Die persönliche Bibliothekarin

Früher hatte ich höchst romantische und vermutlich auch höchst unrealistische Vorstellungen davon, wie mein Leben wäre, würde ich als Bibliothekarin arbeiten: Umgeben von wundervollen Büchern, interessierte und interessante Menschen würden mich um Lektüretipps bitten oder um Hilfe bei ihrer Recherche nach bestimmten Büchern etc. Mag sein, dass dies tatsächlich auch Teil des Arbeitsalltags ist, aber vermutlich längst nicht alles. Seit einiger Zeit aber kann ich meine Träume ganz privat doch noch ein bisschen ausleben, denn ich bin inzwischen sozusagen die persönliche Bibliothekarin meines Vaters.

Wir haben uns schon immer gegenseitig Bücher ausgeliehen oder zu bestimmten Gelegenheiten geschenkt. Wobei es mit dem Ausleihen für ihn bei mir leichter war als umgekehrt, da seine Bibliothek doch zum allergrößten Teil aus Büchern über Ornithologie, über Vögel aus allen Teilen der Erde und sehr viel sehr Spezielles zum Thema beherbergt. Dazu weitere Naturthemen, Schmetterlinge, Orchideen, aber auch Bücher zu Geschichte etc., nur eben insgesamt deutlich weniger Romane oder Biographien als in meinen Regalen zu finden sind.

Seit einiger Zeit ist mein Vater nicht mehr so mobil wie früher, wir werden ja alle nicht jünger, und geht nicht mehr so oft in die Stadt, um in Buchhandlungen zu stöbern, und eigentlich gar nicht mehr in die Bibliothek. Irgendwann habe ich begonnen, ihm jede Woche ein bis zwei Bücher aus meinen Beständen mitzubringen. Er ist immer noch ein sehr fleißiger Leser und meine Auswahl hat ihm bisher immer zugesagt. Anfangs lieh ich ihm vor allem Bücher, die etwas mit seinem starken Interesse an Natur zu tun hatten. Da kamen mir natürlich die schönen Bände aus der Naturkunden-Reihe von Matthes & Seitz sehr gelegen. Dann Romane, die in seinem geliebten Skandinavien spielen, beispielsweise von Paasilinna, aber auch Populärmusik in Vittula oder die Krimis von Leena Lehtolainen. Überhaupt liest er gerne Krimis und mochte besonders die von Dorothy L. Sayers. Viel Spaß machte ihm Der Mona Lisa Schwindel, Sebalds Ringe des Saturn gefielen ihm ebenso gut wie mir – wir haben oft den gleichen Geschmack.

Eine nette Nebenwirkung für mich: Woche für Woche sichte ich meine Regale auf der Suche nach Lektüre für meinen Vater. Manchmal stoße ich auf Bücher, an deren Inhalt ich mich nicht mehr so gut erinnern kann, dann lese ich sie noch einmal, um zu entscheiden, ob sie ihm gefallen könnten. So habe ich nicht nur das Gefühl, meinem Vater jede Woche ein bisschen Lesefreude ins Haus zu bringen, sondern freue mich fast intensiver an meiner Bibliothek, seit ich ihre Schätze mehr teile. Und ebenfalls schön: Bei meinem Vater kann ich sicher sein, dass ich meine Bücher auch wieder zurückbekomme, das ist beim Ausleihen nicht immer selbstverständlich ; )

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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17 Antworten zu Die persönliche Bibliothekarin

  1. gkazakou schreibt:

    gefällt mir gut!

  2. SätzeundSchätze schreibt:

    Schön ist auch, dass ihm deine Auswahl gefällt – ich muss mal grübeln, was ich aus meinem Regal meinem Vater schmackhaft machen könnte…

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Du kennst ja bestimmt seinen Geschmack? Ist er ganz anders oder doch ähnlich zu deinem?

      • SätzeundSchätze schreibt:

        Er mag auch – wie Deiner – gute Krimis (bitte mit nicht soviel Blut – also, die englischen Damen liegen ihm) und die etwas „helleren“ Skandinavier. Ach ja, und mit Simenon habe ich ihn angesteckt. Aber: „Bitte keine schweren Sachen“ – darauf hat er einfach keine Lust mehr…

        • Petra Gust-Kazakos schreibt:

          Ich glaube, das ist bei meinem Vater ähnlich, als ich ihm Cox anteaserte, meinte er, das klinge ihm zu deprimierend. Dame zu Fuchs fand er nicht uninteressant, aber doch etwas schräg. Sachbücher, Biographien und Geschichte gehen sehr gut, da konnte ich ihm auch schon viele schöne Sachen rauspicken.

  3. Pingback: [Philea’s] Die persönliche Bibliothekarin – #Literatur

  4. Tobi schreibt:

    Liebe Petra,

    ein sehr schöner Beitrag. Irgendwie hat es etwas für sich, wenn du da mit deinem Vater so schön austauschen kannst. So etwas wünsche ich mir mit meinen Kindern auch einmal. Von dir würde ich mich auch mit Büchern versorgen lassen, dein Vater hat also auf jeden Fall sehr viel Glück.

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Danke dir, lieber Tobi! Ich finde es auch sehr schön, dass mein Vater so gern liest und dass es doch viele Gemeinsamkeiten gibt, was unseren Geschmack, aber auch unsere Gedanken zu den Büchern angeht. Er war immer überaus aktiv und es ist bestimmt nicht leicht für ihn, dass er das nun nicht mehr sein kann. Aber zum Glück ist er geistig noch sehr fit und an allem Möglichen interessiert. So kann ich ihm tatsächlich auch schrägeren Lesestoff anschleppen, selbst wenn er nicht von allem restlos begeistert ist, gibt er den Büchern immer eine Chance und hinterher sprechen wir darüber, warum ihn etwas besonders oder eben weniger gut gefallen hat.
      Liebe Grüße
      Petra

  5. Dein Vater scheint ein besonderer Mann zu sein. Er zeigt seine Liebe, indem er Deine von Dir angebotenen Bücher liest. Wie geborgen Du Dich fühlen musst. Auch wenn Dein Vater nicht mehr so fit ist, so hat er doch noch die Kraft zwei Bücher die Woche zu lesen. Die Gedanken die Du Dir beim Aussuchen machst, halte sie fest und die Gespräche mit Deinem Vater. Mache Dir Notizen. Vielleicht kannst Du darübewr einmal schreiben.
    LG.Hilde

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ich bin auch sehr glücklich über diesen intensiven Austausch. Wir haben schon immer gern über Bücher gesprochen, aber nun sprechen wir eben über Bücher, die wir beide gelesen haben, wie ein kleiner, zeitversetzter Lesekreis, das ist schön.
      Liebe Grüße!

  6. Tinka Lukenda schreibt:

    Liebe Petra, das ist echt eine schöne Idee 🙂 Für welche Bücher interessiert sich denn dein Vater ? Bei meinem würde das nicht gehen, der liest nur bestimmte Bücher und da lässt er sich auch ncihts drein reden ! Aber ich glaube da bin ich ihm sehr ähnlich, ich bin auch immer sehr skeptisch wenn mir jmd ein Buch empfiehlt das ich nicht kenne. Vielleicht sollte ich da etwas offener werden, wobei es einfach zu wenig Zeit zum Lesen in meinem Leben gibt! Lass dir lg da

    Tinka

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Tinka, ihn interessieren in erster Linie Bücher, in denen es um Tiere, Natur, Pflanzen etc. geht, aber auch Bücher, die beispielsweise in Skandinavien spielen. Sehr gern liest er Sachbücher und Biographien. Und in den letzten Jahren vermehrt Krimis, aber sie sollten nicht zu blutig sein. Daher gefielen ihm die von Dorothy L. Sayers sehr gut. Ich denke, er liest auch deshalb, was ich ihm anschleppe, weil er selbst einfach nicht mehr so mobil ist, um sich ständig eigene Bücher zu besorgen. Und inzwischen liege ich bei der Buchauswahl auch nur noch sehr selten daneben ; ) Liebe Grüße!

  7. wildgans schreibt:

    Schön finde ich Eure Bücherinnigkeit!
    Mir fiel dabei sofort das eindrückliche Buch von Arno Surminski ein: Die Vogelwelt von Auschwitz. Das habe ich in einem kleinen Zeitraum gelesen und es fortan nie vergessen.
    Gruß von Sonja

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