Goethe in Karlsruhe

Goethe was here: Erinnerungstafel, Karstadt Sport, Karlsruhe

Goethe was here: Erinnerungstafel, Karstadt Sport, Karlsruhe

Seit kurzem bin ich Mitglied der Goethe-Gesellschaft Karlsruhe. Eine ihrer Veranstaltungen hatte mir einmal mehr gezeigt, wie wichtig solche, oft komplett ehrenamtlich arbeitenden Gesellschaften für die kulturelle Vermittlung und den Austausch sind. Und dass sie es wert sind, unterstützt und erhalten zu werden. Im Interview gibt Frau Dr. Beate Laudenberg, 1. Vorsitzende der Goethe-Gesellschaft Karlsruhe, Einblicke in die Arbeit und Bedeutung der literarischen Gesellschaft.

Zur Begrüßung erhielt ich von der Goethe-Gesellschaft außer meinem Mitgliedsausweis auch die Festschrift zum 50-jährigen Bestehen „Gemütlichste Gespräche“, Goethe in Karlsruhe von 2010, die unter anderem die Entwicklung der Gesellschaft seit ihrer Gründung am 30. April 1960 nachzeichnet. In den frühen Jahren wuchs und gedieh die Gesellschaft wunderbar und hatte sehr viele sehr honorige Karlsruher Persönlichkeiten unter ihren Mitgliedern. Etliche von ihnen waren auch sehr aktiv für die Gesellschaft. Wie ist das heute, Frau Dr. Laudenberg? Sie sind nun schon seit fast zehn Jahren als 1. Vorsitzende aktiv. Was hat sich in dieser Zeit getan? Wie viele Mitglieder hat die Goethe-Gesellschaft Karlsruhe derzeit, gibt es noch guten Zulauf?

Dr. Beate Laudenberg, 1. Vorsitzende der Goethe-Gesellschaft Karlsruhe

Dr. Beate Laudenberg, 1. Vorsitzende der Goethe-Gesellschaft Karlsruhe

Dr. Beate Laudenberg: Wie sehr viele Vereine und Gesellschaften haben auch wir einen Rückgang der Mitgliederzahlen zu verzeichnen. Meine Hoffnung, dreistellig zu bleiben, hat sich nicht erfüllt, wir liegen nun knapp unter 100. Woran es auch immer liegen mag, dass die Menschen sich nicht mehr so gerne binden, der niedrige Mitgliedsbeitrag dürfte es nicht sein. Die geringe Anzahl an Neuzugängen, im Schnitt 2-3 Personen pro Jahr, wird aber durch das große Engagement ausgeglichen, mit dem sich viele Mitglieder am Leben der Gesellschaft beteiligen. Das beginnt mit dem regelmäßigen Besuch unserer Veranstaltungen, betrifft die tatkräftige oder finanzielle Unterstützung insbesondere zu außergewöhnlichen Anlässen und gipfelt in interessanten Vortragsangeboten.

Was sich in den vergangenen zehn Jahren und darüber hinaus getan hat, lässt sich in der Chronik auf unserer Homepage nachlesen, daher möchte ich es hier nur bei einem Verweis auf unseren Rundgang „auf Goethes Spuren durch die Fächerstadt“ belassen.

Hermann-und-Dorothea-Gruppe von Carl Johann Steinhäuser im Karlsruher Schlossgarten, mehr dazu hier: https://stadtlexikon.karlsruhe.de/index.php/De:Lexikon:top-3236

Diesen Rundgang haben wir übrigens in Teilen abspaziert, um ein paar Fotos von Goethes Spuren in Karlsruhe zu machen. Ein schöner Spaziergang!

Doch zurück zur Goethe-Gesellschaft: Außer hochrangigen Mitgliedern gab es früher auch etliche namhafte Vortragende. Beispielsweise sprach Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg „Über Goethes Naturbegriff und die technisch-wissenschaftliche Welt“. Das war 1967. Es kamen bedeutende Germanisten sowie Dichterinnen und Dichter, etwa Marie-Luise Kaschnitz und Werner Bergengruen, auf Einladung der Goethe-Gesellschaft und hielten Vorträge. Heute bekommt man sehr begehrte Rednerinnen und Redner meist nur noch gegen hohe Honorare zu hören. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Entwicklung in mancher Hinsicht einschränkt bei der Planung des Jahresprogramms. Oder macht es vielleicht besonders kreativ, den Weg frei für ungewöhnliche Themen? Wie stellen Sie so ein Jahresprogramm zusammen, wie ergeben sich Themen, unter welchen Aspekten werden Schwerpunkte gelegt? Werden die Mitglieder einbezogen in die Themenfindung oder können sie sich aktiv einbringen?

Dr. Beate Laudenberg: Selbstverständlich: Neben den gerade erwähnten Angeboten eigener Vorträge von Mitgliedern erhalte ich zuweilen auch Themenwünsche oder Hinweise auf bestimmte Personen. Dies lässt sich nicht immer unmittelbar realisieren, da die Programmplanung für das Folgejahr im November abgeschlossen wird. Aufgrund der Fülle interessanter Angebote vermag ich nicht alle Anfragen zu berücksichtigen, zumal ich ein übers andere Jahr thematische Schwerpunkte setze.

Ich musste es in meiner Amtszeit erfreulicherweise noch nicht erleben, dass meine Anfrage aufgrund unserer wahrlich geringen Honorarzahlung abgelehnt worden wäre – und das versteht sich, finde ich, nicht von selbst, wenn so bekannte Persönlichkeiten wie beispielsweise die Literaturkritikerin Sigrid Löffler (Goethe und das Geld, 2012) oder der Dramaturg Hermann Beil (Die Lehre der Sainte Victoire, 2011) bei uns sprechen! Was mich aber tatsächlich bedrückt, ist unserer enger Finanzrahmen bei künstlerischen Veranstaltungen; um Freischaffende einigermaßen angemessen zu bezahlen, beschränke ich mich auf eine Lesung pro Jahr, im vergangenen Jahr las Staatsschauspieler Stefan Viering die „Marienbader Elegie“. Und bei musikalischen Darbietungen, insbesondere wenn sie auf unser Jahresprogramm zugeschnitten sind wie beispielsweise der von Heike Bleckmann 2013 gestaltete Liederabend, können wir erfreulicherweise auf die Literarische Gesellschaft zählen: Professor Dr. Schmidt-Bergmann unterstützt uns mit seinem Team dankenswerterweise in mehrfacher Hinsicht. So konnten wir 2016, als uns der Vortragssaal der Badischen Landesbibliothek nicht mehr regelmäßig zur Verfügung gestellt wurde, mit unseren Veranstaltungen ins Literaturhaus umziehen.

Orest-und-Pylades-Gruppe von Carl Johann Steinhäuser im Karlsruher Schlossgarten, mehr dazu hier: https://stadtlexikon.karlsruhe.de/index.php/De:Lexikon:top-3255

Können Sie schon einen kleinen Ausblick auf das Programm für 2019 geben?

Dr. Beate Laudenberg: Das Programm in diesem Jahr folgt nicht wie im letzten einem Themenbereich (Leiden und Kuren) oder dem Jahr davor einem Jubiläum (Winckelmann), sondern ist recht vielfältig. Vielleicht wird die ein oder der andere im Liedhaften einen roten Faden erkennen. Es galt langjährige Zusagen endlich zu verwirklichen, Angebote von Mitgliedern wie von Vorsitzenden anderer Ortsvereinigungen zu berücksichtigen und Zeitgenossen Goethes angesichts runder Geburtstage zu würdigen.

Mitte des Jahres wird uns die von Herrn Dr. Schmidt, dem 2. Vorsitzenden, organisierte Studienfahrt nach Bonn führen, wo uns nicht nur die Ausstellung „Goethe. Verwandlung der Welt“ in der Bundeskunsthalle erwarten wird. Unsere Studienfahrten erfreuen sich bei den Mitgliedern großer Beliebtheit, da wir, sobald wir in den Bus eingestiegen sind, bis zur Rückkehr aufs Beste unterrichtet, unterhalten und versorgt werden. Einer Anregung unseres Schatzmeisters, Herrn Mohrenstein, ist es zu verdanken, dass wir im Sommer im Kaffeehaus Schmidt ‚gemütlichste Gespräche‘ führen, zu denen – wie zu unseren Vorträgen – auch Nicht-Mitglieder willkommen sind. Seit beinahe 20 Jahren schließt unser Jahresprogramm mit einer Führung in der Staatlichen Kunsthalle ab – das allein ist schon ein guter Grund, Mitglied zu werden. In diesem Jahr haben wir die große Ehre, dass Dr. Jacob-Friesen als Kurator der Hans Baldung Grien-Ausstellung uns diese bereits kurz nach deren Eröffnung exklusiv präsentieren wird.

© Dieter Motzel: Goethe bespricht Eckermann, Radierung, f. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, https://www.haushundhirsch.com/

© Dieter Motzel: Goethe bespricht Eckermann, Radierung, f. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, https://www.haushundhirsch.com/

Lauter gute Ideen! Auf ‚gemütlichste Gespräche‘, auch nach den Veranstaltungen, freue ich mich schon. Was gehört zur Arbeit der Goethe-Gesellschaft im Allgemeinen und zu Ihrer als 1. Vorsitzende im Besonderen? Was ist Ihnen bei Ihrer Arbeit besonders wichtig oder gibt es etwas, was Sie noch unbedingt erreichen möchten?

Dr. Beate Laudenberg: Die Ziele der derzeit fast 60 deutschen Ortsvereinigungen der Goethe-Gesellschaft sind in der Satzung festgehalten, die auf unserer Homepage einzusehen ist. Der Vorstand besteht aus vier Mitgliedern, deren Aufgaben sich im Fall des Schriftführers und Schatzmeisters aus der Bezeichnung ergeben. Besonders erfreulich ist, wenn beispielsweise Herr Becker, der derzeitige Schriftführer, über seine Kernaufgaben hinaus die Mitglieder etwa dreimal pro Jahr in einem Rundschreiben über Aktuelles inner- und außerhalb der Gesellschaft informiert. Dies ist eine schöne Ergänzung zu einem Jahresprogramm, das als solches nicht flexibel sein kann. Zwischen uns Vorsitzenden haben wir die Arbeit so aufgeteilt, dass Herr Dr. Schmidt neben der Studienreise die Gestaltung des Flyers und der Plakate übernimmt, während ich die Einladung, den Empfang, die Vorstellung und die Korrespondenz mit den Vortragenden und Kooperationspartnern gewährleiste. Wichtig ist mir dabei eine angemessene Berücksichtigung von Frauen sowie von lokalen und zeitgemäßen Aspekten. Bevor ich den Vorsitz 2021 abgebe, würde ich gern noch unseren Stadtrundgang auf Goethes Spuren in weitere Sprachen übersetzen lassen und eine kindgerechte Führung etablieren.

Wenn Geld keine Rolle spielen würde: Welche Aktivität oder welchen Vortrag würden Sie gern einmal unbedingt in ein Jahresprogramm aufnehmen?

Dr. Beate Laudenberg: Um des lieben, vielen Geldes willen würde ich das bisherige Verhältnis von künstlerischen Darbietungen und wissenschaftlichen Vorträgen umkehren: einmal Wissenschaft und achtmal Kunst pro Jahr! Und wenn ich nicht berufstätig wäre und mehr Zeit hätte, würde ich unsere Kooperationen mit anderen Vereinen und mit Schulen ausbauen sowie sehr viel mehr für gesellschaftliche Randgruppen anbieten (Lesungen und Gespräche im Gefängnis, im Frauenhaus, in Notunterkünften …).

Auch das sehr gute Ideen … Was würden Sie den Menschen gern sagen, um sie für den Eintritt in eine literarische Gesellschaft zu gewinnen?

Dr. Beate Laudenberg: Wer den gelehrt-geselligen Umgang liebt, sei es mit Büchern, mit Worten oder Sprachen, mit Toten oder Lebenden, sei es zu sich, zu zweit oder zu vielen, ist in einer literarischen Gesellschaft gut aufgehoben – den Benefit einer Mitgliedschaft auf den Punkt bringt das bildliche Beiwort des ersten deutschen Sprachvereins: Fruchtbringende Gesellschaft!

Wie ist Ihre persönliche „Beziehung“ zu Goethe, wie kamen Sie zu ihm, was fasziniert sie besonders an ihm als Person bzw. natürlich auch an seinem Werk?

Dr. Beate Laudenberg: In meiner Schulzeit hatte ich zwei ausgesprochen kompetente Deutschlehrerinnen mit viel literaturdidaktischem Geschick; will sagen, die Liebe zur Literatur wurde im Unterricht befördert. Folglich habe ich Germanistik studiert und zwar in Köln bei Professor Karl Otto Conrady, der seiner Goethe-Werk-Biographie ein sympathisch parodistisches „Goethe was here“ folgen ließ, sowie bei Professor Werner Keller, dem wohl besten Goethe-Kenner und Inbegriff Goethescher Humanität, zudem von 1991 bis 1999 Präsident und bis zu seinem Tod 2018 Ehrenpräsident der Internationalen Goethe-Gesellschaft Weimar und Namensgeber des von ihm initiierten Stipendienprogramms für Goethe-Forscher innen. Professor Keller hat auch meine Dissertation zur Lyrik Ernst Meisters betreut. Interessanterweise habe ich über die Literatur des 20. Jahrhunderts, insbesondere die Migrationsliteratur, zu Goethe zurückgefunden. Mich fasziniert – wenn ich mich denn festlegen muss – vor allem sein West-östlicher Divan als ein transkulturelles ‚Panoptikum‘, das von „getretne[m] Quark“ bis zur „Liebe Seligkeit“ reicht (letzteres übrigens aus einem Gedicht von Marianne von Willemer, das Goethe in seinen Divan aufnahm). Und biographisch menschlich schätze ich Goethes uneingeschränkte Loyalität gegenüber Christiane Vulpius. Beider Briefwechsel sei wärmstens zur Lektüre empfohlen.

Ganz herzlichen Dank für Ihre Zeit und Ihre sehr interessanten Antworten!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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7 Antworten zu Goethe in Karlsruhe

  1. Anton Goldberg schreibt:

    Ich bin seit nunmehr ca. 15 Jahren Mitglied der Nietzsche Gesellschaft e.V. – deren Veranstaltungen sind auch immer recht nett. Ich durfte da sogar schon ein paar Vorträge halten. Und Naumburg an der Saale ist ein sehr dekoratives Örtchen und immer eine Reise wert… 😉

  2. Herr Ärmel schreibt:

    Gratulation.
    Wahrscheinlich muss man in der Gesellschaft eines derart berühmten Autors Mitglied werden. Da ist wahrscheinlich für viel Abwechslung und entsprechend interessante Themen gesorgt.
    Ich war in einigen Gesellschaften Mitglied. Teilweise dem weiteren Publikum unbekannte Autoren. Das letzte Mal bei Rudolf Borchardt. Danach zog ich einen Schlusstrich.
    Abendgruss aus dem Bembelland, Herr Ärmel

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ich bin bislang erst bei zwei Gesellschaften Mitglied, aber auch eine nächste angepeilte Mitgliedschaft wird wieder einem „Bestsellerautor“ gelten, nämlich Shakespeare. Da werde ich vielleicht eher selten zu Veranstaltungen gehen, da es doch ein bisschen weiter weg ist von hier aus, aber die Jahrbücher sind ziemlich klasse. Herzliche Grüße!

      • Herr Ärmel schreibt:

        The honorable Shakespeare society ist sicherlich eine würdige Veranstaltung.
        Die Jahrbücher sind in der Tat fast immer ganz besonders famose Schmankerln.

        Ihnen einen schönen Abend

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