Lektürenotizen: Primäres & Sekundäres

novemberSo ein langes Wochenende (dank Brückentag) ist eine feine Sache. Ich habe es für zwei Ausstellungsbesuche (Double Vision: Albrecht Dürer & William Kentridge und Waren. Haus. Geschichte. Die Knopf-Dynastie und Karlsruhe), einen lieben Gast und natürlich jede Menge Lesestoff genutzt. Darunter Romane von Wodehouse, Hawkins und Baxt sowie ein höchst lesenswerter Aufsatz von Prof. Dr. Garstka.

Girl on the Train

Da mein Liebster auf Reisen ist, war mir fürs Wochenende nach einem spannenden Pageturner und so machte ich es mir am Samstagnachmittag mit Girl on the Train von Paula Hawkins gemütlich. Das Buch war allerdings dermaßen spannend, dass ich es bereits am späten Samstagabend ausgelesen hatte. Es beginnt mit der Perspektive Rachels. Rachel hat eine unglücklich endende Beziehung hinter sich, ihr Kinderwunsch blieb unerfüllt und aus Kummer begann sie zu trinken. Nun lebt sie bei einer Freundin, hat ihren Job verloren, fährt aber dennoch täglich nach London, damit ihre Freundin nichts von ihrer Arbeitslosigkeit bemerkt. Unterwegs hält der Zug stets an einer bestimmten Stelle und sie beobachtet ein junges Paar, das sie für glücklich hält, für ein Ideal, das sie verloren hat. Zwischendurch erfährt man aus der Sicht der jungen Frau, Megan, mehr über das vermeintliche Glück und ihr eigenes Leben. Als Megan verschwindet, mischt sich Rachel mit ihren Beobachtungen in die Ermittlungen ein. Doch als Alkoholikerin gilt sie als wenig zuverlässige Zeugin. Darum wendet sie sich an Megans Mann. Alles sehr spannend und wendungsreich, wobei die männlichen Charaktere leider ziemlich flach bleiben, die weiblichen aber, da sie selbst zu Wort kommen, gut nachvollziehbar und rund werden. Das hätte ich mir auch für die männlichen Figuren gewünscht, zu erfahren, warum sie wurden, wie sie sind. Dennoch: Als kurzweiliger Pageturner durchaus empfehlenswert.

Piccadilly Jim

Da stand ich nun und hatte den Wochenendroman bereits durch. Was tun? Ich nahm erneut Piccadilly Jim von P. G. Wodehouse zur Hand. Den hatte ich vor einiger Zeit gekauft, weil Wodehouse von allen möglichen Seiten empfohlen wird und ich bislang nie etwas von ihm gelesen hatte. Der Roman beginnt sehr flott und wird zu einer zunächst sehr netten Verwechslungsgeschichte, ein bisschen à la The Importance of Being Ernest mit etwas Krimi-Potenzial. Es geht um den berüchtigten Bonvivant Jimmy Crocker, einen jungen Amerikaner, der dank der Ehe seines Vaters mit einer reichen Frau in England ein Leben in Saus und Braus führen kann. Der Vater allerdings leidet an Heimweh, vor allem weil Cricket ihm das geliebte Baseball-Spiel nicht so recht ersetzen kann. Jimmys Tante Nesta, die in den Staaten lebt, beschließt, den jungen Mann zu zähmen und bietet ihm einen Job bei ihrem Gatten an. Jimmy nimmt tatsächlich ein Schiff in die Staaten, wo er sich unsterblich in Ann verliebt, die Nichte des Gatten von Tante Nesta. Die allerdings hasst Jimmy Crocker, so gibt er sich als jemand anderes aus und tut, als sei er lediglich ein Doppelgänger Jimmys. Auch sein Vater reist inkognito in die Staaten und lässt sich als Butler bei Tante Nesta einstellen. Und dann gibt es noch Nestas Sohn, der entführt werden soll, damit man ihm Manieren beibringe. So. Wie gesagt, zunächst sehr flott und witzig, dann aber zunehmend zäher. Ich muss gestehen, das letzte Drittel nur seeeehr quer gelesen zu haben, um zu schauen, ob es erwartungsgemäß happy endet.

Ein Mordfall für Alfred Hitchcock

Mir war nach Kriminellerem und ich entsann mich des dicken Schmökers Mordfälle, den ich vor Jahren mal zweiter Hand erworben hatte und der gleich drei Krimis von George Baxt enthält: nämlich Mordfälle für Dorothy Parker, Alfred Hitchcock und Greta Garbo. Den ersten hatte ich vor längerem gelesen und fand ihn ganz nett, vor allem aber den Ton von Dorothy Parker sehr gut getroffen. Nun also Hitchcock, dessen Filme ich ja sehr liebe. Und auch hier wieder – es ist eine Krimi-Spionage-Geschichte – der Ton wunderbar getroffen, viele Anspielungen auf Hitchcocks frühe und spätere Werke, eingebettet in eine etwas haarsträubende Geschichte um deutsche und englische Spione und allerlei Mordfälle zwischen 1925 in München und 1936 in London. Es las sich ein bisschen wie Dorothy L. Sayers Lord-Peter-Krimis und hat mir gut gefallen. Den Mordfall für Greta Garbo las ich auch noch, aber von den drei Krimis war mir doch der mit Hitchcock der liebste. Empfehlenswert für Fans von Hitch.

„Mord in London und Sehnsucht in Barcelona. Woody Allen zwischen Dostojewskij und Tschechow in Matchpoint und Vicky, Cristina, Barcelona. Beobachtungen im Anschluss an Horst-Jürgen Gerigks Studie Die Russen in Amerika.“

Und weil ich außer Hitchcock-Filmen auch die meisten von Woody Allen sehr schätze, gönnte ich mir beim Frühstück heute das – wie sich herausstellte – Highlight meiner Wochenendlektüre, den Aufsatz meines Freundes Christoph Garstka. Er ist Slavist, inzwischen Professor für „Russische Kultur“ am Seminar für Slavistik / Lotman-Institut der Ruhr-Universität Bochum, und ich hoffte, dass meine bisherige Lektüre russischer Schriftsteller mich befähigen würde, seinen Ausführungen zu folgen. Jawohl, hurra. Und was für ein interessanter Aufsatz, in dem er den Spuren, Zitaten, Versatzstücken etc. Dostojewskijs bzw. Tschechows in Matchpoint bzw. Vicky, Cristina, Barcelona nachgeht und zeigt, wie Allen ganz bewusst die Klassiker und bestimmte Szenen in seine Filme integriert. Nicht nur, indem z. B. der männliche Protagonist in Matchpoint beim Lesen von Crime and Punishment und sogar passender Sekundärliteratur gezeigt wird, sondern auch weit darüber hinaus, etwa bei der Mordszene und der Art und Weise, wie die Personen dargestellt und die beiden Filme erzählt werden. Eine genaue Wiedergabe des Artikels führte jetzt zu weit, aber ich freue mich immer über solche medienübergreifenden Betrachtungen, in denen sich das U (Unterhaltende) und das E (Ernste) dank IZ (Intelligenter Zusammenschau) und zugunsten der ÜE (Überraschenden Einsichten) fruchtbar und lesenswert mischen. Christoph Garstkas Beitrag ist erschienen in: Zwischen den Zeiten. Einblicke in Werk und Rezeption Anton Čechovs. Gerhard Ressel zum 65. Geburtstag. Stahl, Henrieke / Thaidgsmann, Karoline (Hrsg.). München u.a. 2014, S. 239-252.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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19 Antworten zu Lektürenotizen: Primäres & Sekundäres

  1. Pit schreibt:

    Hallo Petra,
    P.G. Wodehouse ist einer meiner englischen Lieblingsautoren. Piccadilly Jim kenne ich allerdings nicht. Ich begeistere mich immer wieder von Neuem an den Geschichten um Lord Emsworth, und auch an Bertie Wooster und Jeeves,
    Hab’s fein,
    Pit

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Hm, vielleicht sollte ich es dann mal damit versuchen. Danke für den Tipp, lieber Pit!

      • Pit schreibt:

        Aber gerne! Mich fasziniert immer wieder seine Sprache – so wundervoll übertriebene Methaphern. Ich erinnere mich gerade wieder an „The Crime Wave at Blandings“, einer ganzen Kurzgeschichte zu dem an sich banalen Akt, dass Lord Emsworth seinen Butler mit einem Luftgewehr in den Po schießt. 😉
        Übrigens, es gibt auch eine herrliche Verfilmung einer anderen Lord Emsworth Geschichte [Heavy Weather] mit Peter O’Toole als wunderbar exzentrisch-vertrottelter Lord Emsworth [http://tinyurl.com/zb2apcd].

  2. Pingback: [Philea’s] Lektürenotizen: Primäres & Sekundäres – #Literatur

  3. textstaub schreibt:

    Welch Namen und Hinweise. Würde gerne weiterlesen / ein Lesefreudiger Bericht in lebendiger Form.
    Fein fein.

  4. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Petra,
    wie hat dir die Double Vision Ausstellung gefallen? Ich war von der Uni aus mehrmals in Berlin in der Ausstellung. Kennst du den Blog zur Ausstellung (auch wordpress) http://doublevision-berlin.de/ ? Der ist sehr gelungen. Ich habe im Blog auch Bilder aus der Kunsthalle Karlsruhe gesehen und habe die Wirkung anders empfunden als die in Berlin.
    Einen schönen Tag wünscht dir Susanne

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Susanne,
      die Ausstellung gefiel mir sehr! Kann mir aber durchaus vorstellen, dass sie anderswo und vielleicht auch auf andere Weise präsentiert anders wirkt. Kannst du irgendwie benennen, inwiefern du es für dich anders empfindest?
      Das Blog schau ich mir gleich noch an, danke für den Link!
      Liebe Grüße
      Petra

      • Susanne Haun schreibt:

        Liebe Petra,
        ich habe im Blog die klassische Hängung wahrgenommen. In Berlin wurde besonders viel Wert auf das sogenannte Display der Ausstellung gelegt, also welche Arbeiten hängen wo und wie kommunizieren sie miteinander, wo hat Kentridge von Dürer Ideen aufgenommen etc. Außerdem gab es einen Tisch mit Büchern und ein „großes Sofa“ mit Kissen zum Ausruhen. Gibt es das in Karlsruhe auch?
        Fotos von Ausstellungen sagen ja meistens wenig über die Austellung selber aus.
        Liebe Grüße von Susanne

        • Petra Gust-Kazakos schreibt:

          Liebe Susanne,

          Bilder, die in Beziehung zueinander gesetzt wurden, hingen auch zusammen, also nicht nebeneinander, aber im gleichen Raum auf Sichtweite. Und es gab mehrere Möglichkeiten, sich zu setzen und in Büchern zu lesen oder zu blättern. Ich fand es stimmig, weiß aber nicht, ob Berlin das noch besser gelöst hat. Liebe Grüße!

        • Susanne Haun schreibt:

          Liebe Petra, ich denke, besser oder schlechter oder gefällt mir und gefällt mir nicht kann man wahrscheinlich nur entscheiden, wenn man beide Ausstellung besucht hat.
          Liebe Grüße von Susanne

        • Petra Gust-Kazakos schreibt:

          Das denke ich auch, liebe Susanne. Das Blog ist eine feine Fundgrube, toll! Das wünscht man sich für viele Ausstellungen …

  5. perlengazelle schreibt:

    Girl in the train möchte ich unbedingt lesen. P. G. Wodehouse würde ich mir allerdings für einen Regentag aufheben (wie weiland die Queen in „Eine souveräne Leserin“ zu sagen pflegte😉 ) Am faszinierendsten finde ich als langjähriger Woody Allen Fan den Aufsatz über die Spurensuche in seinen Filmen. Wie mich überhaupt immer brennend interessiert, aus welchen Quellen Autoren schöpfen. Was sie daraus machen, wie sie neue Verbindungen knüpfen, etwas Neues schaffen. Sehr spannend!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das geht mir genauso, liebe Perlengazelle! Der Aufsatz ist wirklich klasse, ich habe große Lust, mir die beiden Filme bald noch einmal anzusehen und darauf zu achten. Natürlich bekommt man es schon beim ersten, zweiten Sehen mit, aber nicht so gründlich, eher unterschwellig. Die Filme funktionieren wahrscheinlich auch, wenn man das überhaupt nicht wahrnimmt oder nicht darauf achtet. Am stärksten fiel es mir bei Matchpoint auf, ich freute mich hier und da über die Bezüge, aber so viele, wie Christoph Garstka in seinem Aufsatz beschreibt, habe ich nicht bemerkt. Da macht dann Wiedersehen doppelt Freude.

  6. karu02 schreibt:

    Ich bin ein wenig neidisch, die Ausstellung Dürer/Kentridge hätte ich auch sehr gerne gesehen. Sie ist leider viel zu weit weg. Es würde mich interessieren, ob sie Dir gefallen hat.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Oh ja, sehr! Ich habe zum ersten Mal Werke von Kentridge vor sechs Jahren in einer Ausstellung in New York gesehen und war sehr beeindruckt. Leider verpasste ich seine Ausstellung in Wien, aber eine Freundin, die dort lebt, sandte mir den Katalog – muss auch grandios gewesen sein! Das Plakat zur Ausstellung hier in KA warb mit Dürers Rhinozeros und einem von Kentridge – und da ich Rhinos sowieso und das von Dürer besonders mag (zumal es aufgrund einer Beschreibung entstand, nicht durch Ansehen), musste ich natürlich dringend in die wirklich lohnenswerte Ausstellung. Ich kann sie nur empfehlen! Es gibt übrigens auch zu dieser Ausstellung einen gut gemachten Katalog …

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