ZEITungsfrühstück, Folge 31

Wenn ich mich nicht verzählt habe, ist dies schon das 31. Zeitungsfrühstück – nicht übel für eine regelmäßig-unregelmäßige Serie. Und sehr erfreulich für mich, dass sie unter euch so viele Fans gefunden hat : ) Hier also wieder mein persönliches, kommentiertes Best of aus Zeitmagazin, Reisen, Feuilleton und (Überraschung!) dem Wirtschaftsteil:

Foto: (c) Gerda Kazakou

Harald Martensteins Kolumne befasst sich diesmal mit diskriminierenden Beschimpfungen. Nun sollte man meinen, dass eine Beschimpfung per se diskriminierend ist, also für den Beschimpften. Es geht allerdings um Beschimpfungen, die ihrem Sinn nach zunächst andere, soziale et al. Gruppen herabwürdigen. Amüsant zieht Martenstein wieder einmal seine wunderbar ironischen Folgerungen daraus.

Im Reiseteil gibt es mehrere Artikel und ein Interview mit Dieter Hildebrandt (nicht online, leider), die sich mit der Bahn befassen. Mark Spörrle, Co-Autor launiger Bücher zum Thema Bahnreisen, berichtet in „Die Kehr(t)wende“ von den diesjährigen Plänen der Bahn, auch im Winter einigermaßen zügigen Bahnverkehr zu gewährleisten. Darin erfährt man nebenbei so interessante Dinge wie den Abbau von 100.000 Stellen bei der Bahn seit 1994. Leider noch nicht online ist „Stau im leeren Raum“, wo Christoph Hennig über den unerfüllten Traum vom problemlosen Reisen schreibt: Die Vielzahl schneller Verkehrsmittel führt leider nicht unbedingt zu hinderungsfreien Ortswechseln, sondern dazu, dass immer mehr Menschen das Mobilitätsversprechen für sich einlösen möchten – wobei erstaunlich viel Zeit auf der Strecke bleibt.

Das Feuilleton beschäftigt sich unter anderem mit dem Thema Gerechtigkeit. Thomas Assheuer geht in „Alles, was gerecht ist“ dem Gerechtigkeitsbegriff im Laufe der Jahrtausende nach – sehr interessant, aber bedauerlicherweise ebenfalls nicht online. Sahra Wagenknecht und Heiner Geißler machen sich in einem Interview Gedanken über Kapitalismus, Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Und in „Der Philosoph hat eine Idee“ kommentiert Elisabeth von Thadden etwas unentschlossen Richard David Prechts Vorschlag, Rentner zu einem sozialen Pflichtjahr zu verdonnern.

In „Meins ist deins“ im Wirtschaftsteil schreibt Kerstin Bund über einen neuen Konsumtrend: Weg vom Besitz hin zum Nutzen, das Teilen und Tauschen als sozial wärmendes Erlebnis. Ihr kennt das sicher auch: CarSharing, Fahrradverleih, Tauschbörsen, Privatwohnungen statt Hotels etc. Nicht mehr die Dinge oder ihr Besitz stehen im Vordergrund, sondern ihr Nutzen. So brauche man eigentlich keine Bohrmaschine, die die meiste Zeit ungenützt herumliegt und Platz beansprucht, sondern wolle nur gelegentlich Löcher in die Wand bohren. Das ist zwar gut beobachtet, zeigt aber meiner Ansicht nach nicht unbedingt eine soziale Klimaerwärmung oder eine Art Abwendung von der Konsumgesellschaft (konsumiert wird ja auch beim Tauschen und Teilen), sondern eine weitere Entwicklung: Das Abgebenwollen von Verantwortung für diese Dinge, die wir nur hin und wieder brauchen. Jemand anderes möge sich beispielsweise um die Wartung des Autos kümmern, wir wollen es nur verwenden, wann immer es uns beliebt. Das ist natürlich prinzipiell in der Tat „erleichternd“ und sorgt vielleicht sogar für weniger Fahrzeuge auf den ohnehin überlasteten Straßen, aber übertragen auf andere Lebensbereiche geht diese Haltung auch mit Egoismus und Verantwortungslosigkeit einher. Ich will alles, am besten sofort, in höchstmöglicher Qualität, mich aber dafür keineswegs anstrengen oder verantwortlich fühlen müssen. Im Gegenteil: Sollte das Fahrzeug vom CarSharing Defekte aufweisen, beschwere ich mich, statt aktiv zur Beseitigung der Defekte beizutragen. Das Recht dazu habe ich mir mit meinem Mitgliedsbeitrag erkauft. Geld statt Fürsorge. Wie gesagt, übertragen auf andere Lebensbereiche, gerade soziale zum Beispiel, keine rosigen oder gar wärmenden Aussichten.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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7 Antworten zu ZEITungsfrühstück, Folge 31

  1. haushundhirschblog schreibt:

    Liebe Petra,
    auch mit der 31. Folge Deines ZEITungsfrühstücks hast Du wieder eine lesenswerte und abwechslungsreiche Auswahl getroffen. Den Martenstein haben wir wieder gerne gelesen und dabei sogar etwas neues gelernt. Hatten wir den Lahmarsch bisher doch etwas anders interpretiert 😉
    Das Interview der ZEIT mit Sarah Wagenknecht und Heiner Geißler haben wir mit viel Lust und Interesse gelesen, weil uns die Themen „Kapitalismus, Gerechtigkeit und Nächstenliebe“ grundsätzlich interessieren. Der Satz „Wir haben weltweit eine massive Verletzung des Gerechtigkeitsgebots, die von der Völkergemeinschaft hingenommen wird.“ enthält für uns eine beschämende „Wahrheit“.
    Danke Dir!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Danke, ihr Lieben! Schade, dass dieser „Meins ist deins“ noch nicht online ist, der hätte euch bestimmt auch gefallen. Ich habe versucht, die Grundaussagen zusammenzufassen, aber das ist natürlich nicht das Gleiche, wie den Artikel im Original zu lesen.

  2. Hildegard schreibt:

    Wie wär’s, wenn Herr Precht mal ein soziales Pflichtjahr ableistete und solange mal nichts zu irgendwas sagen würde?

    Ich mein‘ ja bloß.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      : ) Bisher war er mir ganz sympathisch, aber diesen Vorschlag finde ich in der Tat geradezu ignorant.

      • buechermaniac schreibt:

        Hast du Herrn Precht schon einmal persönlich kennen gelernt? Ich habe ihn mal hinter den Kulissen einer Fernsehsendung, getroffen. Ich mag den nicht so sehr.

        Aber nun zu was anderem: Dein Zeitungsfrühstück ist grossartig, vielen Dank für deine Mühe, die du dir immer gibst!
        Nun könnte man auch hier sagen, „Meins ist deins“, ich muss mir die Zeitung nicht mehr kaufen, du erledigst das ja für uns und ersparst uns, alles zu lesen, weil du schon mal vorselektierst ;). Spass beiseite, du hast was Wahres über „Meins ist deins“ gesagt, mit der Verantwortung. Es würde vor allem auch in der Landwirtschaft Sinn machen, gemeinsam gewisse Geräte zu besitzen und zu teilen, schon wegen der Anschaffungskosten. Aber ich habe von Bauern schon persönlich gehört, dass dies auch nicht wirklich funktioniert, wenn die Wartung nicht vorgenommen wird. Dann ist immer einer der Doofe.

  3. Penelope schreibt:

    Sein Auftreten in Talkshows ist ja so inflationär, dass da vielleicht schon 1 Jahr am Stück herauskommt an Weltretterei – er sollte es dabei belassen & mal ein Schweigejahr einlegen 😉

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