Die Aspern-Schriften

James_AspernDiesen Roman von Henry James las ich weg wie nix: Ist Juliana Bordereau, die einstige Geliebte des großen, lang verstorbenen amerikanischen Dichters Jeffrey Aspern, im Besitz einiger seiner Schriften, die für die Nachwelt von großem Interesse wären? Und wenn ja, kann man die in Venedig sehr zurückgezogen lebende uralte Dame dazu bewegen, diese Schriften öffentlich zu machen oder zumindest dem Erzähler zu übergeben? Ein klassischer Pageturner mit ungewöhnlichen Elementen.

Das Thema kennt man auch von anderen Romanen dieser Art, aber hier gibt es einiges, das deutlich anders gelöst ist. Zum Beispiel der Umgang mit dem Ort der Handlung: Venedig. Schon damals ein Sehnsuchtsziel, eine wichtige Station für Grand Tours oder zumindest auf einer Reise durch Italien. Aber außer ein paar Klischees – Juliana Bordereau lebt mit ihrer Nichte in einem etwas heruntergekommenen Palazzo mit verwunschenem Garten, es gibt Gondelfahrten und der Markusplatz fehlt auch nicht – bleibt Venedig erstaunlich blass. Die Stadt ist nur der Hintergrund (in Sepia) für die Geschichte und mehr Raum wird ihr auch nicht zugestanden.

Dann der Erzähler, dem eigentlich nicht zu trauen ist, wenn man liest, wie er mit Juliana und ihrer Nichte Tina umgeht, um an die begehrten Schriften des verehrten, ja vergötterten Dichters zu kommen. Wir erfahren nicht einmal seinen Namen. Bei den beiden Damen will er sich unter anderem Namen einschleichen. Denn ein anderer großer Verehrer Asperns, der Engländer John Cumnor, hat schon einmal versucht, auf direkterem Wege an die Schriften zu kommen, wurde aber von Juliana abgewiesen, mit dem Hinweis, dass sie keine Papiere von Aspern besitze. Unser Erzähler will es nun besser machen und erst einmal gar nicht seinen Namen erwähnen (er ist ein Mitherausgeber der bisher veröffentlichten Schriften Asperns), noch seinen Wunsch, nach weiteren Schriften zu forschen (oder eher seine Gier), geschweige denn auf seine Bekanntschaft mit Cumnor hinweisen, damit sie keinen Verdacht schöpfen. Und dann beginnt er, Tina zu umgarnen, damit sie ihm hilft, an die kostbaren Schriften zu kommen. Dabei ist es nicht einmal klar, ob diese Schriften überhaupt existieren. Überhaupt spekuliert unser Erzähler reichlich, warum wer aus welchen Gründen handelt oder handeln könnte oder wie man bestimmte Personen dazu bringt, auf eine wünschenswerte Weise zu handeln.

Die alte Dame ist auch nicht ohne. Man spekuliert selbst beim Lesen, ob ihr nicht vielleicht von Anfang an klar ist, was der Erzähler eigentlich will, denn sie verlangt schon mal ein kleines Vermögen für die Miete einiger Zimmer in ihrem Palazzo. Ihre Nichte hat sie ebenfalls angewiesen, nicht weiter auf ihren neuen Mieter oder etwaige Absichten einzugehen. Tina scheint dies aber doch zu tun. Oder treiben die beiden Frauen ein raffiniertes Spiel mit unserem Erzähler, um möglichst viel Geld aus seiner Gier zu schlagen? Wird er dieses Spiel gewinnen oder trotz aller Kniffe verlieren?

Diese Rätselraterei, bei der man beim Lesen zwischen einer Komplizenschaft mit dem Erzähler oder doch lieber mit den beiden Damen schwankt, ist wirklich spannend. Ebenfalls hübsch ist die Idee, dass Jeffrey Aspern eine amerikanische Version Lord Byrons sein könnte (oder Shelleys? Oder Puschkins?). Ein Beau, dem die Herzen zuflogen, der die letzten Jahre seines Lebens im Ausland verbrachte. Und tatsächlich, wer würde nicht gern, wie der Erzähler, einem Menschen begegnen, der Zeitzeuge war, der einen von uns verehrten Menschen persönlich kannte? Für mich gut nachvollziehbar, obwohl ich natürlich noch lieber selbst Shakespeare, Charlotte Brontë, Hitchcock oder Wilde begegnen würde.

Jedenfalls: Eine gut gemachte Geschichte voller Unklarheiten, die sich klischeehaften Beschreibungen der Schönheiten Venedigs oder auch nur irgendwelcher Äußerlichkeiten, z. B. des Aussehens der beiden Damen, weitgehend enthält und allein auf den unzuverlässigen Erzähler und sein Gebilde aus Irreführung, Vermutungen und Fallstricken setzt.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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12 Antworten zu Die Aspern-Schriften

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  2. Pit schreibt:

    Hallo Petra,
    danke fuer diese Empfehlung. 🙂
    Hab‘ ein feines Wochenende,
    Pit

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      War mir ein Vergnügen, lieber Pit : ) Dir auch ein schönes Wochenende & liebe Grüße!

      • Pit schreibt:

        Hallo Petra,
        eigentlich sollte man Bücher ja im Buchladen kaufen und damit den (lokalen) Buchhandel unterstützen, aber als ich die „Aspern Papers“ bei Kindle für nur $0,99 sah, konnte ich doch nicht widerstehen und habe da zugeschlagen. Noch bin ich nicht weit darin vorgedrungen, sondern nur ganz am Anfang. Die Sprache bzw. den Schreibstil finde ich faszinierend und gewöhnungsbedürftig zugleich. Aber ich bin sicher, es wird mir viel Freude machen, dieses Buch zu lesen, und ganz besonders in der Originalsprache. Danke also nochmals für den Tipp.
        Liebe Grüße aus einem zur Zeit ziemlich regnerischen [aber das ist uns mitten in einer normalerweise lang-anhaltendeb Sommerdürre hochwillkommen] südlichen Texas,.
        Pit

        • Petra Gust-Kazakos schreibt:

          Der Preis ist natürlich unschlagbar, lieber Pit! Wenn man sich auf die langsamere Erzählweise eingelassen hat, liest es sich spannend. Viel Vergnügen noch & liebe Grüße!

  3. Trippmadam schreibt:

    Ich will es ja schon lange mal wieder mit Henry James versuchen. Leider habe ich irgendwie Schwierigkeiten mit seiner selbst für meine Begriffe langatmigen Erzählweise.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ich las bisher nur zwei Erzählungen und diesen nicht sehr dicken Roman von ihm, für mich las sich das gut. Aber ich lese ja gern Älteres und eigentlich gefällt mir, dass man sich früher mehr Zeit genommen hat, um eine Geschichte zu erzählen. Bei Filmen fällt mir auch immer auf, wie viel schneller geschnitten und erzählt wird. Aber nach wie vor liebe ich die alten Filme, die jüngeren Menschen vielleicht ein bisschen lang vorkommen. Vielleicht muss man das „üben“, sozusagen die Schönheit der Langsamkeit wiederentdecken.

  4. Mina schreibt:

    Ohhhh – das steht schon so ewig auf meiner Wunschliste. Danke für die sehr spannend und abwechslungsreich gestaltete Erinnerung!

  5. Auf einem der Zettel an meinem Schreibtisch steht: Henry James lesen. Ich kenne von ihm bisher nur kurze Texte und Ausschnitte. Nach meiner Krimireihe werde ich das mal ändern.

  6. Pingback: Blogbummel August 2016 – Teil 1 – buchpost

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