Vom Vorteil, Bücher zu hamstern

tasse_leerNach einer Woche mit Kräutertee, Kräckern und gedünsteten Karotten kann ich sagen, die einzigen Trostspender waren mein Liebster, der mich, nachdem selbst genesen, liebevoll umsorgte, und meine Bücher. Hierbei zeigte sich auch, wie sinnvoll das Hamstern durchaus sein kann, in meinem Falle das Hamstern von Büchern, um in Situationen wie diesen welche „auf Vorrat“ im Hause zu haben.

Die Menschheit hat den Verstand verloren

So las ich mich durch die überaus fesselnden Kriegstagebücher von Astrid Lindgren, die unter dem Titel Die Menschheit hat den Verstand verloren erschienen sind (übersetzt von Angelika Kutsch und Gabriele Haefs) und deren Lektüre ich sehr empfehlen möchte. Tatsächlich findet sich darin an Persönlichem über die später so beliebte Kinderbuchautorin wenig, meist nur, wenn es in Zusammenhang mit dem Krieg steht und es beispielsweise um das Thema Essen bzw. Rationierung und Lebensmittelmarken geht oder auch um ihren hochgeheimen Job, den sie während der Kriegsjahre ausübte. Stattdessen beobachtete und kommentierte sie vor allem den Krieg, seine Ausdehnungen und Auswirkungen, schnitt viele Zeitungsartikel aus, die dem Buch faksimiliert beigefügt und übersetzt sind, und erzählte auch von dem Dilemma ihrer neutralen und manchmal nicht ganz so neutralen Heimat Schweden.

Erinnerungen einer Muse

Der Titel dieses Romans (übersetzt von Monika Schmalz) erschien mir hinreichend leicht, um mich auf meinem Krankenlager nicht zu überfordern. Tatsächlich liest sich das Debüt von Lara Vapnyar sehr angenehm, auch wenn nicht so wahnsinnig viel darin passiert. Das liegt an der Erzählerin, der jungen Russin Tanja, die sich früh vorgenommen hat, eine Muse zu werden und einen berühmten Mann zu inspirieren, da sie gern so unsterblich (durch die Werke besagten Mannes) werden würde, wie Dostojewskis Muse Polina. Auf keinen Fall jedenfalls will sie wie dessen Frau Anna werden. Als sie durch glückliche Umstände in die USA kommt, lernt sie tatsächlich einen Schriftsteller kennen, der die anpassungsfähige junge Frau, die anscheinend keinen eigenen Ehrgeiz besitzt und ihm seinen für ihn nötig befundenen Raum lässt, zu seiner Geliebten macht. Interessant war der Roman für mich, weil ich mich fragte, wie lange Tanja dieses für sie in jeder Hinsicht unbefriedigende Leben ertragen wird, und vor allem wegen der vielen Passagen, in denen sie sich die Beziehung zwischen Dostojewski und Polina Suslowa ausmalt und nach den – leider fehlenden – Parallelen zu ihrem eigenen Leben sucht. Diese Passagen machten mir Lust, die Erinnerungen Polinas selbst zu lesen. Schön und ein bisschen rührend auch ist ein Twist am Ende der Geschichte, der zeigt, dass Tanja doch noch für jemanden inspirierend war.

The Lost Symbol

Gewohnt „gripping“, wenn auch nicht, wie von der New York Times auf dem Cover behauptet „mind-blowing“, und nach gewohnten Mustern verlief die Lektüre von Dan Browns Thriller The Lost Symbol. (bei diesen Kurzurteilen muss ich immer an den Titel des Max-Goldt-Bandes „Mind-boggling“, Evening Post denken; übrigens wärmstens zu empfehlen). Bei dem durchaus spannenden Roman hatte ich das Gefühl, Brown wollte speziell seinen US-amerikanischen Leserinnen und Lesern was Gutes tun und hat ihnen sozusagen einen Da Vinci Code fürs eigene Land geschrieben, damit sie nicht extra auf Spurensuche nach Europa fliegen müssen, um geheimnisvolle Zeichen, Architekturen etc. zu finden, sondern einfach nur mal die eigene Hauptstadt gründlich besichtigen müssen. Fürs Krankenlager oder, noch besser, als Strandlektüre durchaus okay. Mir persönlich gefallen hier immer wieder die interessanten Hinweise auf ursprüngliche Bedeutungen irgendwelcher Wörter, so bedeutet beispielsweise Apokalypse ursprünglich Aufdeckung. Das ist ja nun eigentlich was ganz anderes als das, was wir heute damit verbinden – und natürlich passend für einen Thriller um Freimaurer, Noetik und Washington, D.C.

Englische Liebschaften

Erfrischend englisch und zwischendurch wunderbar romantisch wegen der Paris-Passagen liest sich Nancy Mitfords bereits 1945 erschienener Roman. Meine Neuausgabe wurde von Reinhard Kaiser übersetzt und kommt vom Cover fröhlicher daher als die Geschichte eigentlich ist. Erzählt wird das etwas unstete Liebesleben Linda Radletts von ihrer Cousine Fanny, die sie sehr bewundert und sich im Laufe ihres Lebens immer mehr wundert über Lindas ungute Hand bei der Wahl ihrer Männer. Der erste ist ein konservativer Geldscheffler, der zweite ein Kommunist, der andere Sachen als seine Frau im Kopf hat, und dann gibt es noch Lindas große Liebe, den Bonvivant Fabrice. Das klingt nun ungefähr so fluffig wie das pinkfarbene Cover des Romans, aber bei aller amüsanten Schilderung ist es eigentlich eine eher traurige Geschichte und weniger seicht, als das Cover vermuten lässt.

Und da ich noch nicht in der Lage bin, kulinarische Köstlichkeiten zu mir zu nehmen, steht auch unser heutiger Mjamjams-Beitrag im Zeichen des Kräutertees.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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23 Antworten zu Vom Vorteil, Bücher zu hamstern

  1. Pit schreibt:

    Hallo Petra,
    hoffentlich geht’s Dir wieder besser!
    Und wie ich schon bei Twitter geschrieben habe: mich erinnert dieses Posting an die erschreckende Meldung, die ich letztens gelesen habe, dass 28 Millionen! Amerikaner im vergangenen Jahr kein Buch gelesen haben. Schlimm! Kein Wunder, dass dann ein „The Donald“, der ja selber zugegebenrmaßen auch mit Büchern nichts am Hut hat, einen solchen Zulauf hat.
    Hab’s fein, und erhol‘ Dich gut,
    Pit

  2. nweiss2013 schreibt:

    Liebe Petra,
    weiterhin gute Genesung. Schade, daß Krankheit Lesefortschritt bringt. Den sollte das Leben auch sonst bereithalten. Ich hänge zur Zeit in einem Tausendseiter fest.
    Viele Grüße
    Norman

  3. eulenausathen schreibt:

    Habe ich doch gerne gemacht🙂

  4. gkazakou schreibt:

    Hej, ich wusste gar nicht, dass du krank warst, Petra! Da hab ich mich gar nicht gesorgt, freu mich aber, dass du nun anscheinend auf dem Weg der Besserung bist. Alles Liebe! Gerda

  5. juneautumn schreibt:

    Da kann man mal sehen, wofür es gut ist🙂 Weiterhin gute Besserung, und jetzt, wo Du so viel gelesen hast, muss die Hamsterkiste wieder aufgefüllt werden!

  6. mickzwo schreibt:

    Krank sein ist kein Urlaub. Das zerrt. Gute Besserung wünsche ich Dir!! Und ansonsten wünsche ich noch frohes Hamstern. Bücher kann man gar nicht genug haben🙂

  7. The Tastemonials schreibt:

    Ach, du Arme! Krank sein bei diesem Wetter ist einfach schrecklich. Zum Glück geht’s dir besser.. Und das Lesen entschädigt ja doch ein kleine Bisschen😉 Ich hänge grad im neuen Buch von Stuckrad-Barre fest und obwohl ich den Typ eigentlich nie mochte, macht er mit jeder Seite bei mir Land gut! Einfach toll geschrieben🙂 Drück Dich, Heike

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Es geht zum Glück aufwärts, liebe Heike : ) Die ersten Bücher von ihm las ich damals auch und etwa das erste Drittel vom neuen, das mir anfangs sehr gefiel, besonders wegen Udo Lindenberg : ) Dann war’s aber thematisch irgendwann für mich nicht mehr so interessant. Bin gespannt, wie’s dir damit ergeht. Bisous

  8. Madame Filigran schreibt:

    Auch von mir weiter gute Genesung!
    Ich gehöre auch zu den Bücherhamstern, man weiß nie, was das Leben mit einem vorhat.
    Liebe Grüße.

  9. karu02 schreibt:

    Gut Besserung. Lesen hilft beim Genesen, weiß ich aus Erfahrung.

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