Die Buchhandlung

Dieser Titel hält erfreulicherweise nicht, was man sich davon versprechen könnte: Es geht also nicht um eine bezaubernde junge Frau, die eine Buchhandlung auf dem Lande eröffnet und nach allerlei Wirrungen Erfolg damit hat und natürlich die Liebe ihres Lebens trifft. Im Gegenteil. Penelope Fitzgerald erzählt in diesem Roman eine klischeefreie, unvorhersehbare Geschichte.

Wir befinden uns im Jahr 1959. Die Hauptfigur heißt Florence Green. Von ihrer äußeren Erscheinung erfahren wir erfrischend wenig. Penelope Fitzgerald erspart uns Beschreibungen von kastanienbraunen Locken oder grünen Augen. Schon gar nicht ist Florence jung oder besonders charmant: „Sie war klein, schmal und drahtig, von vorn wirkte sie unscheinbar und von hinten erst recht“, heißt es über sie auf Seite 10. Außerdem ist sie mittelalt und verwitwet. Aber sie mag Neuanfänge und beschließt, in einem Dorf an der ostenglischen Küste eine Buchhandlung zu eröffnen.

Auch hier keinerlei Klischees: Florence ist mitnichten eine große Leserin, die sich nur in der Umgebung vieler Bücher wohl fühlt. Die Schriftstellerin erfüllt keine Erwartungen an typische Büchermenschen mit ihrer Hauptfigur. Florence ist vernünftig, eine patente Person, nicht zu resolut, aber doch genug, um ihren Plan auch gegen Widerstände durchzusetzen. Sie war einst Verkäuferin in einer Buchhandlung. Aber weder maßt sie sich Urteile über Bücher an (dazu fühlt sie sich außer Stande) noch scheint sie besonders viel zu lesen. Bücher sind für sie eine Ware, mit der sie sich nur besser auskennt als mit anderen Waren. Dies, der Tod ihres Mannes, den sie in der Buchhandlung von früher kennenlernte, und wohl auch die Schließung jener Buchhandlung, deren Reste sie aufkauft, sind die Hauptgründe für ihre Geschäftsgründung. Dabei behält sie die Interessen der Dorfbewohner im Blick. Sie versucht nicht, deren Geschmack mit anspruchsvoller Literatur zu formen. Sei es, weil sie sich dazu zu wenig auskennt oder weil sie nicht pleitegehen will. Nur einmal macht sie einen solchen Versuch, indem sie Nabokovs Lolita in ihr Sortiment aufnimmt. Darüber hat sie allerdings auch nicht selbst entschieden, sondern ihren einzigen Verbündeten im Dorf um dessen Meinung gebeten.

Florence könnte einige Verbündete mehr gebrauchen, denn die einflussreiche Mrs. Gamart würde aus ihrer Buchhandlung lieber ein Kulturzentrum machen, Florences Anwalt ist ein Weichei, wenn es um die Wahrung ihrer Interessen geht, und ihr Bankberater ist auch keine Hilfe. Selbst Milo, den sie lange für einigermaßen vertrauenswürdig hielt, erweist sich als Opportunist.

Das Schöne an dem Roman ist nicht nur seine Klischeefreiheit, es ist auch der trockene Witz, mit dem die dörfliche Gesellschaft und die typischen Rituale beschrieben werden. Beispielsweise bei den teilweise absurden Briefwechseln zwischen Florence und ihrem Anwalt oder auch bei der bekannten Situation auf Beerdigungen: „die Gäste versammelten sich dort und redeten und lachten und unterdrückten dann ihr Gelächter und wußten kaum, wohin damit“ (S. 146).

Interessant auch, dass Penelope Fitzgerald bei aller Nüchternheit im Stil kein Problem damit hat, in dem alten Haus, das die Buchhandlung beherbergt, einen Poltergeist vorkommen zu lassen. Übrigens auch sonst niemand, für die Dorfbewohner ist ein „Klopfer“ so normal wie für uns ein Mobiltelefon, nur dass er sich nicht einfach abstellen lässt, wenn er nervt. Und beim Lesen nimmt man das dann ebenfalls als gegeben hin, zumal der Roman ansonsten keine gruselromantypischen Entwicklungen nimmt.

Üblicherweise werden uns bei den beliebten Büchern über Bücher, das Lesen und die Leserschaft, über Sammler oder Bibliotheken positive Bilder von Büchermenschen präsentiert, gern nostalgisch ausgeleuchtet. Ich mag solche Bücher, die ich zur Kategorie Bücher- und Leselob zähle, durchaus. Aber ich freue mich über diese Entdeckung, die diesem Genre so gar nicht entspricht. Und ich freue mich auch, dass der Insel Taschenbuchverlag diesen Roman der längst verstorbenen Schriftstellerin (sie lebte von 1916 – 2000) ins Programm genommen hat. Er macht Lust auf weitere Romane von Penelope Fitzgerald. Die Buchhandlung, aus dem Englischen übersetzt von Christa Krüger, eignet sich für Leserinnen und Leser, die Realismus, guten Stil und eine für das Genre ungewöhnliche Geschichte zu schätzen wissen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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28 Antworten zu Die Buchhandlung

  1. Pingback: [Philea's] Die Buchhandlung - #Literatur | netzlesen.de

  2. Und was fehlt mal wieder, liebe Petra? Na?

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ist ergänzt. Machst du das eigentlich bei allen Bücherblogs? Das stelle ich mir ziemlich aufwändig vor, ich fürchte, viele vergessen die Übersetzerin bzw. den Übersetzer zu erwähnen. Bei der Gelegenheit müsste man eigentlich gerechterweise auch Lektorinnen und Lektoren, Illustratorinnen und Illustratoren etc. nennen. Oder die Verlage, was ich auch nicht jedes Mal tue. Hoffentlich kommt nicht mal wer und will, dass ich das alles nachtrage ; )

      • Ich lese kaum Bücherblogs, also hält sich das schon in Grenzen. 😉 LektorInnen zählen im Gegensatz zu den IllustratorInnen übrigens nicht zu den Urhebern der fremdsprachigen Ausgaben. Ein Link zur Verlagsseite genügt in den meisten Fällen, da stehen (bzw. sollten es unbedingt!) die Namen. Wenn nicht (kommt vor), hagelt es Proteste unsererseits. Komisch, dass es sich bei Fotos längst herumgesprochen hat, die deutschen Stimmen ausländischer AutorInnen aber gern ignoriert werden, was übrigens nicht zulässig ist.

      • Rabin schreibt:

        Hmmm… ich gebe auch nie den/die Übersetzer an. Sollte ich mich wohl auch umgewöhnen und danke daher euch beiden für diese Anregung. Und dir Petra muss ich leider sagen, du hast mir keinen Gefallen getan. Nun habe ich wieder ein Buch, dass ich auf meine Wunschliste packen muss, wie soll die da jemals kleiner werden. 😉

  3. Maria Bermejo schreibt:

    Sofort vorgemerkt bei meiner To-Read-Liste! Danke!

  4. IngridW schreibt:

    Hallo Petra, ich habe das Buch vor längerer Zeit in DruckSchrift besprochen (https://druckschrift.wordpress.com/2012/09/10/penelope-fitzgerald-die-buchhandlung/), bin aber zu einer ganz anderen Einschätzung gekommen. Sooo unterschiedlich können Einschätzungen ausfallen … Einen schönen Rest-Sonntag, Ingrid

  5. Tobi schreibt:

    Hallo Petra,

    das Buch hört sich echt interessant an. Mich nerven diese Bücher total, die das Büchermenschenleben so überaus positiv darstellen und sich in nostalgischen Bücherladenklischees suhlen. Aus dem Grund hätte ich wohl zu einem Buch mit dem Titel nicht gegriffen. Aber so wie du das Buch vorstellst, insbesondere mit der ordentlichen Brise Humor und Realismus hört sich das schon lesenswert an.

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Hallo Tobi, das Buch ist insgesamt eher traurig als lustig, amüsant wird es immer dort, wo die Schriftstellerin die dörflichen Gesellschaftsverhältnisse beschreibt. Kein Schenkelklopferhumor, sondern subtil. Die Stimmung insgesamt ist von dem ungemütlichen Wetter und einer gewissen Trostlosigkeit geprägt, die alle Lebensbereiche zu durchdringen scheint. Auch hier also klischeefrei, keine ländliche Idylle. Kannst ja mal gelegentlich reinlesen, ob es dich packt. Liebe Grüße!

  6. perlengazelle schreibt:

    Die von vorne und hinten gleichermaßen unscheinbare Florence, die pragmatisch ohne viel Gedöns ihre Buchhandlung betreibt, scheint eine Frau nach meinem Geschmack zu sein. Und subtiler Humor ist immer gut. Deine Rezension ist höchst appetitanregend. 🙂

  7. saetzebirgit schreibt:

    Liebe Petra,
    Du weißt, meist bin ich mit Deinen Beurteilungen sehr, sehr einverstanden. Aber diesmal geht es mir wie Ingrid…ich kam mit dem Buch auch nicht klar, fand es ein wenig langweilig und unausgewogen, und hab wohl keinen Sensor für den Humor gehabt. Neulich wollte ich noch das Novalis-Buch von Fitzgerald lesen, habe ich auch abgebrochen. Bitte keine Haue :-)!!!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Et tu, … Keine Angst, hier herrscht Meinungsfreiheit und Gewalt ist sowieso keine Lösung, liebe Birgit ; ) Ich finde es interessant, dass ihr beide nicht so damit klar gekommen seid. Vielleicht muss man in Stimmung sein? Als ich das Buch las, war draußen in etwa so ein Wetter wie drinnen, also im Roman. Und wie gesagt: Ich fand es erfrischend, dass darin die ganzen Bibliophilen-Klischees fehlen. Und lustig fandste’s auch nicht? Lies noch mal die Briefwechsel, die sind doch … finde ich jedenfalls … Ach, was soll ich nur mit dir machen? ; )

  8. perlengazelle schreibt:

    Ich werd es lesen und dann sehen wir ja, wer recht hat. 😉

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Haha, soundz like a plan : ) Du Paris der Literatur! Oder eher Pariserin? Ich bevorzuge übrigens Birnen ; )

      • perlengazelle schreibt:

        Ich habe es gelesen, mehrmals vergnügt in mich hinein gegluckst, zweimal laut gelacht und beim letzten Satz tief geseufzt. Alles ist genauso, wie du es beschrieben hast. Und das Mädchen Christine ist herrlich, die weißen und braunen Umschläge zum Weinen.
        Ich düse dann mal los ins Havelland, Birnen pflücken.
        LG die Pariserin 😉

  9. Liebe Petra,
    jetzt bin ich hin- und hergerissen – positiv gestimmt nach der Lektüre Deiner Besprechung, irritiert nach den Kommentaren und der Besprechung auf Druckschrift. Jetzt habe ich beschlossen beschlossen, einfach froh zu sein , dass das Thema derzeit nicht direkt zu meinen wichtigsten Interessen gehört und widme mich wieder meinem Haufen bzw. meinem ständig über den Haufen geworfenen Lektüreplan…
    Liebe Grüsse
    Kai

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Jetzt ham wir den Salat! ; ) Nein, lieber Kai, du machst das richtig. Wir können ja nicht alle Bücher kaufen und lesen, die gut besprochen werden.
      Ich finde es interessant, wie die Meinungen bei der „Buchhandlung“ auseinander gehen. Ist doch auch gut, dass wir nicht immer alle einer Meinung sind, sonst hätten ja nur bestimmte Bücher eine Chance und andere nie. Ich muss bei so was immer an Alberto Manguel denken und seinen Satz aus seinem „Tagebuch eines Lesers“: „Wir lesen, was wir lesen wollen, und nicht das, was der Autor geschrieben hat.“ An anderer Stelle schreibt er: „Es ist seltsam, wie Leser ihren eigenen Text herstellen, indem sie auf bestimmte Wörter reagieren, bestimmte Namen, die eine private Bedeutung für sie haben, einen privaten Klang, und von anderen nicht beachtet werden.“ Für mich erklären sich damit diese starken Meinungsunterschiede zu bestimmten Büchern. Liebe Grüße!

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