Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich …

Vor einigen Jahren hatte ich auf dem inzwischen leider ruhenden Blog Jüdische Lebenswelten einige Besprechungen veröffentlicht. Da ich die Romane immer noch sehr lesenswert finde, möchte ich euch gern einige von ihnen (erneut) ins Gedächtnis rufen und veröffentliche meine Empfehlungen, teilweise um einige Informationen ergänzt, nun noch einmal hier. Diesmal stelle ich euch Edgardo Cozarinskys kurzen, aber intensiven Roman Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich … vor.

„‚Geschichten werden nicht erfunden, sie werden vererbt.‘ Der alte Mann sprach mit leiser, aber fester Stimme. ‚Es ist gefährlich, Geschichten zu erfinden. Wenn sie gut sind, werden sie am Ende Wirklichkeit und nach einer Weile werden sie überliefert, und dann ist es egal, ob sie erfunden wurden, denn es wird immer jemanden geben, der sie erlebt hat.‘“ [Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich …, S. 9]

Mit diesen Worten, gesprochen von dem ehemaligen Bandoneon-Spieler Samuel Warschauer, beginnt der Roman. Kurz darauf stirbt er in einem Altenheim in Buenos Aires. Der junge Mann, ein angehender Journalist, aus dessen Perspektive der Roman erzählt ist, hat keine Gelegenheit mehr, Warschauer eingehender nach der Geschichte des jiddischen Theaters zu fragen. Doch er muss weiter recherchieren, schließlich hat er das jiddische Theater als Thema für seine Abschlussarbeit gewählt. Also macht er sich mit Hilfe der Hinterlassenschaft Warschauers, einem Schuhkarton voller alter Theaterprogramme, selbst auf die Suche.

„‚Wie kann ein junger Mann, der nicht einmal Jude ist, sich für diese Dinge interessieren … Das jiddische Theater ist tot, nicht einmal die Juden interessieren sich noch dafür.‘ Mein Professor an der Journalistenschule redete auf mich ein, ich solle mir ein weniger exotisches Thema für meine Abschlussarbeit suchen. Ich wusste nicht, was ich ihm antworten sollte. Ich würde nicht anführen, dass ich zwar unbestreitbar einen italienischen Nachnamen hatte, meine Mutter aber Finkelstein hieß …“ [S. 16 f.]

Und obwohl der junge Mann noch öfter hören wird, dass das jiddische Theater tot sei, hält ihn das nicht von seinen Recherchen ab. Ein Stück namens Der moldawische Zuhälter führt ihn auf die Spur mehrerer wahrer Geschichten – aus diesem Stück stammt auch die Zeile „Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich“, die dem Roman seinen Titel gibt (im Original, 2004 erschienen, lautet der Titel El rufián moldavo). Zuhälter und Prostituierte, Tango und Exil, Armut und Sehnsucht sind die Protagonisten all jener Geschichten, die der junge Mann erfährt: solche, die wahr sind, und solche, die wahr sein sollten und am Ende, wie Warschauer gesagt hat, Wirklichkeit werden.

Eine faszinierende Spurensuche jüdischen Lebens in Buenos Aires und sehr empfehlenswert!

Der kleine, nur 124 Seiten lange, aber unglaublich dichte Roman erschien 2007 in der Übersetzung von Sabine Giersberg im Verlag Klaus Wagenbach. Sein Autor, der argentinische Schriftsteller und Filmemacher Edgardo Cozarinsky, war mir vor der Lektüre dieses Romans unbekannt. Er wurde 1939 in Buenos Aires geboren. Seine Familie waren jüdische Einwanderer aus Odessa und Kiew. Cozarinsky studierte Literaturwissenschaft und verließ Argentinien 1974 wegen der politischen Situation. Er lebte in Frankreich im Exil, später dann wieder teils in seiner Heimatstadt und teils in Paris. Die Übersetzung seiner Romane, Erzählungen und Essays machten ihn  zu einem der bekannten Vertreter argentinischer Literatur.

Erstveröffentlichung der Rezension im „Virtuellen Literarischen Salon“, danach bei den Jüdischen Lebenswelten.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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10 Antworten zu Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich …

  1. Pingback: [Philea’s] Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich … – #Literatur

  2. buchuhu schreibt:

    Klingt sehr interessant, danke für den Tipp!

  3. Madame Filigran schreibt:

    …bestellt 📖

  4. Maren Wulf schreibt:

    Hach, gut, dass du noch einmal gegraben hast, Petra! Den Roman hatte ich mir vor Urzeiten schon mal notiert, dann war er in Vergessenheit geraten… Ganz nebenbei: Ein wunderbares Foto begleitet deine Leseempfehlung.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das passt ja prima, liebe Maren, ich freue mich! Das Foto habe ich im letzten Griechenland-Urlaub im Garten meiner Schwiegereltern gemacht. Gerda hat die Wedel ein bisschen gekappt, weil sie der Zitrone die Sonne genommen haben.

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