Die Detektivin

Die Detektivin von Nikola Hahn las ich vor Jahren und überlegte nun in meiner Eigenschaft als persönliche Bibliothekarin, ob der Roman meinem Vater zusagen könnte. Ich hatte das Buch behalten, also fand ich es wohl damals ganz gut. Aber der Inhalt war mir leider einigermaßen entfallen. Also las ich es erneut und stellte fest, es ist recht spannend, erfreulich unblutig und passt noch dazu gut zu meiner kleinen Serie #frauenlesen.

Der Roman vereint mehrere Genres: Krimi, natürlich, dazu historisch, da im 19. Jahrhundert spielend und interessant die Anfänge der Kriminalistik thematisierend, ein bisschen Liebesroman und viel Gesellschaftskritik, insbesondere was die Stellung der Frau in jener Zeit betrifft.

Wir befinden uns im Frankfurt der 1880-er Jahre. Die 23-jährige Victoria entstammt einer angesehenen Kaufmannsfamilie und konnte es bisher erfolgreich vermeiden, verheiratet zu werden. Über die Lebensbedingungen der Frauen und die ihnen zugedachte Rolle ist sie alles andere als glücklich. So muss sie sich beispielsweise, um Bücher, die sie interessieren, lesen zu können, heimlich in die Bibliothek ihres Onkels schleichen. Ihre Tante Sophia, die in dieser Angelegenheit ihre Komplizin ist, ist ansonsten wenig aufmüpfig und kümmert sich vor allem um ihre Orangerie, obwohl sich dort vor Jahren ein großes Unglück ereignete. Victorias Mutter wäre es lieber, sie würde ihre Zeit damit verbringen, an ihrer Aussteuer zu sticken und höchstens mal Backfischchens Abenteuer oder derlei zu lesen. Und vor allem, sich endlich ihrem Geschlecht und Stand entsprechend zu benehmen.

Victoria aber vermisst schmerzlich ihren Bruder, der vor Jahren nach Indien zog, und ihren Cousin Eduard, der ebenfalls schon lange Frankfurt verlassen hat. Mit diesen beiden hatte sie nie das Gefühl, als Mädchen weniger wert zu sein als die Jungs. Dass Eduard nicht ohne Grund die Stadt verließ, erfahren wir im weiteren Verlauf der Geschichte: Ein Dienstmädchen verschwindet, ein Kriminalbeamter, der Rache will, nimmt sich des Falls an, Victoria, die vor allem Detektivgeschichten liebt, versucht ihrerseits, das Verbrechen zu klären, da sie, ihre Familie und ihr Personal (im weiteren Sinne) in die Geschehnisse verwickelt sind. Dazu bedient sie sich zum Teil sehr ungewöhnlicher Mittel, schließlich ist sie eine junge Frau aus guter Familie und hat damit eigentlich nichts bei der Aufklärung eines Mordes verloren.

Warum verließ ihr Cousin Frankfurt? Wer ist der Frauenmörder? Und warum kann Victoria den Duft von Orangenblüten nicht ertragen?

Alles hübsch verwickelt, aber es wird auch gut aufgedröselt. Der Roman braucht ein bisschen, bis er die nötige Krimispannung aufbaut, aber das hat mich nicht gestört. Mir haben besonders die Stellen gefallen, in denen Weiterentwicklungen der kriminalistischen Arbeit beschrieben wurden, beispielsweise wer wann wo auf die „Fingerbilder“ stieß bzw. ihre Bedeutung für die Aufklärung von Verbrechen erkannte.

Die Autorin arbeitete übrigens selbst in der Mordkommission und hat inzwischen auch einen Lehrauftrag für Kriminalistik an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung. Ihre Recherchen machen den Roman besonders lesenswert.

Inzwischen hat mein Vater etwa die Hälfte des Romans gelesen und ist sehr davon angetan. Ich bin gespannt, wie ihm die Auflösung gefällt und suche schon mal nach dem nächsten Buch für ihn.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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4 Antworten zu Die Detektivin

  1. Pingback: [Philea’s] Die Detektivin – #Literatur

  2. magguieme schreibt:

    Das klingt höchst interessant – gerade für mich, die ich keine ausgesprochene Krimileserin bin. Danke

  3. kopfundgestalt schreibt:

    Das klingt spannend.
    Auch ein wenig reinriechen zu können, wie die Zeit damals für die Frauen war.

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