Ein gewisses Lächeln

Jüngst erschien in der schönen, neuen Gallimard-inspirierten Taschenbuchreihe beim Verlag Klaus Wagenbach dieser kleine Roman von Françoise Sagan in der Übersetzung von Helga Treichl. Un certain sourire war Françoise Sagans zweiter Roman nach ihrem Megaerfolg Bonjour Tristesse, mit dem sie auf einen Schlag berühmt und reich geworden war. Ein gewisses Lächeln erzählt die Geschichte einer Affäre und vom Versuch, ihr nicht allzu viel Bedeutung beizumessen.

In jenem für Françoise Sagan von Anfang an so typischen Stil – lakonisch und ein bisschen melancholisch – erzählt Dominique von ihrer Affäre mit einem verheirateten Mann. Dominique studiert ohne großen Elan an der Sorbonne, führt eine eher fade Beziehung mit ihrem Kommilitonen Bertrand und empfindet Langeweile weniger als Gefühl denn als Zustand, den man am besten beendet, indem man sich in ein Abenteuer stürzt.

Das klingt nun ziemlich unternehmungslustig, aber bei Dominique habe ich eher das Gefühl, dass sie sich treiben lässt und nur im richtigen Moment bestimmte Chancen wahrnimmt. Als Bertrand ihr seinen Onkel Luc und dessen Frau Françoise vorstellt, kommt jedenfalls etwas Schwung in ihren Alltag. Immer öfter treffen sie sich zu viert. Dominique findet Luc attraktiv, seine Frau mag sie sehr. Eines Tages lädt Luc sie zu einem Treffen zu zweit ein und sagt ihr, dass er gern ein „Abenteuer“ mit ihr haben würde. Dominique lässt sich darauf ein. Ein schlechtes Gewissen wegen Bertrand hat sie kaum, eher wegen Françoise, die sie sehr schätzt und die sich ihrerseits rührend um Dominique gekümmert hat. Doch Dominique glaubt, emotional mit der Affäre klarzukommen, zugleich leidenschaftlich und distanziert bleiben zu können.

Eine Affäre ist eine Affäre, die zeitliche Begrenzung bereits impliziert und ebenso das Risiko, dass die Beteiligten unterschiedlich starke Gefühle füreinander entwickeln. Und was, wenn Françoise davon erfahren würde? Dominique stürzt sich mit offenen Augen in ihr Abenteuer, genießt den Ausbruch aus der Langeweile und ist bereit, den möglichen Preis dafür zu bezahlen.

Eine gut erzählte Geschichte, kein Wort zu viel und dennoch mit Gefühl. Besonders interessant hier vielleicht auch, dass eine junge, moderne Frau selbst aus ihrer Sicht die Ereignisse schildert. Kein Ehebruchsroman, bei dem am Ende gesellschaftliche Sanktionen für die „fallen woman“ drohen oder gar Leben zerstört werden. Ganz im Gegenteil, man gibt sich modern und offen. Dominique will sich auch gar nicht von ihren Leidenschaften überwältigen lassen und macht sich keine großen Gedanken darüber, was andere denken könnten – außer eben Françoise. So schildert sie fast sachlich eine sehr emotionale Phase ihres Lebens. Und möglicherweise erlaubt ihr diese Distanz, besser über die Geschichte hinwegzukommen.

Das ist natürlich spekuliert, aber ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass sie die Ereignisse nicht in ihrer Einstellung grundsätzlich verändert haben, sondern dass sie auch in Zukunft ihrem Herzen folgen und sich treiben lassen wird, und sei es nur, um eine gewisse Zeit das Gute zu genießen, selbst wenn das weniger Gute abzusehen ist. Und zwar in erster Linie für sie selbst, ihre Gedanken- und ihre Gefühlswelt, nicht irgendwelche Konsequenzen, die von der Gesellschaft ausgehen. So wird eine Affäre endlich zur Privatsache, nicht mehr zum Thema in Salons oder gar zum Grund für Duelle oder Selbstmorde.

Mehr über meine „alte Liebe“ zu Françoise Sagan könnt ihr hier lesen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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