Ausgerechnet Muse

Endlich! Nach all den Geschichten um Hexen, Zauberer, Vampire, Werwölfe und Zombies hat sich die Schriftstellerin Carola Wolff in ihrem jüngst erschienenen Roman für Jugendliche meine persönlichen Lieblinge, die Musen, als Hauptfiguren auserkoren. Herausgekommen ist ein spannender, schwungvoller Roman, der mir gut gefallen hat. 

Nun bin ich ja schon seit einigen Jahrzehnten aus dem Alter raus, in dem man Jugendromane liest, aber als mir Ausgerechnet Muse, ein „unkonventioneller Coming-of-Age-Roman“, als Rezensionsexemplar angeboten wurde, konnte ich nicht widerstehen. Herzlichen Dank an Annika von Literaturtest und den Fabulus-Verlag für das Exemplar!

Die Hauptfigur Apollonia Parker ist 17 und Muse – und das ist das Letzte, worauf sie Lust hat. Schließlich sieht sie ja an ihrer Mutter, die ebenfalls Muse ist und ihrer Berufung mit Leidenschaft folgt, was das mit den Frauen macht: Sie opfern sich auf für einen Künstler, der ihnen eigentlich alles verdankt, und dann ist irgendwann Schluss. Und dann kommt ein neuer Künstler und das Ganze beginnt von vorn. Ein unstetes Leben, wenig erfüllend und vor allem stets in Abhängigkeit.

So zumindest sieht Apollonia das. Sie jedenfalls will auf gar keinen Fall so ein Leben führen, sondern lieber den Motorradführerschein machen und durch Schottland fahren. Allerdings kann auch Apollonia ihrem Schicksal nicht entkommen. „Ihr“ Künstler heißt Nick, ein begabter junger Musiker, und obwohl sie einander gefallen und Nick es außerdem ziemlich klasse finden würde, wenn Apollonia ihn bemusen würde, hat er Verständnis für ihren Freiheitsdrang. Allerdings ist es nicht so gut, sich dem Schicksal in den Weg zu stellen, wie die beiden bald herausfinden werden.

Mir hat die Idee, dass es auch heute noch Musen gibt, die tatsächlich inspirieren und die Künste beschützen und nicht nur ein hübsches Anhängsel sind, die einen Künstler, Designer, wen auch immer umsorgen, sehr gut gefallen. Der Roman ist zwar im Alltagsleben einer Jugendlichen in Berlin angesiedelt, aber voller Fantasy-Elemente. Wenn man Musen mag und kein Problem mit Fantasy-Romanen hat, ist das in erster Linie amüsant und spannend und vor allem ungeheuer einfallsreich. Carola Wolff hat offenbar nicht nur gründlich zum Thema Musen recherchiert, sie hat auch jede Menge grandiose Zusatzideen.

Der Roman folgt dem Muster, das wir auch aus romantischen Liebeskomödien für Erwachsene kennen: Man nähert sich an, findet sich eigentlich ganz gut, könnte klappen, dann gibt es Probleme und dann die große Frage: Kriegen sie sich? Bei Ausgerechnet Muse kommen noch einige Jugendroman-typische Faktoren ins Spiel, etwa dass Apollonia natürlich nicht zu den hübschen Cliquen-Girls ihrer Schule gehört, sondern eine Außenseiterin ist und eigentlich viel cooler als die Püppchen. Das findet auch Nick.

Abgesehen von typischen Zugaben dann die guten Einfälle: Apollonia hat zum Beispiel einen Raben als Mentor, der sie, sehr putzig, mit „Oh Muse“ anspricht, gern aus Gedichten zitiert, von Poes unvermeidlichem „Nimmermehr“ bis Goethe, und ihr ansonsten vor allem mit Rat zur Seite steht. Im Museum, dem Schutzort der Musen, kann sie nicht nur mit Figuren aus Gemälden kommunizieren, sie werden ihr auch in einer äußerst brenzligen Situation versuchen beizustehen. Dann gibt es selbstverständlich noch einige ziemlich düstere Gestalten. Beispielsweise den Medientycoon Viktor Tyrell und Velika, eine schwarze Muse, die versuchen, sowohl die Kräfte der Musen als auch talentierte Künstler auszubeuten.

Ich könnte mir vorstellen, dass der Roman auch deutlich jüngeren Leserinnen gefällt und sie vermutlich neugierig macht, mehr zum Thema Musen zu googeln, diesen faszinierenden Göttinnen, die nun endlich auch einen Platz in der Fantasy-Literatur gefunden haben. Ich weiß nicht, ob Ausgerechnet Muse als Serie geeignet wäre, denn die Geschichte ist in sich rund und fertig erzählt, aber an einer Fortsetzung wäre ich durchaus interessiert.

Lobend erwähnen möchte ich außerdem die gelungene Gestaltung, schwarzer Einband, orangefarbener Buchschnitt und schwarzes Lesebändchen. Well done!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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5 Antworten zu Ausgerechnet Muse

  1. Pingback: [Philea’s] Ausgerechnet Muse – #Literatur

  2. Tobi schreibt:

    Liebe Petra,

    also da so ein Buchtipp hätte ich hier nicht erwartet. Ich finde es klasse, dass du auch immer mal neben der Spur liest. Das hört sich schon ganz interessant an. Mal ein Fantasy Element, dass nicht von der Stange ist. Ein schöner Tipp!

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Tobi, man muss seine Gäste zwischendurch mal überraschen ; ) Und wirklich, wenn Muse draufsteht, kann ich kaum widerstehen. Gelegentlich lese ich auch Kinderbücher, die ich in meiner eigenen Kindheit verpasst habe, zuletzt war es „Der geheime Garten“, auch sehr schön, allerdings Musen-frei. Vielleicht sucht ja mal jemand unter den Bloggästen einen Pageturner für ein junges Mädchen, dann wäre Ausgerechnet Muse schon mal ein Tipp.
      Liebe Grüße!

  3. puzzleblume schreibt:

    Die Mutter opfert sich auf für einen Künstler als Hauptlebensinhalt und Bestimmung – und der Tochter soll eine ähnliche Lage als Zukunftsentwurf angetragen werden – im 21. Jh als Jugendbuch … entschuldige, das finde ich allenfalls für bereits erwachsene und auf andere Weise bereits im Leben verankerte Frauen eine empfehlenswerte Lektüre. Würde ich so etwas auf dem Nachttisch einer hypothetischen Tochter liegen sehen, müssten sie und ich ernsthaft reden.

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