Meines Vaters Bücher

Ich weiß nicht, wie viel Zeit uns noch bleibt, wie lange wir noch miteinander sprechen können. Lesen kann er schon seit einiger Zeit nicht mehr. Es interessiert ihn auch nicht mehr. Ich frage ihn, was ich ihm mitbringen kann. Er will nichts mehr. Er möchte nur, dass ich mich um seine Bücher kümmere, später. Und um seine Ferngläser.

Die Ferngläser, sie sind mit meinen frühesten Erinnerungen an meinen Vater und unsere Spaziergänge verbunden. Nie durften sie fehlen. Immer hing ein großes, schweres um seinen Hals. Bei langen Spaziergängen immer wieder sein „Halt, Moment mal, bitte!“, Fernglas an die Augen geführt und geschaut. Immer gab es etwas zu sehen. Immer wusste er genau, was für ein Vogel da gerade sang, saß oder flog, nannte uns den Namen, schätzte bei Vogelscharen ihre Anzahl. Manche Vogellaute konnte er verblüffend gut nachahmen, sodass er Antwort erhielt, als  würden die Vögel mit ihm ein kleines Schwätzchen halten … Auf seinen Reisen hatte er immer mehrere Ferngläser dabei.

In die Ferne sehen, entdecken, was andere übersehen, auch in die Ferne schweifen, reisen, das liebte er. Und jeden Abend schrieb er seine ornithologischen Beobachtungen in sein Notizbuch. Ich habe nie in seinen Notizbüchern gelesen, ich weiß nicht, ob er auch andere Dinge festhielt, so wie ich in meinen Tagebüchern. Seine Notizbücher füllen mehrere Fächer eines Schranks.

Seine Bibliothek besteht hauptsächlich aus ornithologischen Büchern. So viele wunderschöne Bücher über Vögel aus allen Teilen der Welt. Ein paar davon hat er mit eigenen Augen gesehen (mithilfe seiner Ferngläser). Einige sah er sich immer wieder in den Büchern an. Er kannte von fast allen nicht nur ihren deutschen Namen, sondern auch ihren lateinischen. Was mich immer tief beeindruckte und mit ein Grund dafür war, dass ich gern Latein lernen wollte als junges Mädchen. Viele Bücher wollte ich auch haben, wenn ich mal erwachsen wäre. Und viel reisen wollte ich.

Ich kann nicht alle seine Ferngläser aufheben, eines für mich, eines für meinen Liebsten. Ich kann auch nicht alle seine Bücher aufbewahren, so gern ich es würde. Aber unsere Wohnung bietet nicht genug Platz für eine weitere umfangreiche Bibliothek.

Einige Bücher meines Vaters werde ich auf jeden Fall behalten, zum Beispiel das, mit dem ich lesen lernte, Die Vögel Europas von R. Peterson et al. Das mit dem Lesenlernen kam so: Als ich klein war, winkte mich mein Vater jeden Sonntag nach dem Essen zu sich aufs Sofa, wo er mir ein Vogelbestimmungsbuch unter die Nase hielt. Er deutete auf die Abbildungen der verschiedenen Vögel und nannte mir ihre Namen, die darunter standen. Als er den Eindruck hatte, dass ich mir die Bilder und die jeweiligen Namen eingeprägt hatte, hat er mich abgehört. Er deutete auf die Abbildung und ich nannte den Namen. Von Sonntag zu Sonntag verbesserte sich meine Kenntnis von Eulen, Krähenvögeln, Sperlingsvögeln, Spechten und so weiter. An einem dieser Sonntage hat es dann wohl „Klick“ gemacht: Ich erkannte die Buchstaben wieder, setzte sie zusammen und konnte sie lesen. Das erleichterte das „Merken“ natürlich enorm, da ich zur Sicherheit einen Blick auf den Namen warf, ehe ich ihn nannte. Als mein Vater dahinterkam, war er hin- und hergerissen zwischen der Freude darüber, dass ich lesen konnte und der Enttäuschung, dass unser sonntägliches Ritual damit beendet war.

So viele Bücher, so viele Geschichten, die mit ihnen verbunden sind. Bücher, die mit ihm auf Reisen gingen. Bücher, in denen er mir seltene, wundersame Vögel zeigte. Bücher über Vögel, die er vermutlich nie außerhalb der Bücher gesehen hat. So viele Bücher.

Im November begleitete ich meine Mutter bis zum endgültigen Abschied. Nun bereite ich mich auf die letzte Reise meines Vaters vor. Früher hat er immer angerufen, wenn er auf Reisen gut angekommen war. Das werde ich vermissen. Ganz fürchterlich werde ich ihn vermissen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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51 Antworten zu Meines Vaters Bücher

  1. Xeniana schreibt:

    Viel Kraft bei der Begleitung der letzten Reise deines Vaters. Es ist so schwer Worte zu finden. Vielen Dank für das Teilen deiner Erinnerung.

  2. Babis schreibt:

    Wunderschön und rührend Deine Zeilen! Danke dafür!

  3. puzzleblume schreibt:

    Sehr anrührend ist dies alles, nachdem du in früheren Jahren schon über deinen Vater geschrieben hast, um so mehr. Für alles, was noch auf dich zukommt, wünsche ich dir alles Gute, Unterstützung und Kraft.

  4. Arabella schreibt:

    Das letzte Wort zu meiner Mutter war und das war als sie totkrank im Krankenhaus lag: „ morgen wird es besser hoffen wir „ „ so hoffen wir „ sagte sie mir zurück.

    Kraft wünsche ich Ihnen auf dem langen Weg des Abschied nehmen’s, Mut und Hoffnung.

    Mein Beileid für Sie.

  5. Ulli schreibt:

    Liebe Petra, danke, dass du deine Erinnerungen an deinen Vater mit uns teilst. Es ist nie einfach endgültig Abschied zu nehmen, dafür wünsche ich dir Kraft und deinem Vater, dass er in Frieden gehen möge.
    Liebe Grüße
    Ulli

  6. So schöne Erinnerungen, liebe Petra. Ich wünsche Dir viel Kraft.

    Liebe Grüße, Anne

  7. kormoranflug schreibt:

    Mit meinen Eltern spreche ich jeden Tag obwohl sie nicht mehr hier sind.

  8. buchuhu schreibt:

    Ein wunderschöner Text!

  9. tontoeppe schreibt:

    Viel Kraft, liebe Petra!

  10. gkazakou schreibt:

    Auch von mir, du Liebe, ein Dankeschön für dein Teilen. Vielleicht darf ich ein oder zwei der Bücher von deinem Papa haben, auch ein Fernglas? Heute nacht hörte ich den Gioni (Käuzchen) rufen, und gegen sechs nach einer schlaflosen Nacht, es war noch dunkel, wundervollen Vogelgesang. Da hätte ich schon gern gewusst: ist das nun eine Amsel, oder vielleicht doch eine Nachtigall? Es machte mich glücklich. Und so wird auch dein Vater durch die Vogelliebe ein glücklicher Mensch gewesen sein. Möge sein Sterben leicht sein. Und mögest du ihn in deinem Herzen bewahren, wie er war. Gerda

  11. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Petra,
    wie schön du über deinen Vater und seine Dinge geschrieben hast!
    Es ist nicht einfach mit der Hinterlassenschaft der Eltern umzugehen. Ich habe mir zuerst zu viele Erinnerungsstücke meiner Mutter mitgenommen, sie ist 2016 gestorben und jetzt habe ich die Essenz dessen, was mich an sie erinnert, in meinen Haushalt integriert.
    Da die nachfolgende Generation wenig Platz hat beschäftige ich mich mit Künstlernachlässen. Es ist ein verzweifeltes aber sehr aktuelles Thema.
    Liebe Grüße von Susanne

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Die Essenz, ja … Das stelle ich mir auch schön vor. Zunächst ist es ja überwältigend, so viel zu tun, zu organisieren … Ich denke, ich werde etwas Ruhe und Abstand brauchen, um wie du auch zu einer Essenz zu gelangen.
      Liebe Grüße
      Petra

      • Susanne Haun schreibt:

        Ja, Petra, am Anfang erschlägt ein Nachlass und die Bewältigung führt immer zu Tränen. Aber es wird immer besser und irgendwann bekommt man ein wohliges Gefühl, wenn man die Essenz benutzt. Bei uns sind das zum Beispiel Honiglöffel oder wenn ich Schmuck von Mama trage.
        Liebe Grüße von Susanne

  12. nettebuecherkiste schreibt:

    Ich wünsche dir und deinem Vater viel Kraft für die letzte Reise. Es ist doch tröstlich, wenn sich jemand um geliebte Dinge kümmert, auch wenn das nicht bei allen möglich ist.

  13. Claudia schreibt:

    Liebe Petra,
    was für einen bewegenden und wunderschönen Text du geschrieben und dabei deinen Vater und eure Bezehung mit wenigen Szenen, Pinselstrichen gleich, beschrieben hast. Ich wünsche dir viel Kraft in der nächsten Zeit.
    Liebe Grüße, Claudia

  14. nweiss2013 schreibt:

    Liebe Petra,
    ich lese das auf der Rückfahrt nach einem Besuch bei meinen schwächer werdenden Eltern. So gut es tut, ihnen wenigstens ein wenig Unterstützung zurückgeben zu können – ach so wenig, verglichen mit dem, was sie mir angedeihen ließen – so schmerzlich ist doch die Aussicht, bald ohne sie zu sein.
    Dir, die Du sozusagen auf halbem Wege bist, gelten meine guten Wünsche!
    Herzliche Grüße
    Norman

  15. perlengazelle schreibt:

    Es gehört zu den schweren Aufgaben, in den mittleren Jahren seine Eltern auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Dein Vater hat es geschafft, sich tief in deinem Herzen zu verankern. Deine Erinnerungen werden ihn immer in dir lebendig halten.
    Was für ein schöner berührender Text, der in mir auch die Erinnerungen an meinen Vater wach werden ließ, der leider wie auch meine Mutter viel früher gehen musste.
    Dir alles Gute!

  16. buchpost schreibt:

    Liebe Petra,
    für die nächste Wegstrecke alles Liebe, Trost und Kraft für euch. Ich verneige mich vor deinem wunderschönen Text, der so viele Facetten hat und Saiten anschlägt.
    Herzliche Grüße, Anna

  17. dj7o9 schreibt:

    Alles alles Liebe und ganz viel Kraft wünsche ich Dir. Das war ein ganz wunderschöner Text und ich hoffe, Du findest einen Menschen, dem Du mit den Büchern Deines Vaters glücklich machen kannst. Liebe Grüße, Sabine

  18. Maren Wulf schreibt:

    Nein, anrufen kann dein Vater dich dann nicht mehr, liebe Petra. Aber er wird von sich „hören“ lassen, da bin ich mir sicher. Danke für deinen liebevollen berührenden Text, der auch bei mir viele Erinnerungs-Saiten zum Klingen gebracht hat!

  19. karu02 schreibt:

    Das Vermissen dauert lange bei einem geliebten Menschen, hat aber auch eine Gefühlsqualität zwischen Schmerz und Glück, von der man nichts weiß, solange es ein Wiedersehen gibt. Ich wünsche Dir alles Gute.

  20. Sabine schreibt:

    Lieben Dank für die Nähe zu deinem Privatleben…., der schönen Kindheitserinnerung.
    Mir geht es ähnlich, meine Mutti geht es nicht mehr so gut.
    Ich wünsche dir viel Kraft.
    LG Sabine

  21. Madame Filigran schreibt:

    Liebe Petra, ich danke dir sehr für das Teilen, dann fühlt man sich mit diesen Gefühlen nicht so allein. Ja, das Vermissen, es ist so schwer, aber es ist reine Liebe, und die wird immer bleiben. Herzliche Grüße

  22. Grete_o_Grete schreibt:

    Liebe Petra,

    ganze zehn Jahre folge ich dir schon, unsere Wege kreuzten sich auch auf Twitter immer mal wieder, und während ich meinen Blog mehr und mehr vernachlässigte, weil ich nicht in der Lage war, die schmerzhaften Dinge meines Alltags dort niederzuschreiben, so las ich doch immer weiter bei dir mit, E-Mail-Abo sei Dank.

    Selten schreibe ich mal was, aber nun möchte ich dir sagen, wie sehr ich dich in Gedanken umarme und mit dir mitfühle.
    Mein Vater ist 85 Jahre, Alzheimer zerfrisst ihn seit 2009 kontinuierlich, und meistens ist nur noch seine Hülle da, und darin nicht mehr mein lieber Papa, mit dem ich übrigens auch immer Vögel mit Feldstechern beobachtete. Am letzten Wochenende wurde mein persönlicher Albtraum dann war, als mein Papa meine Mama fragte: „Wer ist die Frau?“ – Die Frau war ich, und mein Vater hat mich zum ersten Mal nicht mehr erkannt. Natürlich weiß der logische Part in mir, dass es eben so ist, dass das der Lauf des Lebens ist, aber für mich ist damit ganz viel in mir drin zerbrochen.
    Meine Mutter lebt nur noch dafür, sich um ihn zu kümmern, er klammert sich sehr an sie und sie gibt ihr Bestes, was ich sehr bewundere. Doch es macht mir auch Angst, Angst vor dem „danach“.

    Es tut mir unglaublich leid, dir mein Mitgefühl zum Verlust deiner Mutter auszusprechen, und dass nun auch dein Väterchen sich allmählich auf die Reise begibt … mir fällt nichts ein, was Kraft geben könnte. Einfach nur: ich fühle mit dir, ich denke an dich. Und das von ganzem Herzen.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Vielen lieben Dank.
      Meine Mutter hatte auch jahrelang Alzheimer, ich kann dir nachfühlen, wie es dir geht. Das erste Mal, als sie mich nicht erkannte, war für mich auch schwer. Aber sie konnte ja nichts dafür.
      Nun bin ich also Waise, was sich auch in meinem Alter seltsam und traurig anfühlt, niemandes Kind mehr…

  23. Miss Booleana schreibt:

    Wow, wunderbare Worte. Man meint deine Erinnerungen vor dem geistigen Auge zu sehen!
    Ich wünsche euch sehr viel Kraft für diesen schweren Gang

  24. Pingback: Blogbummel in unruhigen Zeiten: Februar/März 2020 – buchpost

  25. Michael Mittelhaus schreibt:

    Ein schöner, ein bemerkenswerter Text. Es fällt schwer, Dir zu antworten. Vielleicht so viel: Ich habe Ende 2018 meinen Bruder in seinen Abschied begleitet, so gut es eben ging.
    Es hat mir viel geholfen, meine Erinnerungen an ihn aufzuschreiben, es hilft mir auch aktuell noch viel. Das ist nur für die Familie gedacht, aber ich möchte unseren Kindern möglichst viel von ihrem „Onkel Peter“ hinterlassen.

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