Biographisches; einfach, exzentrisch, ornithologisch

orniHeute wieder Empfehlungen im Dreierpack. Insgesamt übrigens ein ziemlich harmonischer Dreiklang aus Biographien, die eine fiktiv von Robert Seethaler, eine mit viel Exzentrik unterschiedlich starker Ausprägung von Tania Kibermanis und eine aus lauter Ornithologen-Lebensschnipseln von Bernd Brunner.

Ein ganzes Leben

Vor einigen Monaten hatte ich einer lieben Kollegin vor einem Städtetrip nach Wien Der Trafikant von Robert Seethaler empfohlen und damit bei ihr und ihrem Mann sofort ein großes Interesse an weiteren Werken des österreichischen Schriftstellers ausgelöst. So lieh sie mir kürzlich Ein ganzes Leben, über das ich schon viel Positives gehört hatte. Auch mir hat der kleine Roman über das ganz einfache und oft sehr schwere Leben des etwas kauzigen Andreas Egger sehr gefallen. Und obwohl Egger weder in einer quirligen Metropole lebt (ganz im Gegenteil, er lebt und stirbt in einem Bergdorf in den Alpen), die dem Roman eine Art schwungvolles Lokalkolorit hätte verleihen können, obwohl es keine Taten oder Erfindungen von ihm gibt, die die Geschichte der Welt nachhaltig beeinflusst hätten (im weiteren Sinne vielleicht seine Mitarbeit an Seilbahnen in den Alpen, die für mehr Tourismus sorgten), und obwohl die Weltgeschichte, sofern sie sein Leben beeinflusst, von ihm ebenso stoisch ertragen wird wie er überhaupt sein ganzes Leben und seine Schicksalsschläge erträgt, macht gerade diese Einfachheit und Seethalers Weise, sie zu beschreiben, für mich dieses Buch zu etwas Besonderem. Denn Seethaler erzählt dieses Leben so einfach und ruhig, dass mir beim Lesen war, als würde ich Egger selbst hören …

Spleen Royale

Vor einiger Zeit hatte ich in der Sonntags-Matinee auf SWR2 zum Thema Exzentrik ein Interview mit der Autorin Tania Kibermanis gehört (hier kann man es nachhören ), deren Antworten mir sehr sympathisch waren. Von ihr erschien kürzlich das Buch Spleen Royale, das ich mir daraufhin gekauft habe. Auch weil ich bereits Edith Sitwells Buch über Englische Exzentriker so gern gelesen hatte. Tania Kibermanis geht allerdings etwas anders vor als Edith Sitwell. Sie beschreibt nicht nur das Leben und Tun diverser Exzentriker, das tut sie auch, aber sie tut noch mehr. Beispielsweise versucht sie, auf einfache Weise die komplexen Vorgänge im menschlichen Gehirn, soweit bekannt/erforscht, zu erklären, die zu exzentrischen Verhaltensweisen führen können. Außerdem gibt sie viele direkte Einblicke in das Leben einer Exzentrikerin, nämlich in ihr eigenes, wobei sie ihre Exzentrik „irgendwo im unteren Drittel“ ansiedelt. Ihr Ton ist sehr locker, was mir gefällt. Am besten gefiel mir aber auch hier wieder die Vorstellung verschiedener Exzentriker, bei der Tania Kibermanis von fiktiven und realen Persönlichkeiten erzählt; zu ihren Lieblingsexzentrikern gehören Shaw und Highsmith ebenso wie Pipi und Sherlock.

Ornithomania

Weitere Lebensschnipsel, die zusammengenommen so etwas wie eine Geschichte der Ornithologie ergeben, finden sich in Ornithomania von Bernd Brunner. Die Zusammenstellung so vieler Bio-Schnipsel verschiedener Ornithologinnen und Ornithologen (in erster Linie sind es Männer) ist interessant und vielseitig, aber, wie Petra Wiemann schon bemängelte, enden viele dieser Kurz- und Kürzestporträts leider auch oft „da, wo es spannend wird – zu wenig, um sich ein Bild von den Maniacs und ihren Neigungen zu machen. Vielleicht wäre die Konzentration auf einige wenige Vogelliebhaber sinnvoller gewesen.“  Einige von ihnen hätten sich übrigens gut in einer Sammlung bzw. Vorstellung diverser exzentrischer Persönlichkeiten gemacht. Ich habe das Buch zwar gern gelesen, aber hätte weitere Informationen auch nicht gerade schädlich gefunden.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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8 Antworten zu Biographisches; einfach, exzentrisch, ornithologisch

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  2. Petra Wiemann schreibt:

    Das Interview mit Tania Kibermanis klingt wirklich sehr sympathisch, daher habe ich ihre Exzentriker gleich auf meine Wunschliste gesetzt. Vor allem die Kombination mit den Vorgängen im Gehirn reizt mich. Vielen Dank für den Tipp, liebe Petra!
    Und danke fürs Verlinken der Ornithomaniacs. Bei Brunners neuem Buch „Als die Winter noch Winter waren“ funktioniert das mit den Schnipseln übrigens sehr gut. Da waren sie groß genug, um die Neugier zu befriedigen 😉

  3. vasenmeister schreibt:

    Ich empfand den Seethaler auch als ein sehr unaufgeregtes Buch in unserer hektischen Zeit und habe es gerne gelesen. Ich muss mir noch unbedingt die Zeit nehmen, ein weiteres Buch von ihm zu lesen.

  4. karu02 schreibt:

    „Der Trafikant“ kommt an erster Stelle, danach „Ein ganzes Leben“, beide haben mir viel Lesegenuss bereitet. Ich stimme Deiner Empfehlung zu.

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