Schlaflos

Dieser Roman von Sarah Moss (übersetzt von Nicole Seifert) besitzt schon mal die nötigen Ingredienzen für ein paar spannende Lesestunden: Familie auf einsamer Insel in Schottland, schockierender Fund im Garten, Familiengeheimnisse. Prima! Der Roman war zwar etwas anders, als ich erwartet hatte, aber dennoch spannend. Und er zeigt, wie schwer es für eine junge Mutter ist, ihren Interessen nachzugehen.

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Hauptfigur Anna dann doch sehr ausführlich von ihrem Leben als zweifache Mutter erzählt und wie sie sich zwischen Kindern, Haushalt und akademischer Forschung aufreibt. Anfangs war mir das fast ein bisschen zu viel, denn die Geschichte um den Fund eines Babyskeletts im Garten kam mir zunächst etwas zu kurz. Doch das ändert sich im Laufe des Buches. Außerdem interessiert mich bei meiner Frauen-lesen-Challenge ja gerade die weibliche Sicht auf bestimmte Gegebenheiten.

Interessant sind die verschiedenen Geschichtseinsprengsel im Roman. So wird in alten Briefen die damalige Situation für die Bevölkerung auf der kargen schottischen Insel thematisiert, die hohe Kindersterblichkeit, das sehr einfache Leben der Menschen, ihr Aberglaube, der sie davon abhält, die Dienste einer medizinisch geschulten Hebamme in Anspruch zu nehmen. Die Kapitel werden mit Zitaten aus diversen Büchern zu Kindheit und Erziehung im 18. und 19. Jahrhundert eingeleitet. Denn Anna ist gerade dabei, darüber eine Forschungsarbeit zu verfassen. Allerdings hat sie wenig Zeit dazu. Auch ihr Gatte forscht und ist meist unterwegs, um Papageientaucher zu beobachten.

Annas Alltag bot mir viel Anlass zum Kopfschütteln. Nicht über sie oder ihren Umgang mit ihren Kindern und dem Haushalt, sondern über ihre Geduld mit ihrem Ehemann, der sie kaum zu unterstützen scheint. Und dann dachten die beiden auch noch, es sei eine gute Idee, die kleinen Häuschen auf der Insel für Sommergäste aufzuhübschen und zu vermieten. Das bedeutet nicht nur noch mehr Arbeit, sondern plötzlich auch ein bisschen Familientherapie für die ersten Sommergäste.

Nach dem schockierenden Fund des Babyskeletts im Garten befasst sich Anna in ihrer knappen Freizeit immer mehr mit den möglichen Hintergründen und recherchiert die Geschichte der Insel, statt ihre Forschungsarbeit fertig zu schreiben. Die Auflösung und Annas Ausblick auf ihre weitere Forschung waren für mich stimmig und gut gestaltet. Insgesamt ein netter Schmöker.

Dieses Buch wird wahrscheinlich typischerweise von Frauen gelesen. Ich denke jedoch, dass es Lesern, die eventuell in einer ähnlichen Situation sind – also kleine Kinder haben (nicht Skelette in ihrem Garten finden) – helfen würde, von den Gedanken einer jungen Mutter zu erfahren, die ihrem Beruf und ihren Interessen nicht mehr im gleichen Maße nachgehen kann wie ihr Mann. Wie fühlt sich der Alltag für eine junge Frau an, was vermisst sie, was freut sie, was nervt? Was würde sie sich von ihrem Partner wünschen?

Verglichen mit den harten Zeiten für die Menschen, die einst auf der schottischen Insel lebten, ist Annas Leben natürlich einfacher. Aber viele Muster haben sich erhalten, es ist immer noch die Frau, die sich in erster Linie um Kinder und Haushalt kümmert, obwohl sie offenbar einen ähnlichen Bildungsstand besitzt wie ihr Mann und berufstätig war (diese Erwartungshaltung ist ja auch außerhalb des Romangeschehens nicht selten). Und nicht nur das, gerade die konservativeren Bewohner der Umgebung erwarten von ihr, dass sie diese Aufgaben erfüllt. Das passt allerdings nicht zu Annas Bedürfnissen. Die Arbeit im Haushalt macht ihr keinen großen Spaß (wem macht sie das überhaupt), eigentlich würde sie lieber andere Prioritäten setzen. Doch ohne Nanny oder Putzfrau ist ihr das kaum möglich.

Wie viel sich für Frauen in der Gesellschaft zum Positiven verändert haben mag, es reicht noch lange nicht aus, um wirklich gleichberechtigte Partnerschaften zu ermöglichen, in der beide Elternteile sich gleichermaßen um ihre Kinder (und den Haushaltskram) kümmern können. Die Elternzeit wird von Männern nur in Maßen genutzt, wenn die Mutter wieder arbeitet und eines der Kinder krank wird, ist es oft die Mutter, die zu Hause bleibt, damit sie das Kind gesund pflegen kann. Der Weg ist noch weit …

Mehr über die Autorin Sarah Moss könnt ihr auf ihrer Webseite erfahren.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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Eine Antwort zu Schlaflos

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