Frauen lesen anders

Lesen Frauen wirklich anders? Und wenn ja, schreiben sie auch anders? Ruth Klüger hat sich in zwei Büchern mit dieser Frage befasst. Das eine ist eine Sammlung verschiedener hochinteressanter Essays, das den Titel Frauen lesen anders trägt nach dem vielleicht bekanntesten Essay daraus. Das zweite Buch ist eigentlich eine Sammlung von Kolumnen, die in der Literarischen Welt erschienen und unter dem Titel Was Frauen schreiben zu einem Buch zusammengefasst worden sind.

Tl;dr: Alle lesen anders; unbedingt Ruth Klügers Essays lesen.

Also: Lesen Frauen wirklich anders? Ich würde mal behaupten, dass sowieso jeder und jede anders liest, weil wir alle von unterschiedlichen Faktoren geprägt worden sind. Wir haben eben nicht alle die gleichen familiären Bedingungen, den gleichen Hintergrund &c. – und schon gar nicht mögen wir alle das Gleiche. Rein statistisch gesehen lesen allerdings Frauen tatsächlich ein bisschen anders.

Etwas Statistik

So ist zumindest den Ergebnissen der Studie „Lesen in Deutschland 2008“ der Stiftung Lesen zu entnehmen, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde. Demnach lesen Frauen mit 42 % deutlich mehr Romane, Erzählungen und Gedichte als Männer. Von ihnen tun das nur 19 %. Männer wiederum scheinen lieber Sach- und Fachbücher zu lesen, in dieser Gruppe sind sie mit 38 % vertreten. Aber auch hier liegen Frauen noch immer leicht vor den Männern mit 40 %. [Quelle: https://www.stiftunglesen.de/download.php?type=documentpdf&id=11, S. 16]

Wir können aus diesen schon fast zehn Jahre alten Zahlen schließen, dass Frauen vor allem mehr lesen als Männer und auf jeden Fall lieber Romane, Erzählungen und Gedichte als Männer. Daraus wiederum könnte man folgern, dass Männer eher an Information interessiert sind und Frauen darüber hinaus an Geschichten, in die sie sich hineinversetzen, an Lebensentwürfen, die sie durchleben und vielleicht für sich durchspielen können.

Frauen lesen also viel und vielseitig.

Wie anders ist anders?

Doch inwiefern lesen sie anders, was meint Ruth Klüger damit? In den Gefahren des Lesens schrieb ich dazu:

„Jede und jeder von uns liest und versteht Texte nicht in der gleichen Art und Weise. Einer der Gründe, warum nicht allen die gleichen Texte ge- oder missfallen. Unser literarischer Kanon aber, der besagt, was man gelesen haben sollte, besteht nicht nur größtenteils aus Büchern, die von Männern verfasst wurden, der Kanon selbst wurde von Männern festgelegt.

Das beginnt bereits bei der Schullektüre, Klüger nennt hier Cäsars Gallischen Krieg. Ein gutes Beispiel, der Text ließ mich nämlich, bis auf die Passagen über die Sitten und Gebräuche der Gallier und Germanen, völlig kalt. So endete meine Karriere als wirklich gute Lateinschülerin ziemlich genau mit der Hinwendung zur Kriegsberichterstattung. Erst, als wir zwischendurch Ovids Metamorphosen lasen, erwärmte ich mich wieder für den Lateinunterricht – und meine Noten besserten sich merklich.

Klüger weist auch auf den Umstand hin, dass Frauen zwar in der Lage seien, männlichen Helden das ‚allgemein Menschliche‘ abzugewinnen, dass dagegen aber ‚die meisten männlichen Leser oft wenig anfangen können mit Büchern, die von Frauen geschrieben sind und in denen Frauen die Hauptrollen spielen.‘“ [Gefahren des Lesens, S. 64 f.]

Nach einer spontanen Umfrage in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, die natürlich nicht repräsentativ ist, fürchte ich, an Ruth Klügers Einschätzung ist was dran. Schon die Begriffe „Frauenliteratur“ und erst recht „Frauenromane“, die ja zunächst einmal nichts anderes heißen müssen, als dass die Romane von Frauen und/oder über Frauen geschrieben sind, schreckte die überwiegende Mehrzahl der männlichen Befragten ab. Die Frauen hingegen hatten alle weder ein Problem mit Romanen, die von Männern geschrieben wurden, noch schreckten sie männliche Hauptfiguren.

Wer war’s?

Merkt man denn überhaupt, ob ein Roman von einer Frau oder von einem Mann geschrieben wurde? Kommt darauf an, würde ich sagen. Es gibt durchaus Bücher, bei denen ich mir ziemlich sicher bin, dass ein Mann sie anders geschrieben haben würde als die jeweiligen Autorinnen. Zuletzt trifft das für mich auf den Roman Schlaflos von Sarah Moss zu, in dem es – außer um den Fund eines Babyskeletts im Garten – vor allem um die Schwierigkeiten der Hauptfigur geht, neben Haushalt und Kindern auch noch an ihrer akademischen Karriere zu basteln, wogegen ihr Gatte sich in seine ornithologischen Studien vertieft und seiner Frau das Gros der Arbeit im Haushalt und mit den Kindern überlässt. Klischee, Klischee, mag man da denken, aber leider bis heute keine Seltenheit. Natürlich fallen mir umgekehrt auch viele Beispiele ein, bei denen ich nicht hätte eindeutig sagen können (wenn ich es nicht vorher gewusst hätte), ob das Buch von einer Schriftstellerin oder einem Schriftsteller verfasst wurde. Das trifft für mich besonders auf die beiden Romane Die geheime Geschichte und The Goldfinch von Donna Tartt zu, in denen jeweils Männer die Hauptrolle spielen.

In Was Frauen schreiben kommt Ruth Klüger zu einer ähnlichen Einschätzung:

„Aber kann man aus einem anonymen Text ablesen, ob er von einem Mann oder einer Frau verfasst worden ist? Man kann es nicht. Autoren sind einmalige Individuen, und alles, was sie erlebt und gedacht haben, mag ihre jeweils einmaligen Schöpfungen beeinflussen, natürlich auch ihr Geschlecht, aber eben nicht nur das.“ [Was Frauen schreiben, S. 9].

Aber dann kommt noch die zwar schöne, aber etwas kryptische Formulierung von Schriftstellerinnen und ihrem „Blick aufs Leben durch anders geschliffene Gläser“ [S. 10]. Damit meint Ruth Klüger, dass die „Behandlung von Frauen [durch Schriftstellerinnen] respektvoller“ sei, „die Einsichten in ihr Intimleben überzeugender“, außerdem seien Frauen „seltener Nebenpersonen, und wenn, dann sind sie sorg- und vielfältig entwickelt“. [Ebd.] Auch hier bin ich nicht sicher, ob sich das generell auf alle Bücher von Frauen übertragen lässt. Das hat für mich eher etwas mit Sorgfalt der Autorin bzw. des Autors und der Qualität des Romans zu tun als mit der Tatsache, dass da eine Frau oder ein Mann geschrieben hat. Schließlich gibt es in Büchern von Frauen wie von Männern durchaus schlampig oder flach entwickelte Figuren, was sogar bei Nebenfiguren den Lesegenuss beeinträchtigt.

Jedenfalls finde ich das Thema sehr interessant und lege euch besonders die Essaysammlung Frauen lesen anders von Ruth Klüger ans Herz. Und wenn ihr mehr zum Thema Lesen, Viel-Leser und vieles mehr erfahren möchtet, empfehle ich natürlich Gefahren des Lesens.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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8 Antworten zu Frauen lesen anders

  1. Pauline Hofeditz schreibt:

    Ruth Klüger ist auf jeden Fall lesenswert.

    Was mich betrifft, ziehe ich Bücher mit einer weiblichen Hauptperson vor, egal ob der Autor ein Mann oder eine Frau ist. Ich kann das aber im Moment selbst nicht begründen.

  2. Pingback: [Philea’s] Frauen lesen anders – #Literatur

  3. Achim Spengler schreibt:

    Ich scheitere an der Beantwortung der Frage, warum es überhaupt zu einer solchen Debatte kommen muss. Was wäre daraus gewonnen festzustellen, dass es Unterschiede im weiblichen und männlichen Lesen und im weiblichen und männlichen Schreiben gibt? Außer der banalen Feststellung , dass die Unterschiede IMMER vorhanden sind, auch zwischen Frau und Frau und zwischen Mann und Mann. „.. dass Frauen zwar in der Lage seien, männlichen Helden das ‚allgemein Menschliche‘ abzugewinnen, dass dagegen aber ‚die meisten männlichen Leser oft wenig anfangen können mit Büchern, die von Frauen geschrieben sind und in denen Frauen die Hauptrollen spielen.“ Diese (wie bewiesene?) Tatsachenbehauptung Krügers ist so unnötig wie ein Kropf. Frauen und Männer lesen nicht anders, sondern lesen meinetwegen andere Bücher. Wenn „anders lesen“ bedeutet, dass Frauen und Männer anders interpretieren, andere thematische Schwerpunkte in der Reflexion über den Roman verfolgen, andere Charaktere mögen etc.so what, , dann ist das das Resultat all der wunderbaren Bücher von Autorinnen, die solche Freiheitsgrade der Begeisterung, aber auch jene der Kritik ermöglichen.

  4. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Lieber Achim,

    danke für deinen kritischen Kommentar. Natürlich kann man sich fragen, ob so eine Debatte nötig ist. Man kann ja das Leseverhalten auch unter anderen Kriterien betrachten, z. B. Bildungsabschluss, Migrationshintergrund &c., das macht die Studie übrigens auch.
    Und obwohl wir beide offenbar ähnlicher Meinung sind, finde ich die Frage, ob Männer und Frauen anders lesen, durchaus interessant. Sie gehört für mich zum Thema Frauen und Literatur. Ebenfalls interessant finde ich, dass es rein statistisch gesehen Unterschiede zu geben scheint. Aber ich kann mir vorstellen, dass man sich als vielseitiger Leser angegriffen fühlt, wenn einem die nötige Empathie abgesprochen wird, sich in weibliche Romanfiguren hinein zu versetzen oder ihnen das „allgemein Menschliche“ abzugewinnen. Jedenfalls ist unsere Meinung, dass dem nicht so ist, ja auch nicht wissenschaftlich bewiesen, wenn auch wünschenswert.

    Ruth Klügers Essay wiederum begründet ihre Sicht übrigens mit sehr guten Argumenten. Ich habe mich in meinem Beitrag nur auf einen Teilaspekt konzentriert, eigentlich schade, weil erst die komplette Lektüre ihre Folgerungen verständlich macht. Vielleicht hast du ja mal irgendwann die Möglichkeit, ihn zu lesen und vielleicht kannst du ihre Argumentation dann besser verstehen, auch wenn du nicht einer Meinung mit ihr bist. Es geht darin auch um die Darstellung von Frauen in Kunst und Literatur, über Kanons, die von Männern erstellt wurden, um rein ästhetische Kriterien zur Beurteilung der literarischen Qualität, die Inhalte eher außer Acht lassen wollen, und vieles, vieles mehr.

    Selbst wenn wir die letzten Jahrhunderte zum Thema Menschen und Literatur bzw. Frauen und Bildung ausklammern und uns z. B. nur auf die letzten zehn Jahre konzentrieren, werden wir an vielen Beispielen feststellen, dass Literatur (und übrigens auch die Kunst und viele weitere Bereiche) noch immer eher männlich dominiert ist (Jurys, Preisträger etc.). Und das, obwohl doch die Frauen die fleißigeren Leserinnen sein sollen. Da scheint mir so eine Debatte noch nicht überflüssig – aber dass sie es irgendwann wirklich wird, das wünsche ich mir natürlich besonders.

    Liebe Grüße!

  5. Achim Spengler schreibt:

    Liebe Petra,

    natürlich sind der Literaturmarkt, Musikmarkt und Kunstmarkt immer noch männlich dominiert, das stelle ich nicht in Abrede. Aber es geht ums Lesen, ums Schreiben, noch bevor man sich auf den Markt der männlich dominierten Eitelkeiten begibt. Noch bevor man sich von einigen chauvinistisch durchtränkten Feuilletonkritikern um die Augen werfen lassen muss, dass man als schriftstellernde Frau vielleicht doch nicht die ästhetische Reife oder die Fähigkeit zur sakrosankten Formgebung besitzt. Dieser Diskurs ist so hirnlos wie sexistisch. Wir Leserinnen und Schreiberinnen sollten diesem Honigtopf der Domestizierung nicht auf den Leim gehen. Das heißt aber für uns, uns nicht permanent ausdifferenzieren zu lassen, weder in unserer Formlust, unseren ästhetischen Prämissen, unserer Vielfalt der Perspektiven im Schaffens- und Rezeptionsprozess. Das, was uns unterscheidet in all diesen Bezügen, unterscheidet uns auch in allen anderen relevanten Bezügen, ist aber zuallererst menschliche Vielfalt und nicht geschuldet dem Urteil a posteriori, den Kategorisierungen und Schubläden arroganter Ästhetizisten, Kanoniker, Kritiker, Verleger, Kuratoren et al.
    Frauenliteratur, Frauen und Literatur, Mädchen und ihre durch Lesen bestimmte Sozialisierung, all diese Betrachtungen perpetuieren die Unterschiede zwischen den lesenden Geschlechtern, als das sie die Gleichgewichtigkeit und Gleichwertigkeit dieser Unterschiede behauptet und erhellt. Ich befürchte, dass das Herausarbeiten der Stigmen, der Etikettierungen, der Labels deren dauerhafte Festschreibung bereits in sich birgt. Tabula rasa.

    PS: Ich bin Madame Bovary 🙂

    Liebe Grüße und danke für deine Gedanken

    Achim

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Achim, da seid ihr ja schon zwei, also du und Flaubert : )

      Ich finde deine Gedanken durchaus gut und richtig und würden wir in einer Welt leben, in der Frauen und Männer wirklich in jeder Hinsicht gleichberechtigt sind, würde ich das glatt unterschreiben. Aber so ist es noch nicht und für mich ist es interessant zu sehen, wo noch Baustellen sind, welche Mechanismen die Ungleichheiten immer noch befördern. Eher so eine Art Bestandsaufnahme, um dann eben herauszufinden, wie man evtl. etwas verändern kann.

      Nun bilde ich mir natürlich nicht ein, mit ein paar Blogbeiträgen den Weltfrieden herbeizuführen. Ich möchte nur ein paar dieser Aspekte aufzeigen und dann mehrere Romane und Texte von Frauen empfehlen, um zu zeigen, wie lohnend ihre Lektüre sein kann.

      Gerade zur Ferienlesezeit gibt es ja in diversen Zeitungen und Zeitschriften Buch-Tipps, ich habe mal bei der Zeit geschaut, neun Bücher von Schriftstellern, drei von Schriftstellerinnen. selbst In der Brigitte war das auch nicht viel ausgewogener, 12 von Männern, sieben von Frauen. Wenn sich solche Kleinigkeiten mal irgendwann ändern, dass mal mehr Bücher von Männern und mal mehr von Frauen empfohlen werden, dann sind wir vielleicht auf einem guten Weg.

      Liebe Grüße & noch einen wunderschönen Sonntag!

  6. Achim Spengler schreibt:

    Liebe Petra,

    eigentlich wir sind uns da doch sehr nahe. Der Weg ist noch weit, ich unterstreibe das.

    Ich wünsche dir auch noch einen schönen Restsonntag.

    Gruß

    Achim

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