Keller fehlt ein Wort

Keller_Tasse„Es liegt mir auf der Zunge …“ – wir alle kennen das ärgerliche Gefühl, wenn uns mitten im Gespräch plötzlich ein bestimmtes Wort oder ein Name partout nicht einfallen will. Diese Lücke in unserem, wie wir dachten, schier unerschöpflichen Wortschatz, ist meist temporär. Irgendwann fällt uns das Wort, der Name wieder ein. Aber was, wenn nicht? Wenn plötzlich Wörter unwiederbringlich verloren gehen? Darum geht es in Patrick Tschans eindringlichem Roman Keller fehlt ein Wort.

„Tasse“ ist das erste Wort, das Keller abhandenkommt. Ein so alltägliches, vertrautes Wort, dass man sich fast nicht vorstellen kann, es zu vergessen. Und doch passiert es Keller. Er ärgert sich, er probiert stattdessen verbale Workarounds – auf der Unterseite der Tasse steht „German Bavaria“, also nennt er eine Tasse nun eben so – er macht sich geradezu philosophische Gedanken über die Bedeutung des Wortes. So sei „das Dasein als Wort ‚Tasse‘ eine fortwährende Demütigung“, da es kaum „irgendwann für einen wichtigen Satz, eine brillante Formulierung aufgeboten oder eine geistreiche Assoziation verwendet“ werden würde (S. 25). Nach und nach verliert Keller weitere Wörter, unter anderem eines, das ich überhaupt erst durch dieses Buch gelernt habe, „Engländer“, ein Werkzeug (da bin ich nicht so firm), und macht sich Sorgen. Er geht zu seinem Hausarzt, einem ungewöhnlich engagierten Arzt. Offenbar hatte Keller einen leichten Hirnschlag. Und dann hat er noch einen weiteren und dann geht gar nichts mehr.

Das heißt: Eigentlich geht noch alles, nur eben Sprechen und Schreiben nicht. Ein Albtraum! Aber der Roman bzw. Keller kreist nun nicht um selbstmitleidige Betrachtungen. Nachdem die Aphasie erst einmal diagnostiziert ist, tut Keller alles, um sich sein Sprechen und Schreiben zurückzuerobern. Das ist mal tragisch, meist aber charmant und überraschend amüsant erzählt, ohne Keller dabei der Lächerlichkeit preiszugeben. Im Gegenteil, man bewundert ihn, fragt sich, wie man selbst damit umginge. Würde man sich ins Stammcafé trauen, in die Lieblingsbuchhandlung, zu weiteren liebgewonnenen Orten der Kommunikation, wenn man nicht mehr kommunizieren kann, zumindest nicht auf die allgemein übliche Weise? Würde man es wagen, jemanden anzuflirten? Keller versucht sogar, trotz aller Widrigkeiten, die Kommunikation zu seinem Sohn aufzunehmen, die bereits vor seiner Sprachlosigkeit ziemlich schwierig war.

Mich hat der Roman sehr fasziniert, Kellers Umgang mit seiner Sprachlosigkeit bzw. Tschans literarischer Umgang mit dem Fehlen von Sprache, die doch die Grundbedingung für Literatur ist. Ein Paradox thematisieren und zugleich auflösen – hier ist es sehr gelungen. Ich rate unbedingt zu

Herzlichen Dank an meinen lieben Verleger Gregor Meder (adson fecit) für diese Lektüre-Empfehlung!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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12 Antworten zu Keller fehlt ein Wort

  1. Pingback: [Philea’s] Keller fehlt ein Wort – #Literatur

  2. Pit schreibt:

    Hallo Petra,
    ein „Engländer“ [Werkzeug] ist ein verstellbarer Schraubenschlüssel. Regional übrigens auch „Hesse“ genannt, wie ich gerade in Wikipedia herausgefunden habe. Wenn der Kopf einseitig ist, heißt er „Engländer“, und wenn der Kopf zweiseitig ist, „Franzose“. Da kann ich nur staunen, und in meinem rheinischen Dialekt sagen, „Watt et nit all jitt!“ 😉
    Hab’s fein,
    Pit

  3. gmeder schreibt:

    Es freut mich, liebe Petra, dass Dir der Text bzw. Kellers Umgang mit seinem Sprachverlust gefällt. Wie ich schon sagte, braucht es zum Gruseln keine Monster, keine bluttriefenden Äxte. Allein die Vorstellung ich könnte, ähnlich wie Keller, nach und nach meine Wörter verlieren macht mich gruseln. Und das Schlimmste: es gibt keine Prävention. Jeden von uns kann es jeden Tag treffen. Gut, wenn man vorher Tschans ermutigenden Roman gelesen hat.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Wirklich eine schreckliche Vorstellung, lieber Gregor. Etwas zu verlieren, was so sicher scheint … Dieser Roman wirkt lange nach. Aber durch die optimistische Note zum Glück nicht (nur) gruselig. Liebe Grüße!

  4. entdeckeengland schreibt:

    Nun, für jemanden aus der schreibenden Zunft ist das ja wohl der allerschlimmste Albtraum, liebe Petra. Dennoch hast Du mir das Buch schmackhaft gemacht. Manchmal sollte man seinen Dämonen entgegentreten, und wenn es auf charmante Art ist, um so besser. Lieben Gruß, Peggy

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Da hast du Recht, liebe Peggy. Ich finde das Buch auch sehr spannend geschrieben, kein jammerndes Problembuch, sondern wirklich geeignet, um solcherlei Dämonen entgegenzutreten. Liebe Grüße!

  5. Lakritze schreibt:

    –> Stapel. (Tief seufzend. Aber das muß.) Danke.

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