Die Fotografin

Fotografin_BoydDer neue Roman von William Boyd (übersetzt von Patricia Klobusiczky und Ulrike Thiesmeyer) liest sich wie die Biographie einer dringend wieder zu entdeckenden Fotografin, deren Oeuvre man sich gern genauer in den im Buch genannten und natürlich ebenfalls fiktiven Bildbänden ansehen würde. Die dem Roman immer wieder beigefügten Fotos und die vielen weltgeschichtlichen Ereignisse und Auftritte nicht-fiktionaler Persönlichkeiten verstärken das Gefühl, man lese eine spannende Biographie. Fiktion vom Feinsten.

Nun enthalten Romane ja immer fiktive Biographien, manchmal Ausschnitte, manchmal ganze Leben oder auch noch die der Nachkommen. Und solange wir lesen, scheint uns das Geschehen „wahr“, im Rahmen der Handlung quasi faktual, auch wenn sie komplett erfunden und noch dazu in einem Fantasiereich angesiedelt ist.

William Boyd ist es schon oft gelungen, Figuren zu schaffen, die so gerade wahrscheinlich wirken, eher echt als erfunden. Dieser Eindruck verstärkt sich dadurch, dass er reale Ereignisse und Persönlichkeiten geschickt mit seinen erfundenen Romanfiguren zusammenbringt. Im Grunde auch das Prinzip historischer Romane, hat aber mit den Säulen der Erde und ähnlichen historischen Schmökern ansonsten wenig gemein. Zumal die Zeit, in der Boyds Romane spielen, uns noch sehr vertraut ist. Im 20. Jahrhundert fühlen wir uns mehr zu Hause als beispielsweise im Mittelalter.

Ein besonders gelungenes Beispiel für Boyds Helden ist Logan Mountstuart aus Any Human Heart, der während seines langen Lebens nicht nur eine Menge berühmter Persönlichkeiten traf, sondern auch immer bei historisch bedeutenden Ereignissen zur Stelle gewesen zu sein schien. Oder die russische Emigrantin Eva Delectorskaya, die 1939 in Paris als Agentin angeworben wird, seine Heldin aus Restless. Noch so eine tolle Geschichte, die zudem eine interessante Erklärung für den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg liefert. Boyds größter Coup bisher war Nat Tate, die ebenfalls fiktive Biographie um einen amerikanischen Künstler, mit der Boyd die New Yorker Kunstszene genarrt hat.

Diesmal aber handelt es sich ganz klar um einen Roman, der aufs Schönste die Brücke zwischen der fiktiven Künstlerbiographie Nat Tate und seinen beiden vorgenannten Romanen schlägt. Amory Clay, eine der ersten professionellen Fotografinnen, erzählt ihr Leben, das 1908 beginnt. Der Ton ist plaudernd, manchmal à la Neue Sachlichkeit, was dem Ganzen eine besondere Authentizität verleiht. Unterbrochen wird die Chronologie von ihrem Barrandale Journal von 1977, in dem sie erzählt, wie sie nun als alte Frau auf einer schottischen Insel lebt und retrospektiv wichtige Ereignisse aus ihrem Leben kommentiert. Auch hier der abgeklärte Ton, nicht ohne Gefühl oder Wehmut für manche Fehlentscheidung oder Wendung, doch nie jammernd oder entschuldigend. Es war, wie es war. Schon ihre Mutter pflegte der kleinen Amory, wenn sie sich über eine ungerechte Erziehungsmaßnahme beklagte, zu antworten: „Tja, so ist es nun mal, ob’s dir passt oder nicht.“ Vielleicht hat dieser Satz Amorys Lebenseinstellung geprägt, ihre Gabe, sich immer wieder auf nun mal gegebene Umstände einzustellen und für sich das Beste daraus zu machen – auch wenn es sich am Ende nicht immer als das Beste erwies. Tja, aber so war es dann eben nun mal.

Ihr Leben als Fotografin führt sie von England nach Berlin, New York, Frankreich, Schottland und später auch nach Vietnam. Der Krieg ist immer präsent. Und Männer, die von Kriegen traumatisiert wurden, werden schicksalhafte Begleiter, ihr Vater und ihr späterer Mann. Die Szenen in Berlin, als sie beim Versuch, sich einen Namen zu machen, skandalträchtige Fotos schießt, wirken sehr echt, auch die spätere Ausstellung dieser Fotos und der voraussehbare Skandal, ihr Zusammenstoß mit englischen Schwarzhemden, bei dem sie fast zu Tode geprügelt wird, weil sie fotografierte. Es wird weitere Situationen geben, in denen sie sich, bewusst oder unbewusst, großer Gefahr aussetzt und knapp dem Tod entgeht. Besonders während des Zweiten Weltkriegs und später in Vietnam.

Viele der geschilderten Ereignisse kommen einem vage bekannt vor, als habe Boyd, der in seiner Danksagung übrigens eine lange Reihe berühmter Fotografinnen auflistet, Lebensschnipsel all jener Frauen zu einer neuen Person zusammengefügt, zu Amory Clay. Viel über Fotografie erfährt man nicht, es werden allerdings jede Menge Markennamen von Fotoapparaten genannt, für Connaisseurs möglicherweise ganz interessant, mir fehlt dazu das Hintergrundwissen. Für mich war vor allem Amorys Leben spannend, wie eine Frau in einem damals untypischen Beruf beginnt, sich eine Karriere aufzubauen und wie sie mit den Schicksalsschlägen umgeht, sich immer wieder aufrappelt und neue Chancen ergreift.

Ich habe das Buch sehr gern gelesen und rate zu.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Lesenswertes abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

20 Antworten zu Die Fotografin

  1. Pingback: [Philea’s] Die Fotografin – #Literatur

  2. Se non è vero, è molto ben trovato. 🙂

  3. SätzeundSchätze schreibt:

    Ich hab noch nie eines von Boyd gelesen … obwohl bereits von verschiedenen Seiten empfohlen. Nun also auch von Dir … das Thema klingt zudem so, als wäre es auch was für mich. Gekauft.

  4. dj7o9 schreibt:

    „Restless“ kann ich absolut empfehlen, eines seiner besten Bücher (für mich). War so begeistert, dass ich danach gleich noch 1-2 andere gelesen habe, aber nichts davon kam auch nur ansatzweise an „Restless“ heran. Von der „Fotografin“ habe ich aber auch nur Gutes gehört, werde ich auch noch lesen, es wohnt schon zu Hause 😉

  5. Dina schreibt:

    Das klingt interessant, das Buch wird sofort bestellt, Petra! 🙂

  6. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Petra, bei dir hatte ich die Empfehlung gelesen! Ich hatte vergessen, woher ich die Fotografin kannte als ich sie aus der Bibliothek auslieh. Wie geschrieben, ich bin nicht damit klar gekommen, obwohl es schön erzählt ist.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s