Vera und Rebecca

Vor einiger Zeit habe ich schon einmal über Elizabeth von Arnim geschrieben, damals in der Zusammenschau mit ihrer Cousine Katherine Mansfield. Da ich zu jenem Zeitpunkt erst ihre leichteren und sehr unterhaltsamen Elizabeth-Romane gelesen hatte, schätzte ich ihre Romane leichtgewichtiger ein als die ihrer Cousine. Aber da kannte ich Vera (von 1921) noch nicht.

Auf Vera kam ich, weil ich an mehreren Stellen Positives dazu gelesen hatte, es sei ihr bester Roman und irgendwo stand, dass Vera eine Art Vorgängerroman oder Inspirationsquelle zu Daphne du Mauriers Rebecca gewesen sei. Und da letzterer einer meiner Lieblingsromane ist, wollte ich doch zu gern wissen, wie sich die Romane zueinander verhalten.

Die Ausgangssituation ist ähnlich: Junge Frau hat gerade ihren Vater verloren, trifft auf etliche Jahre älteren, attraktiven, wohlhabenden Mann, der kurz zuvor unter etwas mysteriösen Umständen zum Witwer geworden ist. Seine erste Frau Vera ist bei einem Sturz ums Leben gekommen. In gewisser Weise ähneln sich die Stoffe von Rebecca und Vera anfangs noch, weil der Witwer, Everard, ziemlich väterlich daher kommt, wie auch Maxim de Winter, und die junge Frau, diesmal nicht namenlos wie die Erzählerin in Rebecca, sondern Lucy geheißen, doch arg zu ihm aufschaut, ihm vertraut, ihn alles in die Hand nehmen lässt. Und natürlich, das kommt erst später, die Befürchtungen im Zusammenhang mit der ersten Frau.

Aber da enden die Gemeinsamkeiten auch schon. Statt Gesellschafterin einer unsympathischen High-Society-Tucke zu sein wie die Erzählerin in Rebecca, hat Lucy die liebevolle Unterstützung ihrer Tante Dot, die bald ungute Gefühle entwickelt, wenn es um den irgendwann und irgendwie fast allgegenwärtigen Everard geht.

Was zunächst als Unterstützung in schweren Zeiten begann, entwickelt sich rasch zu einer leidenschaftlichen Verliebtheit. Da das Ganze reichlich schnell nach dem Tod des Vaters bzw. Veras geschieht, will Lucy eigentlich das Trauerjahr abwarten, bevor sie heiraten. Doch es soll alles anders kommen.

Man ist zunächst selbst ganz angetan beim Lesen von Everard und seiner Liebe zu Lucy, aber nach und nach wird einem der Mann immer unangenehmer. Er ist sehr selbstgefällig, selbstgerecht, hört sich gern schwadronieren und alles muss absolut nach seinen Vorstellungen laufen, sonst wird er äußerst unangenehm. Die romantische Verbindung also zeigt sehr bald tiefe Einblicke in eine Beziehung mit einer narzisstischen, tyrannischen Persönlichkeit. Auch die Entschuldigungen, die Lucy für ihn findet, hat man vielleicht schon in anderen Zusammenhängen (bei Freund*innen in ähnlich zerstörerischen Beziehungen) gehört. Für Lucys Bedenken und Ängste hat Everard jedenfalls wenig bis gar kein Gefühl. So wird aus der einst übermächtig wirkenden ersten Frau plötzlich eine Verbündete, eine Leidensgenossin. Besonders schön fand ich eine Szene, in der Vera über die Bücher in ihrer eigenen kleinen Bibliothek begreifbar wird.

Ich hoffe, ich habe nicht zu viel verraten. Jedenfalls kann ich den Roman sehr empfehlen. Er fängt harmlos an und wird immer besser und spannender. Und mir hat der Roman gezeigt, dass Elizabeth von Arnim noch viel mehr kann und konnte, als gut zu unterhalten.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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9 Antworten zu Vera und Rebecca

  1. Susanne Haun schreibt:

    Schön, wieder etwas von dir zu lesen, Petra. 🙂
    Einen sonnigen Gruß aus dem schwül heißen Berlin von Susanne

  2. Sonja Werle schreibt:

    Wie schön, etwas über Elizabeth von Arnim zu lesen! Ich habe viele ihrer Bücher gesammelt und bin immer wieder fasziniert von ihrer Vielfalt

  3. Stepnwolf schreibt:

    Das Prinzip, einen Menschen über seine im Regal stehenden Bücher teilweise charakterisieren zu können, kann ich auf Musik übertragen. Wenn ich das erste Mal bei jemanden daheim bin, steuere ich zielstrebig Richtung Musikabteilung und schaue, was sich dort so finden lässt…

  4. Tobi schreibt:

    Liebe Petra,

    das hört sich ja wieder nach einem richtigen Geheimtipp an. Also ich mag es, wenn Du über etwas schreibst, dass so komplett nicht kommerz ist. Rebecca fand ich ja auch klasse und da hört sich Vera schon auch echt gut an. Leider gibt es nur ein paar wenig ansehnliche Ausgaben. Da muss ich auf jeden Fall nochmal stöbern. Also wenn Du noch mehr Romantipps hast, die so ähnlich wie Rebecca sind, dann würde mich das sehr freuen!

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Lieber Tobi,

      das freut mich, dass der Tipp was für dich ist : ) Eine Neuverfilmung von Rebecca wird es wohl demnächst geben. Wobei ich die alte sehr mag, obwohl eine entscheidende Sache verändert wurde.

      Liebe Grüße!

  5. Pingback: Vom Niedergang der Buchblogs – lesestunden

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