Gesehenes, Gelesenes

terzettHeute Empfehlungen im Dreierpack oder, um es mal in prätentiöser Speisekartensprache zu sagen: ein Terzett von zwei Graphic Novels und einem bösen kleinen Büchlein über langweilige Reiseberichte. In den Hauptrollen: Agatha Christie und ihre Romanfiguren, englische Romantiker und Reiseangeber.

Agatha Christie. Das Leben ist kein Roman

Nach der schönen Vorstellung der Graphic Novel Agatha Christie. Das Leben ist kein Roman von Anne Martinetti, Guillaume Lebeau und Alexandre Franc (übersetzt von Ulrich Pröfrock) bei Stift und Schrift habe ich mir das Buch ebenfalls gekauft & gelesen – und es hat mir sehr gut gefallen! Ich lese so gut wie nie Graphic Novels, aber die Idee, eine Biographie auf diese Weise zu erzählen, gefiel mir sehr und ist hier  wirklich gelungen. Im beigelegten Heftchen zu weiteren Graphic Novels im Verlag Egmont habe ich gleich zwei weitere Biographien dieser Art gefunden, vielleicht werde ich die irgendwann auch noch lesen (eine über Helen Keller und eine über James Joyce). Von mir aus hätte Das Leben ist kein Roman fast noch länger/detaillierter sein dürfen, das liegt sicher daran, dass ich Biographien sowieso gern lese und wenn sie dann auch noch so besonders kurzweilig daher kommen … Ich könnte mir allerdings noch zusätzlich Agatha Christies Autobiographie durchlesen, auf die einst Anna von Buchpost hingewiesen hat.

Für alle, die wie ich nicht wissen, was eigentlich der Unterschied zwischen Comic und Graphic Novel sein soll, könnte der Eintrag in der Wikipedia erste Aufschlüsse liefern.  Kleiner Spoiler: Es sind anscheinend keine großen Unterschiede (für Erwachsene – für Kinder und Jugendliche, Buch – Heft {aber: Sind dann die MAD-Bücher auch Graphic Novels? [und überhaupt: Das hier ist ja eine Biographie, müsste man dann nicht von einer Graphic Biography sprechen?]}), selbst die Bezeichnung scheint nicht geländegängig genug zu sein, um alle zufrieden zu stellen (Teile der Comic-Industrie scheinen den Begriff wenig sinnreich zu finden und in diesem Beitrag hier werden als Alternativvorschläge diverse deutsche Bezeichnungen genannt wie Graphischer Roman, die sich aber auch noch nicht so richtig durchgesetzt haben). Alles nicht so einfach.

The Wordsmiths at Gorsemere

Jedenfalls fiel mir noch eine andere Graphic Novel ein, die ich vor einiger Zeit las und ebenfalls empfehlen möchte: The Wordsmiths at Gorsemere. Wie beim vorgenannten Buch geht es auch hier wieder um Literatur im weiteren Sinne und es ist „irgendwie“ auch biographisch, allerdings ist das Thema möglicherweise eher für einen engeres Zielpublikum geeignet, beispielsweise für AnglistInnen, denn es geht, in Form einer milden Parodie, um den englischen Romantiker William Wordsworth. Der ist vielleicht nicht ganz so populär wie Agatha Christie. Ursprünglich schrieb die Autorin Sue Limb die Wordsmiths für Radio 4, ich habe das allerdings nie gehört, sondern bin zufällig bei Twitter über die Sache gestolpert und bestellte mir sogleich antiquarisch das Buch. Ich habe es nicht bereut!

Erzählt wird in Form von Tagebucheinträgen, in Schreibschrift mit etlichen Zeichnungen zur Illustration, aus dem Leben der Wordsmiths von Dorothy, der Schwester des Poeten, den sie vergöttert und für ein wahres Genie hält. Bei Sue Limb wirkt er allerdings weniger genial, wenn er auch die nötige Pose gut beherrscht. Insbesondere, wenn es darum geht, Dorothy all die schwere tägliche Haus- und andere Arbeit machen zu lassen, der er sich stets zu entziehen weiß, weil er ja geniale Gedichte schreiben muss. Zudem treten weitere Poeten auf, zum Beispiel Cholerick (Coleridge), Lord Byro (Byron, der hier ein übler Schürzenjäger ist), Percy Jelley (Shelley) und seine Braut Mary Godwit (Wollstonecraft Godwin), die beide von Marys zornigem Vater verfolgt werden, weil sie geheiratet haben. Alles in allem sehr charmant und amüsant – ich rate zu!

Die Kunst, andere mit seinen Reiseberichten zu langweilen

Und zum guten Schluss noch ein Büchlein, das aufgrund seines Titels auf kurzweilige Lektüre schließen lässt: Die Kunst, andere mit seinen Reiseberichten zu langweilen von Matthias Debureaux (übersetzt von Patricia Klobusiczky).

Wahrscheinlich kennen wir alle diese Typen, die bei Tisch oder auf Partys das Gespräch an sich reißen, um ausschweifend von ihren Reisen zu erzählen. Das kann interessant sein, falls man selbst einen Bezug zu den Orten hat, die zur Sprache kommen, etwa weil man selbst schon dort war oder weil man mal dorthin möchte. Es kann einem aber auch gehörig auf die Nerven fallen, insbesondere wenn der Erzähler zu jenen gehört, die glauben, die einzig wahren Reisenden zu sein und die Beiträge anderer zu jenen Orten, die er bereiste, vom Tisch wischt, entweder, weil sie sich die „falschen“ Sachen angesehen haben oder – und das sind die Schlimmsten – weil er glaubt, nur er allein hätte in seinen Ferien die wirklich total echte, wahre, ursprüngliche Seite des betreffenden Landes bzw. das wahre Wesen der dortigen Einwohner verstanden. Gähn.

Insofern ähneln sich das Lesen und das Reisen, denn beides sind höchstpersönliche Erfahrungen und was der einen gefällt, muss den anderen noch lange nicht begeistern. Auch ist es durchaus nicht ehrenrührig, Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, die schon Hundertausende zuvor sahen, weil wir eh nichts Neues mehr entdecken werden, sondern uns immer nur auf den breitgetrampelten Pfaden der Vorausreisenden bewegen können. Aber das macht ja nichts, für uns selbst ist es in diesem Moment eben doch neu und schön und aufregend. Aber ich schweife ab.

Jedenfalls: Debureaux scheint von derartigen Typen ebenso angeödet bis genervt zu sein wie ich und so schrob er ein Büchlein über all die Klischees, die sich mit solchen Typen verbinden. Unter anderem auch die zum Teil unzulängliche Ausdrucksweise, denn es ist ja gar nicht so einfach, Worte zu finden für tief berührende oder höchst eindrucksvolle Landschaften oder Begegnungen, sodass man es am Ende immer nur toll, großartig oder womöglich magisch fand.

Das Ganze liest sich anfangs überaus unterhaltsam, ich las meinem Liebsten ein paar Highlights vor und des Prustens war kein Ende. Aber ungefähr nach dem ersten Drittel wird es etwas länglich und liest sich wie eine zu lang geratene Kolumne. Dennoch: pas mal.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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7 Antworten zu Gesehenes, Gelesenes

  1. nweiss2013 schreibt:

    Liebe Petra,
    ich finde auch die bildergeschichtliche Umsetzung der Recherche gelungen und möchte Dir empfehlen, sie einmal anzuschauen. Viele Grüße
    Norman

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Norman, die sah ich mal, aber hatte sie dann irgendwie wieder „vergessen“, mussichmirmerken, vielleicht werde ich noch zur begeisterten Graphic-Novel-Leserin, vor allem, wenn es um solche mit literarischen Bezügen geht. Liebe Grüße!

  2. Pingback: [Philea’s] Gesehenes, Gelesenes – #Literatur

  3. Stift und Schrift schreibt:

    Schön, dass Dir die Agatha Christie-Biografie als Graphic Novel „Das Leben ist kein Roman“ ebenso gut gefallen hat wie mir. Ich verrate Dir hier schon einmal ein Geheimnis: im voraussichtlich übernächsten Beitrag in Stift und Schrift geht es noch einmal um Agatha Christie, und zwar auch wieder im Rahmen einer Graphic Novel. Aber nicht weitersagen 🙂

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