Selbstdisziplin im Selbstversuch

StapelwieWolkenkratzerMara hat Ende März auf ihrem Blog Buzzaldrins Bücher einen Beitrag mit dem Titel „Ich bekenne mich schuldig: Tsundoku“ gepostet, in dem sie für sich selbst diagnostizierte, an Tsundoku zu leiden, also der Angewohnheit, Bücher zu kaufen, ohne sie (alsbald) zu lesen. Da es mir ähnlich geht, beschloss ich spontan, mich wie Mara vorläufig beim Bücherkauf zu disziplinieren. Inzwischen bin ich allerdings nicht mehr sicher, ob die Idee für mich wirklich so famos ist, wie ich anfangs dachte.

Die wachsenden Bücherstapel sind vermutlich vielen Viel-Leserinnen und -Lesern gute Bekannte, ob mit oder ohne Literaturblog. Mara hat sich vorgenommen, von April bis Juli keine Bücher zu kaufen. Drei Monate, das schien mir machbar, besonders angesichts der eigenen Stapel und eingedenk der vielen schönen Bücher, die ich noch im März zu meinem Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Also, frisch ans Werk der Selbstdisziplinierung!

Hat bislang funktioniert. Ich durfte nur nicht in meine Lieblingsbuchhandlung gehen. Doch anders als bei anderen guten Vorsätzen, bei denen man den viel genannten inneren Schweinehund überwinden muss, um ein Ziel zu erreichen, liegt der Fall hier deutlich anders. Ich habe eher das Gefühl, mich in meinen Interessen, meiner Neugier, meinem Wissensdurst zu beschneiden. Außerdem vermisse ich die anregenden Gespräche mit meinen Lieblingsbuchhändlern.

Mögen mich meine (wohlweislich ungezählten!) ungelesenen Bücher auch vermutlich auf Jahre hinaus versorgen, so scheint mir der Selbstversuch nicht mehr so sinnvoll. Denn meine Bibliothek besteht ja nicht nur aus Regalen voller lesenswerter Bücher, die mir die Zeit aufs Angenehmste vertreiben . Ein großer Teil der Bücher wird immer wieder hervor gezogen, weil ich damit arbeite. Sekundärliteratur, Nachschlagewerke, weiterführende Literatur aller Art, die nicht dazu dient, gemütlich auf dem Sofa gelesen zu werden wie ein Roman. Sondern Bücher, die ich aus anderen Gründen brauche. Denn, wie Goethe schon so treffend befand, ist es durchaus ein großer Unterschied, ob man zu Genuss oder Belebung oder eher zu Erkenntnis und Belehrung liest. Beides ist wichtig, führt aber zú anderen Ergebnissen.

Sicher, ich habe Geld gespart und endlich einige Bücher gelesen, die schon ein Weilchen auf mich warteten. Zudem verschieben sich gelegentlich Interessen und Prioritäten, weshalb ich ein Buch, dass ich noch zu Anfang des Monats dringend haben wollte, möglicherweise nun doch nicht unbedingt haben muss. Das trifft jedoch eher auf die Belletristik zu, nicht aber auf die Sach- und Fachbücher.

Selbstdisziplin ist sinnvoll, aber dieser Selbstversuch gab mir das Gefühl, mich in meiner Freiheit als Leserin, meinem Wissensdrang einzuschränken. Und so werde ich zwar weiter Bücher aus meinen Stapeln lesen, mir aber nicht länger den Kauf für mich wichtiger Bücher versagen.

 

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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35 Antworten zu Selbstdisziplin im Selbstversuch

  1. Xeniana schreibt:

    „at bislang funktioniert. Ich durfte nur nicht in meine Lieblingsbuchhandlung gehen. Doch anders als bei anderen guten Vorsätzen, bei denen man den viel genannten inneren Schweinehund überwinden muss, um ein Ziel zu erreichen, liegt der Fall hier deutlich anders. Ich habe eher das Gefühl, mich in meinen Interessen, meiner Neugier, meinem Wissensdurst zu beschneiden. Außerdem vermisse ich die anregenden Gespräche mit meinen Lieblingsbuchhändlern.“ Ich kann das so gut verstehen. Bei uns gibt es immer wüste diskussionen ob das Buch nun wirklich nötig war. Wenn ich einen Scheidungsgrund hätte dann diesen:)))) Ich will Bücher kaufen können ohne mich rechtfertigen zu müssen. Das ist einfach Lebensqualität.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      So ist es, liebe Xeniana! Und wir können uns glücklich schätzen, in einem Land zu leben, in dem wir in unseren Lektüre-Interessen so gut wie nicht eingeschränkt werden – eine Freiheit, die wir unbedingt nutzen sollten : )

    • gmeder schreibt:

      So isses!
      Bücher kaufen und sofort, später oder gar nicht lesen – ohne Begründung und ohne Rechtfertigung ist Lebensqualität und meine kleine Freiheit. Ich würde es nicht durchhalten und auch nicht einsehen mich da zu beschränken. Zu den sog. ungelesenen Büchern hat Eco mal ‚was schönes gesagt: Auch mit diesen sei man nach einiger Zeit des Zusammenlebens so vertraut, dass man, wenn man es endlich zu lesen beginnt, es bereits zu kennen scheint. Wie ein Gespräch mit einem alten Bekannten. So isses!

  2. Pingback: [Philea’s] Selbstdisziplin im Selbstversuch – #Literatur

  3. eulenausathen schreibt:

    Oh, nein!

    Müssen wir wieder Regale anbauen?
    😉

  4. gkazakou schreibt:

    Rechtfertigungen für ihr Suchtverhalten zu finden, haben adict persons noch nie schwer gefunden. 😉

  5. dj7o9 schreibt:

    I can resist anything but temptation 😉 Ich versuch es auch immer wieder und scheitere immer schöner. Liebe Grüße …

  6. peter brunner schreibt:

    Kaufen tue ich da allerdings nur selten; ich habe ja unter dem Eid zu leiden, mit dem ich meiner Gattin zugesagt habe, für jedes neue Buch im Haus zwei alte wegzugeben .
    http://saubereschweine.blogspot.de/2014/08/bucher-als-reprasentationsmobel-heute.html

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ui, den hätte ich nicht geleistet (höchstens mit gekreuzten Fingern). Aber regelmäßiges Sichten & Aussortieren ist durchaus nützlich, um nicht irgendwann womöglich in der Wohnung der Nachbarn unter uns zu landen ; )

  7. entdeckeengland schreibt:

    Außerdem sind Bücher doch das schönste Mobiliar, oder? 😀

  8. Tobi schreibt:

    Liebe Petra,

    ich sehe das auch entspannt. Bei mir stellt sich automatisch eine Kaufunlust ein, wenn mein Stapel zu groß wird. Dann ist das auch irgendwie erdrückend. Zudem kaufe ich ja nur das Feinste, was es so gibt und hab somit auf die Bücher auf meinem SuB auch am meisten Lust. Es ist nicht so leicht für ein Buch auf meinen SuB zu kommen und ein Buch das sich „ganz interessant“ anhört, selbst wenn es lesenswert ist, hat es da einfach sehr schwer.

    Ich hab auf jeden Fall mal meine Wunschliste einfach gelöscht. Und innerhalb kürzester Zeit hatte ich eine Neue, in der zahlreiche der gelöschten Bücher wieder drauf war. Aber nicht alle. Das kann ich nur empfehlen 😉

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Tobi, das ist ja schon mal praktisch, dass du dich meist auf bestimmte, in jeder Hinsicht schöne Bücher spezialisierst. Der Tipp mit der Wunschliste ist bestimmt auch für mich eine gute Idee : )
      Liebe Grüße!

  9. buchwolf schreibt:

    Liebe Petra! Ich könnte ein Buch schreiben über meine lebenslangen und IMMER gescheiterten Versuche, meine Buchkaufwut einzudämmen. Interessanter Weise – das fällt mir jetzt erst auf – bezieht sich meine Buchkauflust nur auf pBooks (papierene Bücher), während sich bei eBooks nach einer begeisterten Anfangsphase vor ein paar Jahren die Kauflust oder Downloadlust und die Leselust völlig verloren haben. Seltsam. Dabei bin ich der Letzte, der eBooks irgendwie schlecht findet oder gar verdammt. Woran liegt das also, dass pBooks auf mich solch eine magische Anziehungskraft ausüben, dass sie sich ständig vermehren? Wobei ich aus finanziellen Rücksichten am liebsten tolle Fänge auf Flohmärkten mache. Meine Frau übrigens auch. Hier im Thread ist ja angeklungen, dass manche sich vor dem Partner für Buchkäufe rechtfertigen müssen. Das wenigstens muss ich nicht.
    Schönes Buchkaufen!
    buchwolf

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Buchwolf, vielleicht solltest du das Buch tatsächlich schreiben, ich würde es lesen ; ) Gerade komme ich mit meinem Liebsten zurück vom Einkaufen – und er riet mir zu, außer den beiden gestern bestellten Büchern – auch das Neue von Irène Némirovsky mitzunehmen, er weiß ja, wie sehr ich sie schätze. Und dass ich nun mal Bücher brauche (er übrigens auch). Also uns allen weiteres glückliches Bücherkaufen, ohne Rechtfertigungen, wir wollen unsere Freiheit als Leserinnen und Leser lieber auskosten : )
      Liebe Grüße!

  10. peter brunner schreibt:

    Ach Buchwolf, keine Sorge um meinen häuslichen Seelenfrieden ums Buch. Tatsächlich hat die beste Gattin aller Zeiten natürlich das Recht und die Pflicht, auf die räumliche und wirtschaftliche Dimension von Buchanschaffungen hinzuweisen. Spätestens seit Arno Schmidt ist ja bekannt, dass es selbst ein sehr disziplinierter Leser nicht über 5.000 gelesene Bücher im Leben bringen kann – und wenn Du mehr als die zuhause im Schrank hast, ist die Frage erlaubt, zu welchem Zweck weiter Bücher ins Haus kommen und ob nicht vielleicht ein paar ein- für allemal gelesene oder ganz bestimmt nie mehr zu lesende Platz machen sollen. Ich habe kürzlich eine komplette Enzyklopädie (24 Bde. Meyer. Leder, Goldschnitt … ) in die Müllverbrennung getragen, weil sie buchstäblich niemand geschenkt haben wollte und ich nachweislich 20 Jahre lang keinen Band auch nur in die Hand genommen habe.

    Habent sua fata libelli betrifft eben auch Anfang und Ende.

  11. Pingback: Netzalmanach April/Mai 2016 | notizhefte

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