The Awakening

Im letzten Urlaub las ich auf meinem E-Book-Reader den Roman The Awakening von Kate Chopin, ein früher amerikanischer feministischer Roman von 1899, der mir ganz besonders gut gefallen hat. Darin geht es um eine junge verheiratete Frau, die immer mehr versucht, ein unabhängiges Leben zu führen und dabei an die Grenzen ihrer Zeit und Gesellschaft stößt. Langsam und eindringlich erzählt – und sehr empfehlenswert.

Der Roman beginnt in einer Atmosphäre, die ich als fast träumerisch, die Umgebung als geradezu paradiesisch empfand. Es ist Ferienzeit, Familie Pontellier macht, wie so viele wohlhabende Familien, Urlaub auf Grand Isle am Golf von Mexiko. Die Familie, das sind Edna Pontellier, die Hauptfigur des Romans, ihr Mann Léonce, ein Geschäftsmann mit kreolischen Wurzeln, und die beiden Söhne Etienne und Raoul. Alles scheint sommerleicht und sonnenmatt zugleich. Edna verbringt viel Zeit mit ihrer Freundin Adèle und dem charmanten Robert, der sich anscheinend in jeder Saison eine andere Frau ausguckt, die er mit seiner Anhänglichkeit beglücken kann. Aber Edna verfällt nicht seinem Charme, die Beziehung bleibt zunächst freundschaftlich. Als sich ihre Gefühle füreinander verändern, verlässt Robert die Idylle Richtung Mexiko, angeblich aus geschäftlichen Gründen.

Als er fort ist, beginnt Edna ihn zu vermissen. Die Familie kehrt zurück nach New Orleans. Edna entzieht sich peu à peu den gesellschaftlichen Verpflichtungen und Erwartungen, sucht die Freundschaft einer weiteren Außenseiterin und lässt sich immer weniger von ihrer Freundin Adèle einlullen, die versucht, sie an ihre Pflichten als Ehefrau und Mutter zu erinnern. Die bisherige Erlebenswelt erscheint ihr immer hohler und leerer. Stattdessen will sie herausfinden, wer sie eigentlich ist, was ihr wirklich wichtig ist und was sie will. Damit stößt sie natürlich auf wachsendes Unverständnis ihrer konventionellen Umgebung. Ein hinzugezogener Arzt rät Léonce zu Geduld, das werde sich schon wieder legen.

So viel sei verraten: Das wird es nicht. Ich will jetzt nicht die Handlung komplett zusammenfassen, lest lieber selbst, wie Ednas Geschichte weitergeht.

Mir gefiel die langsame Erzählweise, die ihren eigenen Sog entwickelt, je mehr Edna sich vom Frauenbild ihrer Zeit entfernt. Ein schönes Bild war für mich, dass sie in den Ferien endlich lernt zu schwimmen – und sich dann auch im übertragenen Sinne freischwimmt. Ihr Mann ist durchaus sympathisch und für seine Zeit vielleicht sogar tolerant. Er versteht nur einfach nicht, was Edna bewegt.

Besonders befremdlich – von heute aus gesehen – ist das Beharren vieler der weiblichen Figuren auf dem hergebrachten Bild der Frau, dem sie gern entsprechen möchten. Oder fehlt ihnen nur der Mut, ihr trotz allem recht bequemes Leben durch ein unsicheres einzutauschen, sich dem Gerede und der Verurteilung durch die Gesellschaft auszusetzen? Aber möglicherweise hat ihre Erziehung sie so sehr geprägt, dass ihnen die kleinen Freiheiten genügen, die sie sich in ihren durchaus harmonisch scheinenden Ehen geschaffen haben. Und sie sehen schließlich, wie mit Frauen umgegangen wird, denen die Regeln unwichtig sind. Sie spielen kaum oder nur eine untergeordnete Rolle in ihrer Gesellschaft bzw. werden auf ihre negativen Eigenschaften reduziert. Insofern ist Kate Chopins Blick tatsächlich, um Ruth Klügers Ausdruck zu gebrauchen, ein Blick durch anders geschliffene Gläser, vergleicht man ihre Darstellung Ednas und ihrer Geschichte mit Romanen wie Effie Briest oder Madame Bovary. Ich konnte mit Edna mehr mitfühlen als mit Emma oder Effie. Sie ist weder leichtfertig noch naiv. Sie tastet sich voran, so kam es mir vor. Kate Chopins Blick ist geschärft für die Bedürfnisse einer Frau, für die Fehlbarkeit der Gesellschaft, die mangelnde Unterstützung durch andere Frauen, selbst durch enge Freundinnen.

Auch den Titel finde ich sehr gelungen für diesen Roman, was die Stimmung, die Handlung natürlich und die Erzählweise betrifft. Dieses Gefühl im Traum, eigentlich ist vielleicht alles ganz schön, aber irgendetwas stimmt nicht. Man wird langsam wach, muss sich erst orientieren, zu sich kommen … wie Edna, die ebenfalls merkt, dass etwas in ihrem Leben nicht stimmt.

Und das konnte im wirklichen Leben passieren, wenn man die gesellschaftlichen Moralvorstellungen in Frage stellte

Interessant in diesem Zusammenhang ist Kate Chopins (1850 – 1904) eigene Geschichte. Sie war von 1870 an mit Oscar Chopin verheiratet, lebte mit ihm in New Orleans und sie hatten sechs Kinder. Nach einem schiefgelaufenen Geschäft zog die Familie nach Cloutierville, wo sie einige Pflanzungen bewirtschaftete und einen Gemischtwarenladen führte. 1882 starb Oscar und hinterließ seiner Frau eine Menge Schulden. Obwohl Kate Chopin hart arbeitete, um die Pflanzungen und den Laden erfolgreich zu machen, musste sie verkaufen und zog mit den Kindern zu ihrer Mutter nach St. Louis. Im Jahr darauf starb ihre Mutter. Die beiden Verluste in relative kurzer Zeit waren für sie schwer zu verkraften. Auf Rat eines Arztes begann sie zu schreiben als eine Art Therapie. Ihre ersten Short Storys und Artikel aus den 1890er-Jahren waren recht erfolgreich. Doch dann begann sie Geschichten zu schreiben, die „mehr und mehr anerkannte gesellschaftliche Moralvorstellungen in Frage“ stellten, „was dazu führte, dass ihr Verleger stärker Zensur ausübte“, wie in der Wikipedia weiter zu lesen ist, löste The Awakening einen Skandal aus. Die Kritik war vernichtend und natürlich stark von ihrer Zeit beeinflusst: „Der Protagonistin des Romans wurde Egoismus, Unverantwortlichkeit und unmoralisches Handeln vorgeworfen. Der Aufruhr um den Roman zog weite Kreise: Kate Chopins einstige Freundinnen ließen sich verleugnen; die Buchhandlungen und Büchereien ihrer Heimatstadt St. Louis sonderten das Buch aus.“ Im Jahr darauf gelang es Kate Chopin nicht mehr, ihre Kurzgeschichtensammlung A Vocation and a Voice zu veröffentlichen. 1904 starb sie an einer Gehirnblutung. Erst ab den 1970er-Jahren interessierte man sich wieder für sie und ihre Werke und so bekam sie erst lange nach ihrem Tod die verdiente Anerkennung.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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9 Antworten zu The Awakening

  1. Pingback: [Philea’s] The Awakening – #Literatur

  2. SätzeundSchätze schreibt:

    Das Feine am Lesen bestimmter Blogs ist, dass ich immer wieder auf mir völlig unbekannte Autorinnen stoße – und dass ich bei diesen bestimmten Blogs weiß, dass das durchaus auch meinem Geschmack entsprechen könnte… also: danke und Kate Chopin schreibe ich gleich mal auf meinen Merkzettel.
    Einen schönen Abend wünscht Birgit

  3. Susanne Haun schreibt:

    Guten Morgen, Petra,
    ich habe mir gerade in der Onleihe die englische Version als Hörbuch heruntergeladen. Mal schauen, ob mein Englisch gut genug ist, die Feinheiten des Romans zu verstehen. Ich freue mich darauf.
    Liebe Grüße sendet dir Susanne

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Guten Abend, liebe Susanne! Hattest du schon Gelegenheit, mit dem Hörbuch anzufangen? Liebe Grüße!

      • Susanne Haun schreibt:

        Nein, noch nicht. Im Moment lasse ich mir einige Fachbücher im pdf Format von meinem Handy vorlesen. Verrückt, was alles geht. Ich werde Freitag meiner Professorin Ideen und Ausarbeitungen für meine Masterarbeit vorstellen und bis dahin ist alles daran ausgerichtet.
        Einen schönen Wochenbeginn, liebe Grüße Susanne

  4. perlengazelle schreibt:

    Das erinnert mich an die Zeit, als die Bücher der Rowohlt Reihe „Neue Frau“ für mich ein Muss waren. Dort war auch „Das Erwachen“ erschienen – in den 80er Jahren, glaube ich. Ich werde es gleich mal suchen … und auch die anderen der Reihe. Wer weiß, was da noch alles zum Vorschein kommt. Neben den Erinnerungen an alte Zeiten. 🙂

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