Roland Barthes: Theorie & Praxis

Barthes_EiffelturmUm die Weihnachtszeit herum erregte ein schmales Bändchen mit dem Titel Der Eiffelturm von Roland Barthes, übersetzt von Helmut Scheffel und angereichert mit herrlichen zeitgenössischen Abbildungen, meine Aufmerksamkeit. Zu Recht, denn die Lektüre ist sehr sowohl zu Genuss und Belebung als auch zu Anregung und Erkenntnis (um Goethe mal so halb-dreiviertel zu zitieren) geeignet. Das Lektüreerlebnis lässt sich übrigens mit etwas theoretischer Unterfütterung noch steigern.

2015 jährte sich Roland Barthes Geburtstag zum hundertsten Male, was nicht nur zu einer erfreulichen Zunahme der Berichterstattung über ihn und seine Schriften, sondern auch zu ungewöhnlichen Blüten geführt hatte. So hat beispielsweise die Firma Hermès einen Herrenschal, eindeutig nicht für arme, sondern für reiche Philosophen auf den Markt gebracht; das gute Stück kostet 875 Euren. Pretentious, moi? möchte man da fragen und sich doch bei allem Amüsemang ein bisschen freuen über diese Idee, „einen Cashmere-Schal zu kreieren, der von der collageartigen Typografie des Essays «Fragments d’un discours amoureux» inspiriert ist.“ Dieses Zitat ist dem Artikel „Wird Denken jetzt Mode?“ (schön wär’s, genialer Titel, by the way) von Marc Zitzmann in der NZZ entnommen.

Besonders interessant ist es, vor der oder parallel zur Lektüre des Eiffelturms Barthes „Die strukturalistische Tätigkeit“ zu lesen, dann kann man besser genießen, wie er diese Tätigkeit beim Eiffelturm praktiziert.

Das Bändchen beginnt mit einer grandiosen Fehleinschätzung, nämlich einem Auszug aus der Protesterklärung, die unter anderem von Alexandre Dumas fils und Guy de Maupassant unterzeichnet wurden und die Le Temps am 14. Februar 1887 veröffentlicht hatte: Ein „Protest gegen die Errichtung des nutzlosen und monströsen Eiffelturms“, die sie für die „Entehrung von Paris“ hielten, für eine „Scheußlichkeit“, über die man sich künftig lustig machen werde (Barthes, Der Eiffelturm, S.6f.). So kann man sich täuschen.

Barthes selbst beginnt seinen Text mit einer kleinen Anekdote von Maupassant, der zwar den Eiffelturm immer noch scheußlich fand, doch im Restaurant desselben essen ging, weil er ihn von dort aus nicht sehen konnte. Barthes besieht sich den Eiffelturm von allen Seiten, auch Paris vom Eiffelturm aus, geht auf die Symbolik des Bauwerks ein, auf die Quasi-Gleichsetzung mit Paris selbst, auf die touristische Bedeutung und vieles mehr. Er zeigt dabei, wie in der „strukturalistischen Tätigkeit“ beschrieben, wie er das Objekt – also den Eiffelturm – „neu zusammensetzt, um Funktionen in Erscheinung treten zu lassen“ (Barthes, „Die strukturalistische Tätigkeit“).

Insgesamt: Ich habe das Bändchen und den Artikel sehr gern gelesen und rate zu.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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16 Antworten zu Roland Barthes: Theorie & Praxis

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  2. dj7o9 schreibt:

    Ist eigentlich gar kein Platz mehr im Koffer vor lauter Reiselektüre, aber das sollte ich vielleicht doch noch reinquetschen, wenn ich im März nach Paris fahre, oder ? 🙂

  3. gkazakou schreibt:

    Kenne ich noch nicht. Ein Leckerbissen, scheints, und nicht so teuer wie der Cashmire-Schal. Soll ich ihn mir leisten?

  4. The Tastemonials schreibt:

    Was für eine schöne Idee einen Schal zu Ehren des 100. Geburtstages eines Schriftstellers zu kreieren, auch wenn sich ein Philosoph das gute Stück wahrscheinlich nicht leisten kann 😉 GLG, Heike

  5. J. Kienbaum schreibt:

    Wenn das Eifelturm-Bändchen Spaß bereitet hat, empfehle ich mit Nachdruck auch »Fragmente einer Sprache der Liebe« (erstmals vollständig und neu übersetzt bei Suhrkamp). Ein »schönes« Buch, das mich (immer wieder) zu »ungelenken Denkübungen« anregt.
    http://lustauflesen.de/roland-barthes-100/
    lg_jochen

  6. Pingback: Paris – Coup de Chapeau | Binge Reading & More

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