Die Drehung der Schraube

james_schraube2Neulich kaufte ich mir die schöne Manesse-Ausgabe von Henry James‘ Novelle Die Drehung der Schraube, übersetzt von Ingrid Rein. Eine Gespenstergeschichte, die ich durchaus spannend, aber nicht gruselig fand.

Die Novelle beginnt, was die Erzähltechnik angeht, etwas spiralig mit einem typischen Auftakt für eine Gruselgeschichte: Ein namenloser Erzähler beschreibt, wie zwischen den Jahren (ohnehin eine Zeit, in der traditionsgemäß das Geisterreich offen steht) eine Gesellschaft am Kamin in einem alten Haus beisammen sitzt und sich gegenseitig mit Schauergeschichten unterhält. Eine, von der das Lesepublikum nur über jenen Erzähler erfährt, handelt offenbar davon, dass einem Kind ein Geist erschienen ist, was die Gesellschaft besonders gruselig findet. Vielleicht, weil sie sich daran erinnern, dass sie sich selbst als Kinder vor den Schatten und der Dunkelheit gegruselt haben und eine tatsächliche Geistererscheinung (nicht nur eine befürchtete ) besonders schrecklich sein muss.

Einer aus dem Kreise, Douglas, weiß von einer Geschichte, in der gleich zwei Kinder eine Rolle spielen, was quasi eine Verdoppelung des Grusels sein müsste. Und es ist mehr als nur eine Geschichte, denn er hat sie von seiner ehemaligen Nanny, die sie, Jahre später, aufschrieb, ihm auch erzählte und ihm ihre Niederschrift hinterließ – die er seinerseits erneut abschrieb. Er weiß nun die Spannung der Gesellschaft (und der Leserin) zu steigern, da er die Geschichte nicht gleich erzählen kann, erst mal muss ein Diener die Niederschrift bringen, die er dann vorliest. So.

Und dann kommt – endlich! – die eigentliche Geschichte aus Sicht jenes (ebenfalls namenlos bleibenden) Kindermädchens. Sie nahm einst eine Stelle an, bei der sie sich um zwei Kinder in einem alten Herrenhaus mit zahlreichem Personal kümmern sollte. Und zwar möglichst selbständig. Ihr Dienstherr, der Onkel der Kinder, will mit nichts behelligt werden und kümmert sich, vom Materiellen abgesehen, kein bisschen um die beiden.

Sie hat den Ehrgeiz, diesen Auftrag bestmöglich zu erfüllen, versteht sich auch gut mit den anderen Angestellten und vergöttert die beiden Kinder, das Mädchen Flora und den Jungen Miles, die in ihren Augen engelsgleich, wunderschön und ohne Fehl und Tadel sind. Ich schreibe absichtlich „in ihren Augen“, denn ich hatte das Gefühl, dass der Liebreiz der Kinder ein bisschen übertrieben von dem Kindermädchen dargestellt wird, das überdies die Kinder ständig mit Liebesbezeugungen überschüttet. Allerdings ist der Junge seiner Schule verwiesen worden. Warum, erfährt man nie und unerklärlicherweise nimmt das Kindermädchen keinen Kontakt zum Schulleiter auf, um sich die Situation näher erläutern zu lassen. Es geht also schon los mit Spekulationen und ihren eigenen Gedanken die hin- und hergerissen sind zwischen dem Idealbild, das sie von den Kindern pflegt, und diversen Begebenheiten, die dazu nicht so recht zu passen scheinen.

Und dann sieht sie auch noch Geister, einen Mann und eine Frau, beide unlängst verstorben. Beide gehörten selbst zum Personal und kümmerten sich intensiv um die beiden Kinder. Und sie hatten offenbar ein Verhältnis miteinander. Das ist von heute aus gesehen zwar kein Drama, für das junge Kindermädchen aber schon. Sie fürchtet, dass die Kinder nun von jenen Geistern aus dem Grab heraus verdorben werden und/oder selbst in den Tod gelockt werden könnten. Und sie ist sich sicher, dass die Kinder die Geister ebenfalls sehen und nur so tun, als sei dem nicht so. Das Ganze endet tragisch.

Ich hatte mich beim Lesen nicht gegruselt und verstand das Ganze eher so, dass das Kindermädchen sich das alles einbildete und einredete. Vielleicht hat ihr Übereifer bei der Erfüllung ihrer Aufgabe sie etwas mitgenommen, vielleicht war sie viel zu jung, um die Verantwortung für die beiden Kinder ganz allein zu tragen und entsprechend überfordert mit ihrem übergroßen Beschützerinstinkt, vielleicht besaß sie ein bisschen zu viel Fantasie und ihre Umgebung beflügelte und bestärkte sie noch in ihren Vorstellungen. Außer ihr hat nämlich niemand etwas von den Geistern bemerkt und all ihre Gespräche mit anderen, die wir ja nur aus ihrer Sicht erzählt bekommen, zeigen die Besorgnis und das Befremden der Gesprächspartner – meines Erachtens über ihre Vorstellungen und nicht über die Geistererscheinungen und die angebliche Verdorbenheit der beiden Kinder. Allerdings hat das Kindermädchen diese Geschichte erst Jahre später niedergeschrieben, da müsste sie reifer geworden sein, aber vielleicht hat das tragische Ende sie für immer in ihrer Geschichte gefangen gehalten? Oder womöglich muss sie an „ihre“ Geschichte glauben, braucht sie als Rechtfertigung für das, was geschehen ist, was sie im Grunde selbst den Kindern zugefügt hat? Faszinierend!

Interessanterweise ist meine Lesart der Novelle typisch für spätere Lesarten, wie in dem sehr guten Nachwort von Paul Ingendaay zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte zu lesen ist. Die ersten Leserinnen und Leser zweifelten wohl nicht an den Erscheinungen und an der Verdorbenheit der Kinder. Das begann erst Jahrzehnte später. Und eigentlich kann man die Geschichte so oder so deuten, ist man ähnlich furchtsam wie die Erzählerin, so hinterfragt man ihre Version möglicherweise weniger. Bemerkt man beim Lesen jedoch ihre Voreingenommenheit und berücksichtigt die Reaktionen der anderen, kommt man sehr ins Zweifeln, was ihre Version angeht.

Die Novelle erschien 1898, da war die Hochzeit der Gothic Novel, des Schauerromans, in England eigentlich schon vorüber. Die fiel nämlich auf den Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Mysteries of Udolpho von Ann Radcliffe, die in der Novelle erwähnt werden, wurden 1794 veröffentlicht. Auf der anderen Seite des „großen Teichs“ veröffentlichte Edgar Allen Poe seine phantastischen Horrorgeschichten in den 30er- und 40er-Jahren des 19. Jahrhunderts. Das Interesse an Spiritistischem, an Medien und Gespenstern war wohl zur Entstehungszeit der Drehung der Schraube noch vorhanden, obwohl der Spiritismus bzw. die diversen Medien sich bereits ab den 1860er-Jahren immer mehr als Schwindel herausgestellt hatten. Die Drehung der Schraube jedenfalls wurde ein großer Erfolg und hat sich bis heute gehalten – ein Klassiker, der so gar nicht klassisch für eine Gruselgeschichte ist. Ich rate zu.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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20 Antworten zu Die Drehung der Schraube

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  2. Trippmadam schreibt:

    Vielen Dank, die Geschichte kenne ich noch nicht. Ich liebe Henry James und ich liebe Gespenstergeschichten. Diese klingt verlockend, auch wenn sie nicht allzu gruselig zu sein scheint.

  3. Nanu? Unter dem Titel hatte ich mir eine ganz andere Geschichte vorgestellt. Nachdem ich mich mal bei einem anderen Henry James fürchterlich gelangweilt hatte, wollte ich nichts mehr von ihm anrühren. Schiller hat ja auch mal einen Gruselroman (oder war es eine Novelle?) geschrieben, weil er dringend Geld brauchte. Als er wieder flüssig war, brach er einfach ab. Frechheit! Bis heute wüsste ich gern, wie „Der Geisterseher“ denn ausgegangen wäre.

  4. marinabuettner schreibt:

    Ich mochte sowohl das Buch. als auch den Film „Schloß des Schreckens“, wobei ich die Verfilmung gruseliger fand …
    Viele Grüße!

  5. Tinka schreibt:

    Liebe Petra,

    ich mochte dieses Buch sehr gerne. Das Besondere an diesem Buch ist, dass es Raum für Interpretationen zulässt. Das muss man mal schaffen, eine Geschichte so zu schreiben! Wie du oben geschildert hast, kann man sich darauf einlassen oder eben nicht. Mir hat auch die Stimmung in diesem Buch sehr gut gefallen. Bis jetzt hab ich es 2 mal gelesen und jedes Mal war es irgendwie anders. Bei Gothic Novels ist das so eine Sachen, die einen lieben sie, die anderen finden sie total langweilig. Ich mag einfach die Atmosphäre in diesen Büchern total gerne😉 Glg Tinka

  6. SätzeundSchätze schreibt:

    Im Grunde ist selbst diese Gruselgeschichte ein typischer Henry James mit all seinen psychologischen Drehungen – und daher nicht gruselig im Sinne von horrormäßiggrauenhaftkreischalarm, sondern dieser leichte Grusel, der uns überfällt, wenn wir seltsame Schwingungen in der Luft spüren, wenn die Gehirnwindungen DAS DUNKLE in uns hervorholen, wenn da eine Schraube nicht ganz locker sitzt (gruselgruselgrusel). Ich bin ja eine alte James-Verehrerin und mag auch diese Novelle sehr – sie passt, obwohl mit besonderem Charakter, zu seinen Romanen, die ich Dir schon sehr ans Herz lege, liebe Petra.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Birgit, ich fand es auch insofern typisch, als auf die Erzählerin mal wieder kein Verlass ist, was die Geschichte ja erst so richtig interessant macht. Das war auch auffällig bei den „Aspern-Schriften“, bei der „Überfahrt mit Dame“ und dem mir etwas wirr scheinenden Roman „Der Wunderbrunnen“, den ich allerdings nur zu einem Drittel etwa las. Aber ich habe mir heute „Washington Square“ gekauft, bin schon gespannt : ) Du siehst: Ich bleib dran! Liebe Grüße!

  7. Tobi schreibt:

    Liebe Petra,

    ein interessanter Tipp. Wenn ich an Henry James denke, dann würde ich so gar nicht an eine Gruselgeschichte denken. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass mit seiner feinen Beschreibung menschlichen Denkens hier eine Geschichte entsteht, die eher Fragen hinsichtlich der Personen aufwirft. Ich kann Gruselgeschichten ja eher weniger abgewinnen und mich konnte auch „Der Horla“ von Maupassant nicht wirklich überzeugen. Aber irgendwie gab es da einen Trend zu solchen Stories, dass so viele auf den Zug aufgesprungen sind. Was ich bei dir herauslese, ist wohl die Frage, ob es diese Geister gab, und der Blick auf das Innenleben des Kindermädchens spannender als der Gruseleffekt. Aber so wie ich Henry James einschätze könnte das auch sein primäres Anliegen gewesen sein.

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Tobi, nach dem, was ich bisher so von ihm las, war er ganz schön vielseitig. Das etwas Unheimliche, wie bei der „Drehung“, das (mir zu) Phantastische, wie beim „Wunderbrunnen“, Gesellschaftskritisches, wie bei seinen beiden Salonerzählungen oder auch das Thrillerhafte, wie bei den „Aspern-Schriften“, das ist schon ein ziemlich breites Spektrum. Ich hatte irgendwie gedacht, du hättest die „Drehung“ schon gelesen, von wegen hübsches Manesse-Bändchen, Klassiker und so – ich denke, es könnte dir gefallen. Liebe Grüße!

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