Ferien mit den Buddenbrooks

Buddenbrookhaus, Lübeck, © Die LÜBECKER MUSEEN

Buddenbrookhaus, Lübeck, © Die LÜBECKER MUSEEN

Während viele ja von begehbaren Kleiderschränken träumen, träumte ich seit langem lieber von begehbaren Romanen. Und während unserer Ferienwoche an der Ostsee kam ich diesem Traum in Form des Buddenbrookhauses in Lübeck schon sehr, sehr nah!

Meine ersten Ferien seit vielen Monaten führten meinen Liebsten und mich an die Ostsee. Ich wollte natürlich unbedingt ans Meer und die Gegend Timmendorfer Strand – Travemünde – Lübeck kannte ich noch nicht. Wir fanden ein überaus bequemes Hotel, perfekt für lange Strandspaziergänge und Ausflüge nach Travemünde und Lübeck. Außerdem war es uns eine besondere Freude, auf dem Hinweg die Künstlerin Teena Leitow, die ihr vielleicht noch von der #TeamLesebändchen-Aktion kennt, zu besuchen : )

Wie das so bei Büchermenschen ist, war mein erster Gedanke bei der Planung des Aufenthalts zum Thema Lübeck natürlich „Buddenbrooks“ (der Gedanke an Marzipan kam mir seltsamerweise erst später, obwohl das doch auch gut zum Lesen passt). Mein Liebster wünschte sich, dass wir uns in den Ferien den Roman gegenseitig vorlesen und wenn das Wetter nicht so gut gewesen wäre und wir entsprechend viel unterwegs, wären wir vielleicht auch noch weitergekommen als bis knapp über die Mitte. Aber so lesen wir den Rest eben zu Hause fertig.

Travemünde ist hübsch, doch dieses völlig überdimensionierte Hotel, das sich noch vor den alten Leuchtturm gepflanzt hat, hat mir den Anblick ehrlich gesagt ein bisschen verdorben. Fast müsste man gewisse Zeilen in den Buddenbrooks umschreiben, weil das ja heute sonst kaum noch jemand nachvollziehen kann:

„Als der Wagen die letzten Häuser zurückließ, beugte Tony sich vor, um noch einmal den Leuchtturm zu sehen; dann lehnte sie sich zurück und schloß die Augen, die müde und empfindlich waren.“ [Thomas Mann: Buddenbrooks, Teil 3, 12, S.153]

Man müsste hier „Leuchtturm“ durch „überhohes Hotel“ ersetzen, denn das sieht man bedauerlicherweise als erstes und als letztes von Travemünde.

Lübeck hat uns sehr gefallen. Wir bummelten durch die Straßen und über Weihnachtsmärkte und besuchten das Europäische Hansemuseum, übrigens wirklich sehr zu empfehlen, und gleich zweimal das Buddenbrookhaus – Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum, mein persönliches Highlight.

Ich weiß nicht, wie oft es vorkommt, dass ein Schriftsteller eines seiner berühmtesten Werke teilweise im Stammsitz seiner Familie spielen lässt, dass sich also in einem Haus Fiktion und Realität verbinden. In der Mengstraße 4 steht das Haus der Großeltern Thomas Manns und über der Tür das „Dominus providebit“, ganz wie in den Buddenbrooks. Nach dem Tode des Vaters 1891 wurde es verkauft und drei Jahre später mit achtzehn Jahren zog Thomas Mann wie zuvor schon seine Mutter nach München. Alles, was einst den Glanz der Lübecker Familie ausgemacht hatte, wurde veräußert, Häuser, Speicher, Schiffe. Und doch bleibt all das mitsamt dem Hause gewissermaßen unvergessen durch Thomas Manns Roman. Das Haus wurde 1942 bis auf die Fassade und den Gewölbekeller fast völlig zerstört und erst 1993 und dann, noch einmal umgebaut und mit zwei Dauerausstellungen, „Die Manns – eine Schriftstellerfamilie“ und „Die ‚Buddenbrooks‘ – ein Jahrhundertroman“, 2000 eröffnet.

Uns hat sich in der Adventszeit anno 2018 das Buddenbrookhaus weihnachtlich geschmückt gezeigt. Wir begannen mit der hochinteressanten und gut konzeptionierten Ausstellung zu den Manns, bevor wir uns in die Beletage und die Welt der Buddenbrooks begaben. Diese Ausstellung war wirklich ganz nach meinem Herzen, gut dosierte Informationen an Tafeln zur Entstehungsgeschichte, zu Nobelpreis, Figuren des Romans, Quellen, Interpretationen, Kritiken etc., die man zusätzlich vertiefen konnte durch ein Schubladensystem, das immer weitere Unterthemen und Zusatzinformationen vermittelte.

Dazu Filmausschnitte aus den drei Verfilmungen der Jahre 1923, 1959 und 1979. In einem Holzkubus inmitten der Etage die Samuel-Fischer-Bibliothek, die Interessierten nach Anmeldung zur Verfügung steht. Und schließlich, für mich das Besondere an diesem Literaturmuseum, zwei Zimmer, die gestaltet sind nach Beschreibungen im Roman: das Landschaftszimmer und das Speisezimmer (Götterzimmer).

„Man saß im ‚Landschaftszimmer‘ im ersten Stockwerk des weitläufigen alten Hauses in der Mengstraße […] Die starken und elastischen Tapeten, die von den Mauern durch einen leeren Raum getrennt waren, zeigten umfangreiche Landschaften, zartfarbig wie der dünne Teppich, der den Fußboden bedeckte, Idylle im Geschmack des 18. Jahrhunderts, mit fröhlichen Winzern, emsigen Ackersleuten, nett bebänderten Schäferinnen, die reinliche Lämmer am spiegelnden Wasser im Schoße hielten oder sich zärtlich mit Schäfern küssten … Ein gelblicher Sonnenuntergang herrschte meistens auf diesen Bildern, mit dem der gelbe Überzug der weiß lackierten Möbel und die gelbseidenen Gardinen vor den beiden Fenstern übereinstimmten.“ [Buddenbrooks, Teil 1, 1, S. 10]

Beim Eintritt in das Speisezimmer, das ganz wunderschön weihnachtlich geschmückt war, rief ich: „Der italienische Golf!“ Und mein Liebster lachte und nickte. Denn auch dieser Raum ist ganz der Beschreibung im Roman nachempfunden.

Der mit Lilien geschmückte Weihnachtsbaum sorgte bei mir für besonderes Entzücken. Ganz famos auch die Idee, Dinge wie Zeitung oder Schriftstücke auszulegen – Gottholds Brief an den Vater, der Lübeckische Anzeiger von 1891 u. v. m., als seien sie direkt aus dem Roman gekommen, um in diesen Räumen wirklich zu werden. Dazu Zettel mit Seitenzahlen, sodass man die beiden Räume erlebend – lesend erfahren kann.

© Die LÜBECKER MUSEEN

© Die LÜBECKER MUSEEN

 

Uns hat das Museum ganz ausgezeichnet gefallen! (Nur mit Mühe konnten wir uns zurückhalten, die Dominus-providebit-Fußmatte zu erwerben, dafür aber zwei Bücher und einige Postkarten wenigstens). Besonders beziehungsreich fand ich ja, dass sich neben dem Buddenbrookhaus doch tatsächlich eine Zahnarztpraxis befindet!

Kleiner Nachtrag: Ich möchte euch noch gern zwei Beiträge empfehlen, die sehr gut zum Thema passen. So hat mein Kollege Stefan Orte, die in den Buddenbrooks vorkommen, geokodiert, und Norman hat einen großartigen Beitrag mit dem Titel „Thomas Mann und die Musik“ veröffentlicht.

Weihnachtsbaum

 

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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33 Antworten zu Ferien mit den Buddenbrooks

  1. Pit schreibt:

    „Begehbare Romane“ – das finde ich einen ganz fantastischen Gedanken! Und ach ja, diese schlimmen Bausuenden (in Ferienorten)! Danke fuer’s Mitnehmen auf dem Rundgang im Haus.
    Liebe Gruesse, und hab‘ eine feine Vorweihnachtszeit,
    Pit

  2. SätzeundSchätze schreibt:

    Wunderbar. Ich war ja im Oktober dort, im begehbaren Roman, eindeutig zwei Monate zu früh 🙂
    Dafür fand ich den sonnigen, aber doch schon leeren Strand bei Travemünde atemberaubend (wenn man versucht, die Bausünden zu ignorieren). Schön, dass du dich dort so gut erholen konntest.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das Weihnachtszimmer ist echt eine Reise wert, aber eben auch sehr weit weg für uns „Südländerinnen“. Die Strände waren herrlich, Timmendorfer Strand – knapp 7 km. Wir sind sehr fleißig spazieren gegangen : )

  3. puzzleblume schreibt:

    Was für ein schöner Bericht in Wort und Bild! Immerhin hat sich wenigstens der Himmel bemüht, den Hotelbau fürs Foto auf expressonistische Weise in Szene zu setzen.

  4. gkazakou schreibt:

    Mir wurde das Herz warm bei deinem Bericht, warm und lebendig. Alles Liebe!

  5. nweiss2013 schreibt:

    Liebe Petra,
    danke für den schönen Bericht und die Eindrücke aus Lübeck. Genauso ging es mir vor drei Jahren auch. Ich habe mich gefreut, daß Dir die Ostsee gefallen hat. Habt ihr auch auf den Steinen gesessen?
    Viele Grüße
    Norman

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Norman,

      wenn wir saßen, dann meist im Warmen, nicht selten mit einer Kanne Tee oder einem Fischgericht vor der Nase – ein echtes Naturprodukt, da weiß man, was man verschluckt ; )

      Liebe Grüße!

  6. Stephanie schreibt:

    Jetzt muss ich doch endlich mal die Buddenbrocks lesen, in Lübeck und Co war ich nämlich schon, habe aber nicht gewusst, das es da so ein tolles Museum gibt. Toller Tipp, danke!

  7. Anton Goldberg schreibt:

    Sehr pittoresk. Und die Buddenbrocks mochte ich auch schon immer.

  8. Schön beschrieben. Irgendwann komme ich da sicher auch einmal hin. Als der Roman 1979 verfilmt wurde, wurden einige Szenen in der Villa Clementine in Wiesbaden gedreht. Eine meiner Schulfreundinnen war damals Statistin. Wir anderen waren alle sehr neidisch.

  9. Tobi schreibt:

    Liebe Petra,

    das hört sich ja sehr nach einem angenehmen Urlaub an. Das Buddenbrooks-Haus muss echt schön zum anschauen sein. Bei dem untersten Bild muss man einfach sofort an die Weihnachtsszene denken. Der Zahnarzt daneben ist natürlich sehr genial, Bei dem Ausblick vom Hotel bekomm ich auch echt Lust auf Urlaub. Wobei das ja so ist, wie in allen schmucklosen Wohnblocks: Drinnen ist es eigentlich immer ganz ok, da hat man eine schöne Aussicht und sieht das ranzige Hotel nicht 😉

    Liebe Grüße
    Tobi

  10. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Petra,
    schön, von dir zu lesen. 🙂
    Das ist ja eine verrückte Idee! Räume mit Seitenzahlen gespiekt.
    Ja, leider wurde die Ostsee mit vielen solchen Hochhaus-Hotels in den siebziegern verschandelt. Schade! Auf Fehmarn gibt es diese Bauart gleich im Doppelpack. Idyllischer finde ich deshalb auch Rügen, Usedom, Ahrenshoop, die aufgrund ihrer Geschichte von diesen Bausünden verschont blieben.
    Ich wünsche dir und deinem Liebsten ein schönes Weihnachtsfest,
    liebe Grüße von Susanne

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja, liebe Susanne, alte Seebäder ohne Bausünden finde ich auch attraktiver. Nach Usedom wollen wir auch noch irgendwann … Ich wünsche dir auch eine schöne Weihnachtszeit mit schönen Erlebnissen und Geschenken : )
      Liebe Grüße!

      • Susanne Haun schreibt:

        Es war die Zeit der Bausünden und Bauskandale, in der diese Hochhäuser entstanden. In Berlin wurden ganze Straßenzüge mit Altbauten abgerissen, um grauselige Neubaukomplexe zu schaffen. Besonders gut sieht man das in der Brunnenstraße am Schnitt West/Ost, denn im Osten wurden die Altbauten nach der Wende liebevoll sarniert.

        • Petra Gust-Kazakos schreibt:

          Ach je, so was ist schade. Hier in Karlsruhe gab es auch solche Aktionen. Und natürlich konnte, sicher aus Geldmangel, nach dem Krieg nicht alles wieder schön aufgebaut werden, sondern wurde durch Moderneres ersetzt. Man wird ganz wehmütig, wenn man sich alte Fotos anschaut … Aber das ist ja in sehr vielen Städten der Fall.

        • Susanne Haun schreibt:

          Aus Geldmangel und Vetternwirtschaft, liebe Petra 🙂 Mir wird auch immer ganz wehmütig, wenn ich alte Stadtbilder von Berlin Wedding sehe.

  11. Ulli schreibt:

    Deinen Bericht über den begehbaren Roman habe ich sehr gerne gelesen und die Buddenbrocks habe ich noch immer nicht gelesen, tzzz
    Das Hotel ist wirklich eine Art Schandmal.
    herzliche Grüße
    Ulli

  12. Claudia schreibt:

    Liebe Petra,
    was für ein schöner Bericht! Ich könnte ja gleich los fahren, um das weihnachtliche Buddenbrook-Haus anzuschauen und einzutauchen in den „begehbaren Roman“. Und so die Kulisse des Romans noch plastischer werden zu lassen. Es ist noch nicht so lange her, dass ich die Buddenbrooks wieder gelesen habe und auch das von John von Düffel für das Theater adaptierte Stück gesehen habe. Da schaffen nun nach der sehr modernen Inszenierung deine Fotos der nach den Romanbeschreibungen eingerichteten Räume noch einmal eine ganz andere Atmosphäre.
    Ich wünsche dir auch eine sehr schöne Vorweihnachtszeit!
    Viele Grüße, Claudia

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Vielen Dank, liebe Claudia! Oha, moderne Buddenbrooks… hm… ich glaube, ich mag die „alten“ ganz gern, wie sie sind. Falls du die Gelegenheit mal bekommst, schau dir das Buddenbrookhaus unbedingt an. Vielleicht auch in Verbindung mit ein paar Tagen am Meer : ) Eine schöne Weihnachtszeit & liebe Grüße!

  13. nettebuecherkiste schreibt:

    Das Buddenbrook-Haus möchte ich auch mal sehen. Und überhaupt Lübeck. 🙂

  14. andrea schreibt:

    Ich versuche auch schon als Einstimmung Bücher aus der Urlaubsgegend zu lesen, dann taucht man aus meiner Sicht noch tiefer ein und es ist schön, wenn man Gebäude oder Straßen aus den Büchern entdeckt. Lübeck kenne ich zwar, allerdings nur von kurzen Besuchen, deshalb hat es auch noch nie für die Buddenbrooks gereicht. Steht aber leider schon viel zu lange ungelesen im Regal. Vielleicht sollte ich doch mal einen Urlaub nach SH planen. Du hast mit deinem tollen Urlaubsbericht auf jeden Fall Lust darauf gemacht! 🙂

  15. Pingback: Blogbummel Dezember 2018 – buchpost

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