Die heiteren Krimis Walter Satterthwaits

Wie ihr wisst, meine Lieben, lese ich selten Krimis. Für viele der neueren bin ich zu „zart besaitet“, sprich: Blutrünstiges en détail geht gar nicht. Auch wenn es „nur“ geschrieben steht, ist mein Gedankenkino in voller Fahrt und da kann ich – anders als in „richtigen“ Kinofilmen – leider nicht wegkucken. Also müssen es Krimis der rücksichtsvolleren Art sein (Cozy Crime nennt man das wohl heute) – oder gar keine.

Mit den Krimis von Walter Satterthwait bin ich immer gut zurechtgekommen. Mir gefällt, dass sie oft in den 1920er oder 1930er Jahren spielen, dass der Autor die Atmosphäre dieser Jahre gut darstellt und dass gelegentlich echte, also historisch verbürgte Personen in seinen Krimis vorkommen. Besonders ans Herz legen möchte ich euch die kleine Serie um den Pinkerton-Detektiv Phil Beaumont und die Gesellschafterin und Hobby-Detektivin Jane Turner sowie die Miss-Lizzie-Serie. Beginnen wir mit der erstgenannten Serie, deren einzelne Teile Eskapaden, Maskeraden und Scharaden heißen. Zwei davon stelle ich euch näher vor.

Eskapaden

Es könnte ein ganz reizendes Wochenende bei Viscount Robert („Ich heiße Bob“) und Viscountess Alice Purleigh auf Schloss Maplewhite 1921 werden, wohin die Gastgeber eine illustre Runde zur Séance gebeten haben. Anwesend sind unter anderem der trotz aller Selbstherrlichkeit sympathische Entfesselungskünstler Harry Houdini, der mit seinem „Sekretär“ Phil Beaumont anreist. Phil Beaumont ist eigentlich ein „Pinkerton-Mann“ und von Houdini zu dessen Schutz vor seinem Rivalen Chin Soo engagiert worden. Des Weiteren reisen an der bodenständige Sir Arthur Conan Doyle, dessen Spürsinn allerdings hinter dem seines Sherlock Holmes etwas zurückbleibt (vermutlich, weil er zu sehr dem Übersinnlichen anhängt), der arrogante Sir David, die verführerische und kluge Mrs Corneille, die unmögliche Mrs Alladyce und ihre intelligente Gesellschafterin Jane Turner sowie Dr. Auerbach, der die Anwesenden mit den Theorien Freuds beglückt.

Noch ehe es überhaupt zum eigentlichen Höhepunkt des Wochenendes kommt, gibt es einen Selbstmord, der nach Mord riecht, etliche Geistererscheinungen und einen Mordversuch. Unversehens hat Phil Beaumont alle Hände voll zu tun, tatkräftig unterstützt von Houdini, Doyle und Jane Turner.

Die Figuren sind liebevoll überzeichnet: Der adlige Gastgeber, der aufgrund der Lektüre des Kapitals zum Bolschewisten wird, seine aristokratische Gattin, die leicht nymphomane Tochter Cecily, der schrullige Doyle, das skurrile Medium Madame Sosostris – sehr putzig.

Erzählt wird die Story im Wechsel durch Briefe von Jane, die damit ihre Freundin über die sich überstürzenden Ereignisse auf dem Laufenden hält, sowie aus der Perspektive Phils. Auch das ist sehr reizvoll: Die sensible, emotionale und dennoch ironische Sicht Janes gegenüber der pragmatischen Perspektive Phils. Insgesamt überaus amüsant, spannend und empfehlenswert.

Maskeraden

Für die Fortsetzung zu Eskapaden muss man den Vorgänger nicht kennen, da die Teile in sich geschlossen sind. Aber schaden tut es natürlich nicht. Diesmal ermitteln Jane Turner und Phil Beaumont unabhängig voneinander im gleichen Fall. Wieder geht es um einen vermeintlichen Selbstmord und wieder treffen die beiden, diesmal in Paris, auf die Größen ihrer Zeit: der nette Elefant im Porzellanladen Ernest Hemingway, die sympathische und von sich sehr eingenommene Gertrude Stein, ferner Man Ray, Eric Satie etc. Und alles immer im Rahmen ihrer Aufklärungsarbeit.

Auch lebt der Krimi erneut vom Reiz der unterschiedlichen Erzählweisen: Jane schreibt wieder Briefe an ihre niemals auftauchende Busenfreundin Evangeline mit vielen Spitzen gegen ihre „Chefin“, denn sie ermittelt verdeckt als Kindermädchen einer stinkreichen Familie. Phil ermittelt offen, oder wie auch immer das Antonym zu „verdeckt“ in solchen Fällen heißen mag, gemeinsam mit einem sehr französischen Franzosen, der sich verzweifelt müht, den Amerikaner für die Feinheiten der Haute Cuisine und der insgesamt gehobenen Lebensweise zu begeistern. Phil beschreibt dem Leser aus seiner schon aus den Eskapaden bekannten nüchternen Sicht die Ereignisse. Die Dialoge, besonders mit den diversen Berühmtheiten, sind witzig und geistreich.

Miss Lizzie

Lizzie Borden mit dem Beile / Hackt Mama in vierzig Teile. / Das Ergebnis freut sie sehr. / Bei Papa wird’s ein Teil mehr.

War sie’s oder war sie’s nicht? Lizzie Borden wurde zwar in den 1890er Jahren frei gesprochen vom Mord an ihrem Vater und ihrer Stiefmutter, aber so richtig geglaubt hat ihr das keiner. Fasziniert von der möglichen Gefahr, aber auch gebannt von ihrem Charme freundet sich die dreizehnjährige Amanda im Sommer 1921 mit der netten älteren Dame an. Sie weiß, dass Miss Lizzie die Lizzie ist, aber das erhöht eigentlich nur den Reiz der heimlichen Freundschaft. Bis wieder ein Mord geschieht. Diesmal trifft es die ungeliebte Stiefmutter von Amanda und wieder hat der Mörder ein Beil als Tatwaffe verwendet. Unschön, dass ausgerechnet Amanda die Leiche entdecken muss.

Miss Lizzie weiß genau, was auf sie zukommen wird, so engagiert sie selbst außer dem sehr schneidigen Anwalt Darryl Slocum auch den sehr cleveren Pinkerton-Mann Harry Boyle. Denn Chief da Silva hat nie verwunden, dass er Miss Lizzie nicht des Mordes an ihren Eltern überführen konnte.

So weit, so spannend. Und geschrieben ist dieser etwas blutrünstigere Krimi wieder herzerfrischend in gewohnt hervorragender Satterthwait-Manier. Walter Satterthwait plaudert intelligent, witzig und gewandt, dass man fast bedauert, wenn die Fälle der Auflösung entgegengehen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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20 Antworten zu Die heiteren Krimis Walter Satterthwaits

  1. Frau Blau schreibt:

    ich habe jetzt lange keine Krimis mehr gelesen, diese klingen als könnten sie mir auch gefallen – danke dir!
    hab eine feine Woche
    herzliche Grüße Ulli

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Da geht es uns ja ähnlich, liebe Ulli : ) Diese Krimis kann ich wirklich besten Gewissens empfehlen, gut geschrieben und eben auch eher cozy als brutal (vor allem die Eskapaden, Maskeraden, Scharaden). Dir auch eine schöne Woche & liebe Grüße!

  2. Pit schreibt:

    Hallo Petra,
    danke für den Tipp.
    Liebe Grüße aus dem südlichen Texas,
    Pit

  3. IngridW schreibt:

    Obwohl ich durchaus gern zwischendurch Krimis lese, muss ich zugeben, dass mir Walter Satterthwait bislang völlig unbekannt war. Na, das könnte sich bald ändern … Herzliche Grüße, Ingrid

  4. Philipp Elph schreibt:

    Danke für das Anstupsen. Hab mir mal wieder einen Satterthwait aus dem Regal geholt. Werde ihn mal wieder genießen.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ah, noch ein Fan, wie schön : ) Du liest sowieso gern Krimis, nicht wahr? Das entnehme ich zumindest mal deinen Buch-Tipps ; )

      • Philipp Elph schreibt:

        Ja, auch Krimis lese ich und die dürfen zuweilen auch blutig sein! Ich folge gern den Empfehlungen von Tobias Gohlis in DIE ZEIT. Dabei darf es auch mal lutig zugehen, brutalstmögliche Fiktion mag ich aber auch nicht.

  5. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Dann bist du offenbar härter im Nehmen als ich, lieber Philipp, sei froh! Ich finde das immer schade, dass mich das so „mitnimmt“, sicher entgehen mir eine Menge spannender Krimis und Thriller. Aber ich kann’s leider nicht ändern.

  6. Lakritze schreibt:

    Ich gehöre ja auch eher zur unblutigen Leserfraktion. Insofern bin ich immer dankbar für Tips — Satterthwait kommt gleich auf die Liste!

    • Philipp Elph schreibt:

      Liebe Lakritze, in einigen Wochen – nachdem ich noch einige blutige Stücke verarbeitet haben werde – werde ich mich „Miss Lizzie kehrt zurück“ widmen. Wenn ich mit der fertig bin, könnte ich sie Dir rüberschicken.

  7. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Oh, prima, meine Gäste (Lakritze und Philipp) besprechen schöne Tauschgeschäfte : ) Ihr wohnt wohl in der Nähe voneinander? Das ist ja praktisch! Liebe Grüße euch beiden!

  8. karu02 schreibt:

    Die ersten beiden habe ich gerade bestellt, bin sehr gespannt. Danke für den Tipp.

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