Jenseits von Babylon

Dieser Roman von David Malouf (übersetzt von Adelheid Dormagen) hat mich sehr fasziniert. Er beschäftigt sich mit der Fremde, der Suche nach Heimat, mit Identität und Sprache und nicht zuletzt mit den Ängsten der Menschen, die mit Fremdheit nicht zurechtkommen.

Fremde sind sie in diesem Roman im Grunde alle, die Siedlerinnen und Siedler am Rande des australischen Buschs. Viele von ihnen wollten eigentlich ganz woanders hin, aber nun sind sie in diesem Kaff, die Sonne brennt heiß und das Leben ist hart. Sie haben ihre Heimat verlassen, um ein besseres Leben zu finden. Nur: Annehmen können die wenigsten diese Fremde. Besonders die Ureinwohner, die sie nicht verstehen, fürchten und verachten. Es gibt keine Versuche, sie kennenzulernen oder sich in irgendeiner Weise anzunähern.

Als eines Tages drei spielenden Kindern das personifizierte Fremde vor die Füße fällt, könnte dies eine Chance sein. Denn der verwildert wirkende Gemmy, der kaum noch der englischen Sprache mächtig ist, lebte 16 Jahre mit den Aborigines. Er könnte nun ein Mittler zwischen den unterschiedlichen Lebenswelten werden. Aber stattdessen machen sich viele über ihn lustig, der so komisch spricht, irgendwie verwachsen wirkt und kaum noch wie ein Weißer aussieht. Gemmy ist ein herzensguter Kerl, der freundliche Aufnahme bei einer der Familien findet, immer hilfsbereit und gutmütig, vielleicht ein bisschen verrückt.

Malouf gibt aus verschiedenen Perspektiven Einblicke in das Leben der Dorfbewohner, in ihre Vorgeschichte, auch in die von Gemmy. Da ist beispielsweise Lachlan, eines der drei Kinder, die Gemmy fanden. Er ist der Cousin der beiden Mädchen, die dabei waren, und lebt bei ihnen, da seine eigenen Eltern gestorben sind. Ein aufgeweckter, selbstbewusster Bursche, darin dem Schulmeister Mr. Abbot nicht unähnlich, den er an sich selbst erinnert. Doch statt Lachlan zu fördern, hält er ihn eher klein. Mr. Abbot wiederum gibt sich älter als er ist, vielleicht um damit seine würdevolle Stellung zu unterstreichen. Er ist bereits enttäuscht vom Leben, von der Sackgasse, in die das Schicksal ihn führte. Eigentlich wollte er nach Afrika … Das Mädchen Janet, Lachlans Cousine, ist ebenfalls sehr aufgeweckt, aber wesentlich stiller, bescheidener. Sie wird später von der reichen Mrs. Hutchence, die als einzige in einem „richtigen Haus“ wohnt, vom Leben der Bienen begeistert werden, das ihren späteren Lebensweg prägen wird.

Überhaupt: Das Bild der Gemeinschaft der Bienen, einer Parallelgesellschaft mit eigenen Regeln, eigener Organisation, das der Gesellschaft der Aborigines gegenübergestellt wird. Das Fremde, das niemand begreift, vor denen die meisten eine diffuse Angst verspüren. Diese Fremden, die wie Geister durchhuschen, nonverbal kommunizieren, ihre Götter, ihre Geister, ihre Wesen, ihre Organisation – alles unbegreiflich für die Weißen. Und Gemmy, der ein guter Vermittler, ja Dolmetscher sein könnte, trifft die volle Wucht der Angst und des Hasses.

Nur Mr. Frazer, der Geistliche, interessiert sich immerhin für die einheimischen Pflanzen und Früchte, zeichnet sie und streift mit Gemmy durch die Natur, der ihm ihre ursprünglichen Namen nennt.

Dieser Roman ist auf so vielen Ebenen faszinierend, die Schilderungen der Innen- und Außenwelt, die Metaphern, die Sprache – ich bin wirklich begeistert und kann den Roman nur empfehlen!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Lesenswertes abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Jenseits von Babylon

  1. gkazakou schreibt:

    Eine schöne Besprechung, Petra. Wie du die Parallelgesellschaft der Bienen und der Aborigines parallelisiert hast – erschreckend beide auf ihre Art für die, die sich nicht drauf einlassen können – eeindruckt mich besonders. Hast du das Bienchen cogito ergo summ gezeichnet? 😉 🙂

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Danke, liebe Gerda. Der Malouf war wirklich eine tolle Empfehlung von dir! Das Bienchen habe ich mal abgemalt, ich bin ja eigentlich keine große Zeichnerin, aus dem Gedächtnis hätte ich das nicht hinbekommen. Und der Spruch ergab sich dann so dazu : )

  2. buchpost schreibt:

    Liste, wo bist du? 🙂 Macht wirklich neugierig auf das Buch. Danke für die Vorstellung. LG, Anna

  3. karu02 schreibt:

    Ich habe es sogleich gelesen und war so beeindruckt, dass ich nicht gleich ein neues Buch zur Hand nehmen konnte. Ich weiß gar nicht, mit welcher Ebene der Geschichte ich mich zuerst befassen soll. Es gibt eine Menge zu denken dazu. Mich wundert, dass mir schon wieder die Bienen nahe gebracht werden…. Vielen Dank für diesen Buch-Hinweis, ich werde es ganz sicher jetzt mehrfach verschenken. Alle sollten es lesen.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das Buch ist glaube ich aus den 90er-Jahren, also vor der „Bienenwelle“, die da lektüremäßig gerade schwappt. Ich freue mich sehr, dass auch dich der Roman so beeindruckt hat, wirklich ein großer Fund.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s