Überfahrt mit Dame

James_UeberfahrtNoch eine Salonerzählung von Henry James aus dem schönen Aufbau Verlag. Bei dieser Ausgabe wird man doppelt belohnt, sie enthält nämlich nicht nur Henry James‘ Erzählung Überfahrt mit Dame, sondern auch Anthony Trollopes Die Fahrt nach Panama sowie ein sehr gutes Nachwort vom Übersetzer Alexander Pechmann.

Die Ausgabe ist in rotes Leinen gebunden, mit rotem Lesebändchen versehen und mit einer Bauchbinde ausgestattet, auf der eine Frau auf einem Schiffsdeck kurz nach An- oder Ablegen zu sehen ist (man sieht noch ein weiteres Schiff im Hintergrund und etwas Land). Der Einstieg ist also schon mal stimmungsvoll illustriert. Was ich besonders interessant fand – und beim Kauf noch nicht wusste – ist die Möglichkeit, hier zwei Erzählungen zu einem Thema in Bezug zueinander setzen zu können. Noch dazu ist die eine von Trollope, den ich jüngst ja erst für mich neu kennenlernen durfte mit seinem Roman Doktor Thorne.

Wenn meine Gedanken von letztem Mal dazu, was eigentlich eine Salonerzählung sein soll (anlässlich der Lektüre von James‘ Eine Dame von Welt), nicht falsch waren (mein Buchhändler fand sie gut), nämlich dass es um „Tratsch, Konventionen und Moralvorstellungen geht, um einen Aufstieg in die besseren Kreise, die angesagten Salons der feinen Gesellschaft“, so passt dies eigentlich auf beide im Band enthaltenen Erzählungen. Denn in beiden reisen Frauen, die nicht zu den allerersten Kreisen zählen, in die Ferne, um dort einen Mann zu heiraten, mit dem sie schon jahrelang verlobt ist. Im Falle der Überfahrt mit Dame gewinnt man allerdings durch den Erzähler, ebenfalls Passagier auf dem Schiff, den Eindruck, dass der zukünftige Gatte keine allzu gute Partie ist, bei der Erzählung Trollopes dagegen winkt tatsächlich – wenngleich keine Garantie auf eheliches Glück – so doch die auf einen überaus gut situierten Ehemann. Und in beiden Erzählungen sind die Frauen für die Dauer ihrer Überfahrt den Blicken und Urteilen der Schiffsgesellschaft ausgesetzt, von denen besonderes die „feinere“ meint, sie aburteilen zu dürfen. Vor allem natürlich, wenn sie in irgendeiner Weise nicht tun, was sich „gehört“. Das Schiffsdeck als Bühne und Gerichtssaal für die anderen Reisenden, die sich als Publikum und Jury verstehen.

Überfahrt mit Dame ist aus der Sicht eines Passagiers erzählt, der der besagten Dame, Grace Mavis, zwar durchaus wohlwollend gegenüber steht und dennoch möglicherweise zu den weiteren, für sie ungünstigen Entwicklungen durch seine Einmischungen beigetragen hat. Er gehört zu den besseren Kreisen und versucht in selbigen „Gut Wetter“ für Miss Mavis zu machen. Allerdings verhält sich Miss Mavis nicht ganz so, wie man es von einer künftigen Braut erwarten würde, denn sie verbringt viel Zeit mit einem jungen Mann, dessen Mutter sie vor der Überfahrt sozusagen anvertraut wurde, da sie allein reist. Weder die Mutter noch die feine Gesellschaft ist besonders entzückt über diese Tatsache. Der Erzähler ist vor allem ungehalten, dass der junge Mann die Tändelei nicht ernst zu nehmen scheint. Da ich nicht spoilern will, darf ich nun leider nicht mehr dazu sagen …

Die Fahrt nach Panama hat eine ähnliche Konstellation. Hier erzählt allerdings ein auktorialer Erzähler humorvoller von der Anbahnung einer engeren Beziehung zwischen der allein reisenden künftigen Braut Miss Vine und Mr Forrest, einem jungen Witwer. Kommentiert wird die enger werdende Beziehung immer wieder von dessen Freund, Mr. Morris, und natürlich vom Erzähler selbst.

Alexander Pechmann weist in seinem Nachwort darauf hin, dass James das „Sujet der nicht mehr ganz jungen Frau, deren einzige Zukunftsperspektive in einer lieblosen Ehe besteht, höchstwahrscheinlich von Trollope übernommen“ habe, Trollope wiederum ist auf sein Thema durch eine wahre Begebenheit gekommen, die er literarisch um- und verarbeitete.

James war übrigens zunächst kein großer Trollope-Fan. Pechmann schreibt dazu: „Nach dessen Tod im Jahr 1882 änderte James seine Meinung, bewunderte die menschliche Wärme in Trollopes Texten, kritisierte aber auch seinen Hang, den Leser direkt anzusprechen, und distanzierte sich von ihm als jemand, der nur für die Gegenwart und nicht für die Nachwelt schreibe.“ Hm, also mit Ansprache habe ich kein Problem, das fand ich schon bei Jane Eyre erfreulich („Reader, I married him!“) und da ich nun sowohl schon Texte von James als auch von Trollope gelesen habe, würde ich schon sagen, dass beide für die Nachwelt interessant schreiben. Jeder zeigt auf seine Art die Gesellschaft zu seiner Zeit, James eher die amerikanische, Trollope die englische, und beide verdichten in der jeweiligen Schiffsgesellschaft die typischen Merkmale, die in der Enge und in der Kürze der Zeit noch schneller zu (negativen) Auswirkungen zu führen scheinen als an Land.

Ich persönlich mochte Trollopes Erzählung lieber. Bei James bleibt mir zu vieles offen, was die Motivation der Figuren betrifft, die mir darüber hinaus auch menschlich fremd blieben. Vielleicht eben weil ich ihre Handlungsweise nicht richtig nachvollziehen konnte. Natürlich kann man allerlei hineindenken und herumspekulieren, aber an anderer Stelle wiederum ist James dann so ausführlich, dass ich mich frug, warum er das nicht auch in Bezug auf die Motivation bestimmter Figuren war. Der Erzähler jedenfalls ist sympathisch, auch wenn man ihm gelegentlich zurufen möchte: „Halt dich da raus!“ Bei Trollope gefiel mir besser, wie der Erzähler die Schiffsreisen im Allgemeinen als Anbahnungsorte für Beziehungen beschreibt, die an Land kaum zustande gekommen wären. Schon weil man sich dort leichter ausweichen kann und wenn zunächst kein Interesse besteht, so gibt es auch wenig Grund, sich dennoch weiter mit einer bestimmten Person zu befassen.

Jedenfalls ist der Band sehr zu empfehlen, nicht zuletzt weil er diesen direkten Vergleich zwischen zwei so ähnlichen und doch so unterschiedlichen (Salon)Erzählungen ermöglicht.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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13 Antworten zu Überfahrt mit Dame

  1. Pingback: [Philea’s] Überfahrt mit Dame – #Literatur

  2. DPNews schreibt:

    Toller Beitrag!

  3. SätzeundSchätze schreibt:

    James, der Hintergründige – ja, der kommt auch in dieser kurzen Erzählung hervor. Wirklich ein schönes Buch! Und die Arbeit von Alexander Pechmann – er hat auch eine James-Biographie geschrieben – kann man nicht genug hervorheben.

  4. nweiss2013 schreibt:

    Liebe Petra,
    es wundert mich nicht, daß Du als überzeugte Reisende das Buch schätzt. Ich mochte es auch gerne (https://notizhefte.wordpress.com/2013/08/19/opfer-der-konvention/) ebenso wie das oben erwähnte Narrenschiff. Das ist aber deutlich politischer.
    Liebe Grüße
    Norman

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Norman, ja, da deckten die beiden Erzählungen gleich mehrere meiner Interessen ab: Reise, 19. Jahrhundert, Gesellschaft & Vergleichsmöglichkeit (Meta, Meta!) Die andere Salonerzählung von James, die „Dame von Welt“, gefiel mir allerdings noch besser. Hattest du die auch gelesen?
      Liebe Grüße!

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