Wellen

Keyserling_WellenWieso kam ich erst über sommerliche Lesetipps in einer Frauenzeitschrift auf Eduard von Keyserling? Die Zeitschrift, ich weiß leider nicht mehr welche, empfahl allerlei Aktuelles als Strandlektüre und eben auch Wellen, einen 1911 erschienenen Roman, von dem ich – ebenso wie vom Autor – bisher nichts gehört hatte. Kleiner Spoiler: Ich bin so angetan, dass ich mich gerade durch Keyserlings Oeuvre lese!

Bisher las ich von ihm Wellen (dazu gleich noch mehr), Abendliche Häuser und danach eine schöne Sammlung in einem feinen Manesse-Bändchen, die Schwüle Tage, Bunte Herzen, Nicky und Am Südhang enthält, und zuletzt Fürstinnen, seinen letzten Roman. Und wahrscheinlich will ich danach noch mehr von ihm lesen.

Seine Romane oder auch Erzählungen (die Zuordnung ist nicht ganz einheitlich) haben einen ganz bestimmten Klang, Stil, Rhythmus, der mich – ähnlich wie der Sound von Patrick Modiano oder der von Françoise Sagan – süchtig gemacht hat. Jede seiner Erzählungen entwickelt einen Sog, der mich hineinzieht in die sommerschweren, winterleeren melancholischen Geschichten über eine Zeit, eine Gesellschaft, die im Erlöschen lebt. Die Themen sind meist Pflicht versus Gefühl, der Wunsch nach Veränderung, die Sehnsucht, Grenzen zu überwinden, das Aufbäumen gegen erstarrte Konventionen und die Unfähigkeit oder auch nur Mattigkeit, tatsächlich wirkungsvolle Änderungen herbeizuführen. Die Menschen scheinen in einer Art Schneekugel zu existieren, so hübsch ist alles anzuschauen, sogar wenn man sie schüttelt, doch ihre kleine Welt wird nach dem Durchschütteln, selbst nach einigen Verlusten, wieder ganz ruhig und unverändert bleiben. Beklemmende Vorstellung, famos erzählt.

Dabei in jeder dieser Erzählungen unglaublich gute Beobachtungen, großartige Bilder und manchmal sogar kleine Parabeln, lebensweise Sentenzen und vor allem ausgezeichnete Beschreibungen sowohl der Gesellschaft und einzelner Personen als auch der Natur, der Landschaft, der Städte und Dörfer, eben jener begrenzten Welt, in der alle Erzählungen spielen. Kurland, dort wo seit dem Mittelalter auch viele Deutsche lebten und als Großgrundbesitzer die Oberschicht bildeten, mit Ärzten, Pastoren und Handwerksmeister auch die gebildeten bzw. vermögenden Schichten. Mehr zu der sehr interessanten Geschichte der Deutsch-Balten gibt’s bei Wikipedia.

Es ist die Welt von Eduard von Keyserling selbst, die er so eindrucksvoll zu beschreiben weiß. Er gilt als Schriftsteller des Impressionismus und wirklich scheint er zuweilen Szenen oder Personenbeschreibungen nur anzudeuten, hinzutupfen und sobald man weiter zurücktritt, erkennt man das Ganze, das Muster, das Netz in dem seine Figuren gefangen sind. Gern nennt man ihn auch den „baltischen Fontane“. Daraufhin las ich zwischendurch mal wieder Effi Briest, fand es auch besser als einst in der Schule, aber so richtig warm wurde ich noch immer nicht damit. Ganz im Gegensatz zu den kleinen Romanen bzw. Erzählungen Keyserlings, die ich wärmstens empfehlen kann.

Zu den Wellen

Der Roman Wellen beginnt mit der Welt der lebensklugen, wohlgeordneten Generalin von Palikow, die mit ihrer Familie in die Sommerfrische ans Meer gefahren ist. Die alte, äußerst rüstige Generalin mit ihrem gesunden Menschenverstand, ihrer patenten Art und ihrem Willen, alles, auch Gefühle und den Umgang mit ihnen, in geordneten Bahnen und gesunder Pflicht zu halten, ist das Gegenstück zur eigentlichen Hauptfigur Doralice. Mit von der Partie der Generalin sind ihre Tochter Frau von Buttlär und deren Kinder Lolo, Nini und Wedig sowie die Gesellschafterin der Generalin, das gefühlvolle ältliche Fräulein Bork, das jedem harten Kommentar der Generalin einen empathischen entgegenzusetzen sucht, was der Generalin ziemlich auf die Nerven geht – und sehr amüsant zu lesen ist. Später kommen noch der Gatte der Frau von Buttlär sowie der Verlobte von Lolo zu der Gesellschaft.

Doralice wird indirekt eingeführt, man spricht über sie, und das ist auch kein Wunder, hat sie doch ihren alten Grafen verlassen und stattdessen einen jungen, vitalen Künstler geheiratet, den der Graf einst eingestellt hatte, damit er sie male. Tja, daraus wurde dann etwas mehr …

Nun könnte man meinen, dass jene Doralice recht mutig und emanzipiert gehandelt hat, als sie ihren Gatten, ihr bequemes Leben etc. verließ, um mit dem Künstler ein neues Leben zu beginnen. Doch so ist Doralice nicht. Wie ist sie denn? Immer wieder werden in Beschreibungen mit ihr Adjektive herangezogen, die ihre Kindlichkeit betonen. Sie ist von solcher Schönheit, dass ihr die Herzen nur so zufliegen. Aber sie ist von seltsamer Willenlosigkeit.

Von dem Abenteuer, das sie mit ihrem Künstler Hans Grill zusammenbrachte, ist nichts geblieben. Im Gegenteil, ausgerechnet dieser Künstler, der sich selbst so gern als Freigeist, freien Menschen etc. beschreibt, sehnt sich nun nach einer kleinbürgerlichen Gemütlichkeit, die für Doralice ebenso erschreckend in ihrer Enge ist, wie der Reichtum mit seinen Pflichten zuvor. Sie sucht und weiß nicht was. Da verliebt sich der Verlobte Lolos in sie und in ihrer Mattigkeit lässt sie sich das auch gefallen, ja, sie meint „einen Kameraden in der eigenen Schwäche zu haben“, bis es fast zu einer Katastrophe kommt. Aber, wie die Generalin so treffend bemerkt, kann man eben nicht davon leben, sich ständig entführen zu lassen. Und dann gibt es noch den Geheimrat Knospelius, ein ungemein weiser, etwas verwachsener Mann, dessen Körperlichkeit ihn, wenn nicht zum Außenseiter, so doch zum klugen Beobachter, ja Forscher der Gesellschaft gemacht hat.

Das Meer, immer wieder in seinen verschiedenen Stimmungen wunderbar bildhaft von Keyserling beschrieben, ist mal ruhig, einladend, dann wieder unheimlich, tödlich und zuweilen eine Metapher für ein wildes, leidenschaftliches Leben, nach dem Doralice sich sehnt, zu dem sie aber ebenso zu matt wäre wie zu allem anderen. Immer wieder Vokabeln, die ihre Passivität beschreiben, sie lässt alles Mögliche mit sich geschehen, hat zu nichts Lust, will nichts tun, schon gar nicht aktiv nach einer sinnvollen Beschäftigung für sich suchen, wie ein verzogenes Kind, dass stets unterhalten sein will. So ist es auch ihr größtes Vergnügen sich vorzustellen, sie hinge in einer Matte über dem Meer, „gerade so hoch, dass die Wellen sie nicht erreichen, aber doch so, dass, wenn ich die Hand herabhängen lasse, ich den Wellen in die weißen Bärte fassen kann …“ – unberührt von allem, nur dann berührt, wenn sie es wünscht.

Aber das Meer berührt sie, mehr als sie gedacht hätte, es wird sich sein Pfand holen, es wird sie rufen und sie wird mit dem Meer streiten, damit es sie freigibt.

Fazit: Perfekt, nicht nur als Lektüre in der Sommerfrische.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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19 Antworten zu Wellen

  1. Pingback: [Philea’s] Wellen – #Literatur

  2. irrewirre schreibt:

    Wunderbar, dass du diese Entdeckung gemacht hast. Wir haben „Wellen“ in der Schule gelesen, ich danke meinem Deutschlehrer noch heute dafür. Es hat mir so gut gefallen, dass ich an der Uni eine Hausarbeit geschrieben habe und ich würde es jederzeit wieder lesen. Aber jetzt will ich doch mal etwas anderes von Keyserling lesen.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Dafür würde ich meinem Deutschlehrer auch dankbarer sein als für Effi ; ) Dieses Manesse-Bändchen wäre vielleicht was für dich, gleich vier weitere Erzählungen von Keyserling! Schön, dass er dir auch so gut gefällt : )

  3. Ruth Leukam schreibt:

    Hallo, ich habe mit Anfang 20 Keyserling „verschlungen“. Das ist mittlerweile bald 40 Jahre her, aber ich liebe seine Romane und Erzählungen immer noch und lese immer mal wieder etwas von ihm. In meinem Lesekreis habe ich auch Werbung für ihn gemacht und einige begeistern können. Er lässt eine verschwundene Welt wieder auferstehen und spricht trotzdem universelle Erfahrungen an .

  4. simonsegur schreibt:

    Danke auch von mir für diese Erinnerung an den K. Ich bin wie du vor ein paar Jahren „zufällig“ drauf gestoßen (ich glaube sogar auch über eine Zeitschriften-Empfehlung für „Strandlektüre“🙂 ). Und auch mir gefiel überaus diese sehr eigene, sehr berührende Schreibe. Mehr habe ich dann aber (warum auch immer) nicht gelesen – umso lieber sind mir Deine Empfehlungen. Merci!

  5. Anton Goldberg schreibt:

    Was mich interessieren würde: ist Eduard wohl mit Hermann Graf von Keyserling (Philosoph) verwandt? Beide lebten zur selben Zeit und stammen in etwa aus der gleichen geographischen Gegend, wenn ich mich nicht irre. Über Wikipedia habe ich dahingehend jedenfalls nichts auf die Schnelle herausgefunden.
    Sehr schön jedenfalls Eduards Kommentar zu seinem eigenen Portraitbild, gemalt von Lovis Corinth: „So möchte ich lieber nicht aussehen.“
    Ich glaube, ich werde auch mal etwas von ihm lesen.

  6. Meermond schreibt:

    Stimmt!
    Vielen Dank, dass du mich an dieses Buch erinnert hast! Nach einem traumhaft schönen Tag am Meer ist das genau die richtige Bettlektüre.
    Schöne Grüße aus Nordjütland

  7. juneautumn schreibt:

    Das steht bei mir auch noch im Regal! Werde es gleich mal irgendwo sichtbar hinlegen, damit ich daran denke, es demnächst zu lesen!🙂

  8. buchwolf schreibt:

    Liebe Petra! Stimme dir vollkommen zu: Bei Keyserling kann man nicht aufhören! Zumal in den schönen Manessebändchen.
    lg, buchwolf

  9. Pingback: Blogbummel Juli 2017 – Teil 1 – buchpost

  10. Liebe Petra,

    Die Wellen liegen bei mir noch ungelesen herum. Das muss ich wohl dringend ändern!🙂

    Liebe Grüße,
    eva

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