Doktor Thorne

ThorneTrollopeAnthony Trollopes Roman Doktor Thorne liest sich gemütlich und erinnerte mich an englische Serien wie „Downton Abbey“. Kein Wunder, dass Julian Fellowes, der das Drehbuch zu jener Serie schrieb und von dem ich euch auch zwei Romane vorgestellt habe (Eine Klasse für sich und Snobs), sich der Adaption des Romans für eine kleine Serie angenommen hat.

Der Roman spielt in der von Trollope erdachten und so wunderbar echt englisch wirkenden Welt von Barsetshire samt sehr englischer Landschaft, ein bisschen Landadel und -bevölkerung, Klatsch und Intrigen. Vielleicht etwas klischeehaft, aber auch Klischees haben ja ihre Gründe. Es geht vor allem um die Liebe zwischen dem jungen Frank Gresham, der zwar von edlem Geblüt ist, doch sein Vater hat sich im Laufe der Jahre völlig verschuldet, und der mittellosen, unehelich geborenen Mary Thorne. Sie ist die Nichte des titelgebenden Doktors, eines sehr guten Arztes mit großem Herzen, der Mary liebt als sei sie sein eigenes Kind. Im Rahmen seiner Möglichkeiten lässt er es ihr an nichts fehlen und sie bekommt eine gute Erziehung. Leider ist die Mutter von Frank so gar nicht erbaut von der Tatsache, dass sich aus der harmlosen Kinderfreundschaft plötzlich tiefe Gefühle entwickelt haben. Denn Frank muss unbedingt eine reiche Erbin heiraten, um den Familiensitz halten zu können.

So, das ist doch genau der Stoff, aus dem romantische Liebesromane sind. Erzählt ist das Ganze wendungsreich – immer mehr Hindernisse werden den Liebenden in den Weg gelegt – und auch, ja, man muss es zugegeben, ziemlich behaglich. Mich hat das nicht gestört, aber wer lieber Pageturner liest, ist bei diesem Roman wirklich ganz falsch. Belohnt wird man mit einer hübschen Geschichte voller kauziger Typen (es bleiben weitgehend tatsächlich eher Typen), witzigen Namen bei den Nebenfiguren (Dr. Fillgrave, ein wenig erfolgreicher Mediziner, der optimistische Nearthewinde oder auch die etwas unflott arbeitende Kanzlei Slow & Bideawhile) und etlichen Hach-Momenten gegen Ende. Ein Roman für entspannte Lesestunden bei Tee und Plätzchen. Und da ich nun weiß, dass es dazu auch eine Miniserie gibt, will ich mir die zu gern auch noch ansehen.

Meine Ausgabe stammt aus der schönen Manesse Bibliothek der Weltliteratur, der ich schon etliche Schätzchen zu verdanken habe, und wurde übersetzt von Harry Kahn. Das wie stets bei den Manesse-Bändchen wieder sehr lesenswerte Nachwort zu Autor und Werk verfasste Max Wildli, was für mich besonders erhellend war, da ich von Anthony Trollope bislang weder viel wusste, noch etwas gelesen hatte. Doktor Thorne zählt gemeinsam mit vier weiteren Romanen zu den Barchester Chronicles. Geschrieben hat Trollope Doktor Thorne übrigens 1858 auf einer Dienstreise nach Ägypten. Trollope, dessen Romane sich seinerzeit großer Beliebtheit erfreuten, war Postbeamter und schrieb außerdem insgesamt 67 Werke. Mehr über ihn könnt ihr in der Wikipedia nachlesen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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19 Antworten zu Doktor Thorne

  1. Der gute Mann hat den Briten noch mehr hinterlassen als gemütliche Romane, wie ich gerade zufällig erfahren habe: http://transblawg.eu/2016/05/23/going-to-somerset-house/

  2. Pingback: [Philea’s] Doktor Thorne – #Literatur

  3. Pit schreibt:

    Danke, liebe Petra, fuer den Buch- und Miniserientipp. 🙂 Und danke an Anglogermantranslations fuer den Link. Wieder etwas dazu gelernt!
    Habt einen feinen Sonntag,
    Pit

  4. Susanne Haun schreibt:

    Wir schauen gerade mit wahrer Freude Downtown Abbey und haben den Mittagsschlaf mit Folge 4 der zweiten Staffel versüsst. Danke für die Tips, Petra, wir kommen bestimmt darauf zurück. Einen schönen Sonntag von Susanne

  5. Read on schreibt:

    Oh, ich liebe Trollope. Es ist so großartig und ich habe Tränen gelacht über Slope und all die anderen in den Barchester Chronicles.

  6. Stefanie schreibt:

    Liebe Petra, das sind mal wieder tolle Tipps von dir, sowohl das Buch als auch die Miniserie! Trollope habe ich bisher noch gar nicht gelesen, nur einmal verschenkt. Aber dein Beitrag erinnert mich daran, dass ich endlich selbst eines seiner Bücher lesen sollte. 🙂

  7. Tobi schreibt:

    Liebe Petra,

    das hört sich auch wieder nach einer echt guten Klassiker-Schmonzette an. Aber auch wieder ein kleines vergriffenes Büchlein, wie es aussieht 😉 Danke für den Geheimtipp, der wahrscheinlich tatsächlich in die Fanny-Liga gehört 🙂

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das kann gut sein, dass es vergriffen ist, lieber Tobi. Mein Bändchen stammt ja wieder aus der Hinterlassenschaft der Eltern meines Freundes, die er mir geschenkt hat. Da sind sicher etliche Bändchen nicht mehr neu aufgelegt worden. Musst wohl wieder mit einem 2nd-Hand-Exemplar vorlieb nehmen … Hoffentlich diesmal eines, das nicht müffelt ; ) Liebe Grüße!

  8. entdeckeengland schreibt:

    Die Barchester Chronicles habe ich glaube ich schonmal in einer alten BBC-Verfilmung gesehen. Daher steht Trollope eigentlich schon lange auf meiner Liste. Er war übrigens ein sehr disziplinierter Schreiber. Ich lese gerade ein Buch über die täglichen Rituale von Kreativen und darin steht, dass er die meisten seiner 63 Bücher morgens vor der Arbeit geschrieben hat. Liebe Grüße, Peggy

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Dieses Buch klingt interessant, du hast es schon andernorts (bei Birgit?) erwähnt, vielleicht hast du ja Lust, es gelegentlich vorzustellen? Ich schreibe immer erst nach der Arbeit meine Bücher, vielleicht wäre ich produktiver, wenn ich es vorher …? Aber dann müsste ich viel früher aufstehen, uff ; )

      • entdeckeengland schreibt:

        Ja, es war bei Birgit. 🙂 Ich bin mit dem Buch noch nicht ganz durch, aber wenn ich es bin, werde ich es auf jeden Fall vorstellen. In unserer Community bewegen sich schließlich viele Kreative und ich bin davon überzeugt, dass die meisten das Buch genauso unterhaltsam finden wie ich. Ich kann Dich aber vorab schonmal beruhigen, es gibt auch die typischen Nachteulen und Leute mit ganz seltsamen und erheiternden Anwandlungen. Liebe Grüße, Peggy

  9. Miss Booleana schreibt:

    Danke für den Tipp – ich brauche dringend einen Nachfolger für das schmerzlich vermisste Downton Abbey. Bin mir nur unschlüssig, ob es zuerst das Buch oder die Serie wird.

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