

  3. gkazakou schreibt:

    War eine sehr schöne Serie, Petra, ein Genuss sie zu lesen! Ob du die Texte wohl zu einem kleinen Bändchen zusammen fassen magst? Das sind so Sachen, die man gern in der Tasche rumträgt, um sie bei besonderen Gelegenheiten zu lesen, zB wenn man in der U-Bahn keinen Sitzplatz findet oder wenn man sich bei einem Capuccino in Kolonaki vom Herumlaufen in Ausstellungen erholen will. 🙂 Schönen Abend noch mit dem Heiligen Valentinus!

  4. nweiss2013 schreibt:

    Liebe Petra,
    auch ich danke sehr für diese schöne, lehrreiche und unterhaltende Miniserie. Ich stimme zu, daß die Ergänzung um Kokotten in Moll (oder Dur) eine wunderbare Sache wäre und sich als Vademecum hervorragend machen würde!
    Herzliche Grüße
    Norman

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