24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus

Kennt ihr auch das Gefühl, pausenlos etwas erledigen zu müssen, unruhig zu werden, wenn man sich mal gemütlich hinsetzt, um ein bisschen zu lesen, weil ja eigentlich noch dies und das zu tun wäre? Und ist es nicht irre praktisch, rund um die Uhr, zumindest virtuell, noch etwas einkaufen zu können? Pausenlos leben – dass das keineswegs nur Vorteile mit sich bringt und wie es eigentlich dazu kam, dass sich die Bedeutung des Schlafs sukzessive verändert hat, sind nur einige Themen, um die es in Jonathan Crarys Essay geht.

Ich mag es gelegentlich langsamer: zu flanieren ohne Ziel, zu bummeln statt zu shoppen, Müßiggang statt Abarbeiten der To-do-Listen … Und ich schlafe gern. Idealerweise acht Stunden pro Nacht und am Wochenende oder in den Ferien genieße ich zusätzlich noch eine Siesta. Powernapping unter anderthalb Stunden bringt meines Erachtens ja sowieso wenig. Mein Liebster schläft sogar noch lieber resp. länger als ich, zum Beispiel zehn Stunden, was werktags allerdings selten klappt, sonst ist der Abend davor doch arg kurz.

Zehn Stunden Schlaf waren aber vor gar nicht allzu langer Zeit vollkommen normal. Inzwischen schlafe der Durchschnittsamerikaner nur noch sechseinhalb Stunden pro Nacht. Dass man ein Drittel seines Lebens verschlafe, also die berühmten acht Stunden Schlaf, seien um die Mitte des 20. Jahrhunderts typisch gewesen. Interessant. Und vor allem, warum das so ist, wie die Menschen durch äußere Umstände immer mehr um ihren nötigen Schlaf gebracht wurden, um Produktions- und Zirkulationsprozesse zu beschleunigen, darum geht es in Crarys 24/7. Eine Formel, die einerseits umfassende Versorgung verheißt, doch andererseits die Verführung oder gar Erwartung eines pausenlosen Bereitseins zu was auch immer in sich birgt.

Ganz harmlos beginnt Crary seine kapitalismuskritischen Betrachtungen mit der Dachsammer, die auf ihrem Flug ins Sommer- bzw. Winterlager sieben Tage am Stück wach bleiben kann. Für dieses Vögelchen habe sich das US-Verteidigungsministerium interessiert, wegen seiner Forschungen um die Schaffung nimmermüder Soldaten. Crary schreibt über Foltermethoden, bei denen Schlafentzug eine Rolle spielt, und vor allem darüber, dass der Mensch zunehmend auf diese „Non-Stop-Lebenswelt“ 24/7 „eingestellt“ werde (selbst der „Schlafmodus“ mancher Geräte, so Crary sehr richtig, sei ja im Grunde ein Bereitschaftszustand, kein echtes Aus). Ein Prozess, der schon länger im Gange ist, wie Crary im Folgenden zeigt.

„Um die Mitte des 17. Jahrhunderts begann der Schlaf die feste Stellung zu verlieren, die er noch in aristotelischen oder Renaissancekontexten besessen hatte. Seine Unvereinbarkeit mit modernen Produktivitäts- und Rationalitätsbegriffen wurde konstatiert, und Descartes, Hume oder Locke waren nur einige der Philosophen, die den Schlaf wegen seiner Irrelevanz von Verstand und Erkenntnis in Misskredit brachten.“ [Crary, Jonathan: 24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus, Übersetzung: Thomas Laugstien, S. 17] Interessant auch, dass Schopenhauer „einer der wenigen Philosophen“ war, der vielmehr fand, „dass wir nur im Schlaf zum ‚eigentlichen Kern des Lebens‘ vordringen.“ [Ebd.]

Crarys Betrachtungen über die Unvereinbarkeit menschlicher Bedürfnisse und Rhythmen mit heutigen Anforderungen begleitet er mit Ausführungen zur Bedeutung des Schlafes im Blick auf Schlaflosigkeit und ihre Monetarisierung durch die Pharmaindustrie, zu gesundheitsschädlichen Eingriffen in menschliche Pausen- und Erholungsbedürfnisse und verweist auch auf Schriften und Perspektiven von Hannah Arendt, Jean-Paul Sartre oder Karl Marx. Insgesamt überaus lesenswert!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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21 Antworten zu 24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus

  1. gkazakou schreibt:

    „Macbeth hath murdered sleep“.. Es war also nicht M, sondern der Rationalismus und daraus folgend der Kapitalismus, die den Schlaf umgebracht haben? Das klingt nach einem Buch, das mich sehr interessieren könnte. Wie wärs als Mitbringsel 😉

  2. Petra Wiemann schreibt:

    Das klingt interessant! Schlaf und Müßiggang werden heutzutage maßlos unterschätzt.

  3. Tobi schreibt:

    Liebe Petra,

    ein interessantes Thema und Büchlein. Wobei der Titel schon etwas Zynisches hat und aus meiner Sicht der Begriff „Spätkapitalismus“ sehr treffend gewählt ist. Ich merke auch, dass Schlaf immer wieder ein Thema ist. Ich kann mich gut erinnern, wie ein Kommilitone während meines Masterstudiums überlegt hat sein Schlafpensum erheblich zu reduzieren um die Menge an Praktikas usw. schaffen zu können. Oder wie Kollegen regelmäßig (zumeist gähnend) verkünden, wie lange sie auf waren um sich dem Medienkonsum hinzugeben. Für mich ist das nicht nur eine Frage der Notwendigkeit, sondern sehr stark kulturell geprägt. Etwas, das immer wieder auftaucht: wie man mit sich, seiner Zeit und seinem Umfeld umgeht.

    Ein sehr interessanter Geheimtipp auf jeden Fall!

    Herzliche Grüße
    Tobi

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Tobi, ja, die Zeit – meist verbunden mit der Frage, wo sie denn geblieben ist – es gibt ja schon quality und was weiß ich für Zeiten. Vielleicht wird sie immer knapper, also gefühlt, je mehr man sie einteilt. Das Leben als Abfolge von Episoden und Episödchen, kein Wunder scheint sich alles zu drängen.
      Wenn man wieder Zeit überhaupt als Lebenszeit, gern komplett mit quality, wahrnähme & Schlaf als nötigen Beitrag, ganz unbedingt quality, würde man sich da weniger gehetzt fühlen?
      Liebe Grüße!

  4. Der Spätkapitalismus ist also wieder mal an allem schuld, will man den aktuellen Titeln glauben. „Late Capitalism sells“ oder so ähnlich. Dachte kurz, Du meintest eine spätkapitalisierte Übersetzung von mir. Ich kann Euch aber versichern, es ist nicht nur der K. (sei er früh oder spät), der mir den Schlaf raubt. Und vermutlich nicht nur mir. 🙂

    Außerdem mussten unsere Vorfahren (ausgenommen vielleicht die Großkapitalisten) auch viele Stunden mehr am Stück malochen, d. h. schwerste Knochenarbeit leisten. Da seien ihnen die paar Stunden mehr Schlaf im Nachhinein gegönnt.

    Was natürlich nicht gegen den Inhalt des vorliegenden Werks spricht.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Wieso dachtest du, es ginge um eine Übersetzung von dir? Hast du mal einen Text in dieser Richtung …?
      Crary beschreibt das Ganze schon als jahrhundertelangen Prozess. Aber wenn ich dann anderorts ebenfalls lese, dass der Mensch für 24/7 bereit gemacht werden müsse, scheinen mir die neuen Zeiten zumindest noch einen ordentlichen Schubs Richtung Bedeutungslosigkeit der Erholungsphasen zu geben.

  5. Susanne Haun schreibt:

    Danke für den Tip, Petra, ich gehöre noch zu den Menschen, die mindestens 8 jedoch besser 10 Stunden Schlaf benötigen und auch gerne einmal einen Mittagsschlaf halten.
    Jedoch kenne auch ich das Gefühl „getrieben“ zu sein und keine Ruhe mehr für die „wahren Dinge des Lebens“ zu haben. Ich schimpfe dann immer selber mit mir und versuche wieder zur Ruhe zu kommen.
    Liebe Grüße von Susanne

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Guten Morgen, liebe Susanne! Manchmal ist einfach auch wirklich viel zu tun. Umso wichtiger sind für mich dann wieder Ruhephasen, in denen ich mir bewusst nichts vornehme. Das gibt mir auch wieder einen Energieschub für wildere Zeiten. Liebe Grüße!

  6. buchpost schreibt:

    Hallo Petra, dann kennst du vielleicht auch How to be Idle von Tom Hodgkinson? Hat mir damals sehr gut gefallen. Ich bin zunehmend irritiert, wenn KollegInnen verkünden, dass fünf Stunden Schlaf ausreichend seien oder sie um fünf Uhr in der Früh aufstehen, weil sonst die Arbeit nicht zu schaffen sei. Ich sympathisiere eher mit dem Spruch: Wer bin ich und warum so früh? LG, Anna

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Oh, das Buch wollte ich auch immer mal … Und es hat dir gefallen? Hast du es zufällig besprochen? Würde mich interessieren : )
      Fünf Stunden würden mir auf keinen Fall reichen … Uff. Liebe Grüße!

      • buchpost schreibt:

        Nein, das Buch habe ich vor dem Beginn der Bloggerei gelesen, deshalb erinnere ich mich auch nur noch daran, dass es mir sehr gut gefallen hatte. – Fünf Stunden sind indiskutabel. 🙂

  7. Claudia schreibt:

    Liebe Petra,
    Du hast es also getan und das Buch gelesen! Bei mir steht es auch im Buchregal, denn Schlaf – und gerne: viel Schlaf – ist auch mein Thema. Und genau so, wie Du Deinen ersten Absatz geschrieben hast, geht es mir auch: nie so richtig zur Ruhe kommen können, irgendwie immer gehetzt sein, weil dies nocht getan und jenes noch erledigt werden kann oder muuss. Nach Deiner Buchvorstellung ist meine Neugier auf Crarys Beobachtungen und Erklärungen doch wieder ganz deutlich gewachsen. Ob er wohl auch Lösungen anbietet?
    VIele Grüße, Claudia

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Leider nicht, liebe Claudia, er konstatiert eher. Aber da er außerdem auch von der Entwicklung in Richtung Ruhelosigkeit schreibt, ist das okay. Ein Essay muss ja keine Lösungen anbieten, sondern eher Gedanken zu einem Thema versammeln. Ich fand die Lektüre überaus kurzweilig und interessant & kann sie dir sehr empfehlen – in ein, zwei ruhigen Stunden : )

  8. Julia schreibt:

    Danke für den Buchtipp! Das Buch werde ich mir gleich besorgen. Bin auch gespannt darauf, wie Crary auf die 10h kommt. Denn bis zur Industrialisierung hat man, soweit ich weiß, zwar so viel Zeit im Bett verbracht, aber nicht nur geschlafen: Nach so 3,5h Schlaf war man eine Weile wach. Und hat dann nochmal 3,5h geschlafen. Übrigens ein absoluter Wohlfühl-Schlafrhythmus – wenn man die Zeit dafür hat.

  9. entdeckeengland schreibt:

    Schlaf scheint doch ein sehr aktuelles Thema zu sein. Arianna Huffington hat ja ebenfalls ein Buch dazu geschrieben. Ich hab’s nicht gelesen, aber das scheint zumindest auch Lösungsansätze zu bieten. Ich persönlich bin mir gar nicht so sicher, ob ich dem Kapitalismus die Schuld geben würde, zumindest nicht die alleinige. Wir haben heute einfach zu viele Möglichkeiten und wollen gerne alles machen und alles sein. So schön wie es ist, aus so vielen Freizeitbeschäftigungen auswählen zu können, unser Gehirn scheint einfach noch nicht so weit entwickelt zu sein, dass es die dafür notwendigen Prioritäten setzen kann.
    Ich selbst gehöre zu den Menschen, deren Körper einfach abschaltet, wenn er nicht genug Schlaf bekommt. Mir genügen aber im Schnitt 7 Stunden, im Winter eher 8. Um Deine Fähigkeit der Musse beneide ich Dich, Petra. Bislang verläuft mein Kampf, mir Mußestunden zu verschaffen, nicht sehr erfolgreich. Aber ich gebe nicht auf. 🙂

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Dranbleiben, liebe Peggy! : ) Das stimmt, wir haben unglaublich viele Möglichkeiten und wenn wir vielseitig interessiert sind, fällt es manchmal schwer zu fokussieren. Aber wir haben eben auch oft die Möglichkeit, das Tempo selbst zu bestimmen (sofern wir nicht von außen gesteuert werden durch Job, Familie etc.) & die sollten wir dann auch nutzen. Liebe Grüße!

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