Eine Dame von Welt

James_DamevonWeltDieses wunderhübsche Büchlein aus dem Aufbau Verlag sprach mich aus mehreren Gründen an (let’s judge a book by the cover): Hübsch in warmgelbes Leinen gebunden mit passendem Lesebändchen, eine ausgesprochen schöne Schrift, dazu eine Bauchbinde mit dem Porträt einer keck-melancholisch dreinblickenden Dame (womöglich eine von Welt) und die Genre-Zuordnung „Eine Salonerzählung“, das Ganze herausgegeben und übersetzt von Alexander Pechmann, den ich bereits als Autor zweier Bücher sehr schätze – kurz: Das Buch musste ich haben.

Dabei sind Henry und ich noch keine dicken Freunde geworden. Und dies, obwohl er ja gerade ordentlich wiederaufgelegt wurde und angeblich ein Leben ohne ihn möglich, aber sinnlos sei. Nun denn. Meine bisher einzige Erfahrung mit ihm war eine eher kurze, als ich versuchte, Der Wunderbrunnen von ihm zu lesen, der mir allerdings, obwohl die Idee an sich famos ist, bald zu wunderlich und wirr wurde. Eine treffende Besprechung dazu findet sich in der FAZ.

Dagegen ist seine Salonerzählung für meinen Geschmack sehr angenehm und kurzweilig zu lesen. Es geht um die attraktive Nancy, Amerikanerin, nicht mehr im Debütantinnenalter und offenbar mehrfach geschieden, was sich jedoch günstig auf ihre Vermögensverhältnisse ausgewirkt hat. Eine Frau von Welt, sehr weltlich, die schon einiges gesehen und erlebt hat und weiß, was sie will. Nun nämlich in Europa in die bessere Gesellschaft einheiraten. Mir war Nancy sympathisch, eine ziemlich bodenständige, vernünftige Person und nach heutigen Maßstäben ist das Thema, wie viele Erfahrungen eine Frau bereits gemacht hat, eigentlich kein Thema mehr. Damals aber schon (die Erzählung erschien erstmals 1883), und wie! Bei mehreren und intensiven Erfahrungen galt man als Frau ganz schnell nicht mehr als „ehrbar“. Und ehrbar zu sein, war schon mal die Mindestanforderung, um es in die besseren Kreise zu schaffen.

Nancy also trifft in Paris einen alten Bekannten, eventuell war da auch mal was, das bleibt aber offen, und dessen Freund, der offensichtlich gleich von ihr angetan ist. Unterschwellig stören sich aber auch diejenigen, die freundliche Beziehungen mit ihr pflegen, daran, dass sie nicht „ehrbar“ ist. Von heute aus gelesen kaum erträglich, aber zum Glück sind wir da ja inzwischen ein klein bisschen weiter. Jedenfalls: Wirklich kaum erträglich, diese Borniertheit der Überlegungen zur Ehrbarkeit und ob es denn nun unehrenhaft ist, für Nancy zu schwindeln, damit sich der Ruf der „gefallenen Frau“ nicht festigt und ihr keine Steine in den Weg nach oben gelegt werden, der sich in der Ehe mit einem jungen Adligen, Sir Arthur, manifestieren soll. Bei alledem wird übrigens die Ehrbarkeit der diversen Herren, die etwas mit ihr gehabt hatten oder eventuell hatten, keineswegs thematisiert. Tja, so war das damals.

Umso erfrischender, dass es dem Autor gar nicht so sehr darum geht, ob Nancy nun ehrbar ist oder nicht oder wie man sie dadurch menschlich be- bzw. abwerten soll. Ihm geht es tatsächlich eher um den Konflikt, in dem sich ihr alter Bekannter Littlemore befindet, der nolens volens zum Zeugen ihrer „Ehrbarkeit“ gemacht wird. Natürlich ist ihm klar, dass Nancy den Konventionen ihrer Zeit entsprechend nicht ehrbar ist, aber „Was um Himmels willen macht das für einen Unterschied?“, fragt er schon gleich zu Beginn (S. 7). Aber es macht eben doch sogar für ihn einen, denn er quält sich mit der Frage, ob er dem jungen Adligen nun ab- oder zuraten soll. Das Ende lass ich mal offen, lest lieber selbst, ich finde, die Lektüre lohnt sich.

Was genau es nun mit dem Genre „Salonerzählung“ auf sich haben mag – den Ausdruck las ich tatsächlich erstmals auf diesem Büchlein – konnte ich nicht so recht herausfinden. Sicher ist es eine Erzählung, manche schreiben auch, eine Novelle. Salon … vielleicht, weil es hier um Gesellschaft und vor allem auch Tratsch, Konventionen und Moralvorstellungen geht, um einen Aufstieg in die besseren Kreise, die angesagten Salons der feinen Gesellschaft?

Beigefügt sind der Salonerzählung außerdem der Essay „Gelegentlich Paris“, in dem Henry James auch anhand eines damals sehr erfolgreichen Stücks, Le Demi-monde von Dumas fils, in Frankreich, wo es ebenfalls um die Ehrbarkeit einer Frau geht, über die Unterschiede zwischen dem französischen und dem englischen Publikum schreibt, über Unterschiede in Sitten und Gebräuchen und seiner Stellung irgendwie dazwischen als Mittler oder jemand, der dieses Thema für ein englisches Publikum variiert. Einige Informationen von Alexander Pechmann zu Henry James und vor allem auch zum Verhältnis Daisy MillerEine Dame von Welt runden das Bändchen ab.

Eine Dame von Welt hat mir jedenfalls Lust gemacht, weitere Erzählungen von Henry James zu lesen, ob mit oder ohne Salon. Bei Tobi findet ihr dazu ebenfalls eine feine Besprechung.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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13 Antworten zu Eine Dame von Welt

  1. gkazakou schreibt:

    ,,,, und: Frohe Ostern!

  2. Pingback: [Philea’s] Eine Dame von Welt – #Literatur

  3. Dame von Welt, Dame von Welt, woran erinnert mich die bloß? Ach ja! An Adamos Lulu. 🙂 https://www.youtube.com/watch?v=QCsrjfv4LO4

  4. Tobi schreibt:

    Liebe Petra,

    eine schöne Rezension. Ich fand Nancy auch sympatisch und wenn man das Buch aus der heutigen Warte sieht, dann mag ich sie noch ein gutes Stück mehr. Das Buch lebt davon, dass sie selbstbewusst ist und eben ordentlich Schneid hat.

    Diese Asymmetrie der Moralvorstellungen finde ich auch immer interessant. Sich mit einer Mätresse zu brüsten war damals ja auch ordentlich Statussymbol, während die Mätresse keine Chance hatte aus der Halbwelt aufzusteigen. Aber sowas macht Bücher aus dieser Zeit auch interessant und spannend.

    Den Begriff „Salonerzählung“ hab ich mal einfach so hingenommen und gar nicht groß darüber nachgedacht. Es gibt ja tausend Einordnungen, Genres, Textarten. Vielleicht kommt das ja davon, dass man sich so eine Story im Salon erzählt hat, bei einem Tässchen Tee 😉 Aber wahrscheinlich stimmt deine Annahme und es ist einfach ein Oberbegriff für Klatsch und Tratsch Geschichten aus der gesellschaftlichen Oberschicht. Naja, solche Bezeichnungen sind nur Schall und Rauch, am Ende ist es eine unterhaltsame Novelle.

    Liebe Grüße und frohe Ostern
    Tobi

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Danke dir, lieber Tobi!
      Meine „Erklärung“ des Begriffs fand mein Buchhändler heute auch ganz triftig, er selbst hatte den Ausdruck ebenfalls noch nie gehört. Übrigens haben wir festgestellt, dass die andere Salonerzählung im Aufbau Verlag, Überfahrt mit Dame, leider bereits vergriffen ist, schnüff, wohl nur antiquarisch zu bekommen … Ich fürchte allerdings, dass nicht allzu viele Leute dieses hübsche Exemplar wieder loswerden wollen.
      Dir auch fröhliche Feiertage & liebe Grüße!

  5. entdeckeengland schreibt:

    Liebe Petra, ich habe mit dem lieben Henry gemischte Erfahrungen gemacht. „Portrait of a Lady“ und „Daisy Miller“ haben mir gefallen. Bei den “ Amadsadors“ habe ich mich streckenweise fürchterlich gelangweilt. Aber Nancy ist bestimmt nach meinem Geschmack. Danke für die Vorstellung und noch ein schönes Osterfest, Peggy

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Peggy, die „Dame“ soll ja eine Art Gegenentwurf zu „Daisy Miller“ sein, insofern ist es natürlich prima, dass du die schon kennst und mochtest. Dann passt die „Dame“ besonders gut, auch als Ergänzung dazu. Liebe Grüße & fröhliche Ostern!

  6. Chapitre Onze schreibt:

    I’ve read Daisy Miller which desappointed me a bit. Nevertheless I know that I will give him an other chance 😉

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