Gedanken einer Spaziergängerin

Lange Zeit bin ich viel spazieren gegangen. Während meines Studiums legte ich meine Wege dann meist mit dem Fahrrad zurück. Später nutzte ich jahrelang ausgiebig den ÖPNV. Seit einiger Zeit habe ich wieder das Gehen für mich entdeckt. Ob zur Arbeit, zum Einkaufen oder nur, um zu spazieren oder gar zu flanieren: Gehen tut mir gut. Zumindest, wenn ich mich nicht ärgern muss.

Zum Beispiel weil am Zebrastreifen Autos und Fahrräder einfach an mir vorbeisausen oder weil mal wieder ein Lieferfahrzeug quer auf dem Gehweg parkt und ich auf der Straße darum herumlaufen muss. Leider keine seltenen Ausnahmen, wobei auch kleine Rücksichtslosigkeiten anderer für mich als Fußgängerin ziemlich heikel sein können.

Das Flanieren wiederentdecken

Dennoch liebe ich das Gehen. Manchmal kann ich mir den Luxus gönnen, durch die Straßen zu flanieren und alles zu betrachten, zu beobachten, als sei es für mich neu. Dann fühle ich mich ein bisschen wie die alten Flaneure, Walter Benjamin, Franz Hessel oder auch Guillaume Apollinaire.

War das Flanieren einst wirklich nur Männersache? Die drei erwähnten fallen mir immer als erstes ein. Dass das Flanieren allerdings durchaus auch Frauensache war und ist, darüber schreibt Lauren Elkin in ihrem Buch Flâneuse. Ein interessantes und sehr persönliches Buch, da die Autorin auch über ihr eigenes Flanieren und ihre damit verbundenen Erfahrungen schreibt. Übrigens so schön, dass ich selbst beim Lesen immer wieder abschweifte und wiederum über meine Erfahrungen nachdachte.

Jedenfalls gibt es für sie durchaus eine weibliche Version des Flaneurs, eben die titelgebende Flâneuse, wobei sich das weibliche Flanieren nicht mit dem männlichen deckt oder decken muss, auch weil die frühen Flâneusen ganz anderen Vorbedingungen unterlagen, wenn sie sich durch eine Stadt treiben lassen wollten.

Städte für Frauen

Übrigens sind die Bedingungen für Frauen und Männer auch heute noch nicht die gleichen. Dabei möchte ich mit der Zwischenüberschrift nicht auf Christine de Pizans Buch von der Stadt der Frauen anspielen, sondern auf ein derzeit topaktuelles Buch: Invisible Women. Exposing Data Bias in a World Designed for Men von Caroline Criado-Perez. Anhand vieler Fallstudien, Daten, Quellen etc. zeigt die Autorin, wie Frauen in verschiedenen Lebensbereichen benachteiligt werden. Sei es im Gesundheitswesen, im Arbeitsleben oder eben auch in der Verkehrs- und Stadtplanung.

Interessant schon ihre ungewöhnliche Frage, ob das Schneeräumen irgendetwas mit Ungleichbehandlung zu tun haben könnte. Und siehe da, das tut es. Am Beispiel einer schwedischen Stadt führt Criado-Perez aus, wie dort die Priorisierung beim Schneeräumen aussah: Erst die Straßen, danach die Fahrrad- und zuletzt die Gehwege. Auf den Straßen und mit dem Auto sind allerdings vor allem Männer unterwegs, beispielsweise auf dem Weg zur Arbeit. Auf den Fußwegen überwiegend Frauen, noch dazu eventuell mit Kinderwagen. Auch die Unfallzahlen bei Eis und Schnee zeigten, dass vor allem Frauen ausrutschten und sich verletzten. Die schwedische Stadt hat daraufhin die Priorisierung umgekehrt und konnte sogar die Zahl der Eis-bedingten Stürze reduzieren. Was wiederum wirtschaftlich ist, da Kosten und Arbeitsausfälle aufgrund derartiger Unfälle gesenkt werden.

Die Autorin veranschaulicht an vielen weiteren Beispielen aus aller Welt, wie die Verkehrs- und Stadtplanung Frauen benachteiligen, ganz einfach weil die erhobenen Daten nicht nach Geschlecht getrennt werden. Dadurch werden bestimmte Faktoren nicht berücksichtigt, etwa das höhere Sicherheitsbedürfnis von Frauen (man denke an Parkhäuser am Abend oder Haltestellen bei Dunkelheit), die Wahl ihrer Verkehrsmittel oder ihre typischen Wege. Anders als der Großteil der Männer bestehen letztere nämlich nicht nur daraus, am Morgen zur Arbeit und abends wieder nach Hause zu fahren. Es sind vielmehr mehrere, miteinander verkettete Wege: unterwegs zur Arbeit und vorher noch zu Kindergarten, Schule oder Großeltern, nach der Arbeit einkaufen, Kinder abholen, und vieles mehr. Diese Wege werden vergleichsweise häufiger mit öffentlichen Verkehrsmitteln, dem Fahrrad oder auch zu Fuß zurückgelegt. Eine moderne, geschlechtergerechte Stadt- und Verkehrsplanung muss all diese Faktoren berücksichtigen. Und es gibt ja auch schon gute Beispiele, wie Barcelona – hier der Link zu einem sehr interessanten BBC-Beitrag.

Das Buch von Caroline Criado-Perez ist für mich das zweitwichtigste Buch zu Frauenthemen, das wichtigste ist mir Virginia Woolfs A Room of One’s Own.

Das Gehen feiern

In Bolivien gibt es seit 2011 an jedem ersten Sonntag im September den nationalen Tag der Fußgänger und Radfahrer zum Schutz der Mutter Erde (Día nacional del peatón y del ciclista en defensa de la Madre Tierra). Dann stehen, bis auf wenige Ausnahmen, motorisierte Fahrzeuge für mehrere Stunden still. Gar einen ganzen Monat der Fußgängersicherheit (Pedestrian Safety Month) gab es im September 2019 in Kalifornien.

Vielleicht gibt es ja bald einen internationalen Tag für Fußgänger*innen, an dem ebenfalls die Autos stillstehen, Kinder auf der Straßen Rollschuhe fahren oder Federball spielen, die Menschen sicher spazieren gehen können. Einen internationalen ParkingDay gibt es schon, bei dem überall auf der Welt Parkplätze einen Tag lang umgenutzt werden, zum Beispiel so.

Aber natürlich braucht es mehr als einen Tag, um den Fußverkehr attraktiver und Mobilität für alle sicherer zu machen. Es braucht den politischen Willen und die passende Infrastruktur. Wenn Beispiele wie die Superblocks in Barcelona Schule machen, wäre viel für unsere Umwelt, unsere Gesundheit und unsere Sicherheit gewonnen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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11 Antworten zu Gedanken einer Spaziergängerin

  1. gkazakou schreibt:

    danke, Petra, für diesen inspirierenden und informativen Eintrag. Zu Fuß gehen, fllanieren ist wirklich das beste, was man sich antun kann. Ich genieße es sehr, bin aber leider auch aufs Auto angewiesen – und das ist schon auch eine Herausforderung, so manchesmal möchte ich den Wagen an eine Laterne hängen, weill es nirgends Parkmöglichkeiten gibt.
    Zu Barcelona fiel mir ein, dass dort eine Untersuchung zu den Mobilitätsbedingungen für Rollstuhlfahrer gemacht wurde. Die war wirklich nachahmenswert: die Rollstuhllfahrer wurden mit einer Video-Kamera ausgestattet, so dass wirklich authentische Daten gesammelt und dann für die Verkehrspllanung ausgewertet wurden. Die aktive Rolle der Betroffenen sirkte sich auch in anderer Hinsicht sehr positiv aus, sie traten aus dem Dunkel des Anonymen und Opfers heraus und wurden Mitgestalter.
    In dem Sinne: mach doch mal auf deinen Spaziergängen eine Fußgänger-Recherche mit Kamera!

  2. puzzleblume schreibt:

    Ein grossartiger, vielfältiger Artikel, mit viel Wiedererkennungswert für mich als langjährige Fussgängerin.

  3. Vor vielen Jahren, als ich noch nicht lange in München wohnte, war in der Süddeutschen ein Artikel über den Flaneur. Der Autor ließ sich auch wortreich darüber aus, warum es keine Flaneusen geben könne. Leider kann ich mich nicht mehr an die Argumentation erinnern. Etwas sprichst Du ja schon an: die unterschiedlichen Bedingungen für Männer und Frauen. Ich aber bin immer gerne flaniert. Angefangen habe ich damit als Studentin, als ich kaum Geld für Freizeitaktivitäten hatte.

  4. Pit schreibt:

    Hallo Petra,
    eigentlich sollte ich auch viel mehr spazieren gehen, insbesondere da wir in einer dafür sehr geeigneten so gut wie reinen Wohngegend leben. Es gibt zwar hier keine Bürgersteige, aber das ist kein Problem. Zum „Flanieren“ ist es prima. In der Stadt selber allerdings weniger. Obwohl: zu Zeiten wenn weniger Touristen da sind, macht auch das Spass – ganz einfach Schaufenster- und Geschäfte-Bummeln.
    Liebe Gruesse, und hab ein feines Wochenende,
    Pit

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Spazieren tut gut, lieber Pit. Aber du bist doch recht sportlich mit dem Rad unterwegs? Für Bewegung ist also gesorgt. Spazieren ist gemächlicher, man nimmt anderes und anders wahr, das gefällt mir. Dir auch ein schönes Wochenende : )

      • Pit schreibt:

        Leider hat sich meine Radfahrleidenschaft sehr gelegt. 😦 Ich muss mich dringend mal wieder am Riemen reißen und auf einen meiner Drahtesel schwingen.

  5. moccariella schreibt:

    Großartiger Beitrag 😍

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