Bücherkoffer Nr. 29 von Juna/Irgendwie jüdisch

BücherbeutelIch freue mich sehr, mit Juna, die seit 2008 das lesenswerte Blog irgendwie jüdisch führt, die Bücherkoffer-Saison zu eröffnen. Juna arbeitet schon fast ihr halbes Leben lang in einem Museum. Für eine Reise in die Dolomiten hat sie einen prallen Bücherbeutel gepackt, den wir uns nun gemeinsam ansehen dürfen.

Als Juna auf Twitter ein Foto ihrer Bücher für ihre Reise postete, dachte ich mir, das wäre ein perfekter Auftakt. So freue ich mich sehr, dass sie tatsächlich spontan zusagte, bei der Serie mitzumachen. Sie ist nämlich eine begeisterte Leserin und mit Büchern aufgewachsen: „Meiner Mutter gelang es auch in der DDR an Bücher zu kommen, die sie für wichtig erachtete, die aber nur schwer zu bekommen, oder auch aus den absurdesten Gründen verboten waren. Ich konnte mit fünf lesen, brachte es mir selbst bei, weil ich wirklich lesen wollte, die Bücher ohne Bilder, in die meine Mutter sich so oft versenkte, weil ich nicht abhängig sein wollte von Erwachsenen, die vorlasen. Hörbücher gab es noch nicht. Und so ist es geblieben irgendwie … Wirkliche Entspannung heißt lesen für mich, heißt raschelndes Papier in der Stille. Ich erschloss und erschließe mir so die Welt und lernte schnell das Zwischen-den-Zeilen-lesen, dass man damals noch brauchte.“

Tasche

Zu ihrer Reise und den Bücher, die sie mitgenommen hat, erzählt Juna:

„Es ist nur eine kurze Reise in die Berge. Es musste raus gehen, weg. Einfach nur weg. Ich habe mir angelesene Bücher mitgenommen, die ich durchlesen will. Es scheint fast, als bliebe zu Hause in allem keine Zeit mehr, keine Ruhe. Wirklich lesen kann ich nur noch an den wenigen Tagen Urlaub. Dabei wuchs ich mit und in Büchern auf und kann mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Die Wochen und Monate zwischen den Büchertagen sind auch mit Büchern gefüllt, Fachbücher zumeist, lernen, weiterbilden….“

Made with Repix (http://repix.it)

Schon jetzt lässt sich sagen: Die Bücher machen in den Bergen eine hervorragende Figur. Aber lassen wir wieder Juna zu Wort kommen:

„Nun zu den einzelnen Büchern, die ich mit habe:

Roger Willemsen: Noch eine Frage

Ich bin in der Bibliothek über dieses Buch gestolpert, das ich noch nicht kannte. Man hatte dort, ihm zu Ehren die Bücher aufgereiht, die sie haben. Ich verehre ihn für seine Neugier, seine Sprache, seinen Witz und Unvoreingenommenheit. Fast jedes Jahr bekam ich zum Geburtstag ein zwei Bücher von ihm. Ich konnte mich darauf verlassen. In diesem Jahr überreichte mir meine Mutter mein Geschenk mit den Worten ‚Dieses Jahr konnte ich Dir ja keines von ihm schenken.‘ Wir wussten beide nicht, dass nie wieder eines kommen wird.

Jenny Erpenbeck: Gehen, Ging, Gegangen

Ich bekam statt meines Geburtstags-Willemsen Jenny Erpenbecks neues Buch geschenkt. Mein Glück ist, dass ich weiß, dass jedes Buch, das meine Mutter für mich auswählt, meinem Geschmack entsprechen wird, dass ich es gern lesen werde. So auch dieses … Ich habe gut die Hälfte gelesen. Möchte mir aber Ruhe dafür nehmen, nicht zwischendurch, schnell schnell. Das Thema ist heute noch schwerer als zu seiner Entstehung. Ich weiß, dass es nicht das letzte sein wird von ihr, das ich lesen werde.

Georg M. Haffner, Esther Schapira: Israel ist an allem Schuld

Auch dieses Buch bekam ich geschenkt. Es ist ein Exemplar des Deutschland Radios. Dort verschenkt man die besprochenen Bücher. Mein Freund brachte es mir nach einem Interview mit. Lange rührte ich es nicht an. Ich wollte nicht noch mehr Schwere. Nicht schon wieder dieses Thema. Doch irgendwann fing ich an. Ich verbrauche daran schon die zweite Packung PostIts. Ein viertel Buch liegt noch vor mir. Ein Buch, das mich viel zum Denken brachte, mir Denkstoff gab und mich in manchem selbst hinterfragen liegt. Ein Buch auch, das, wie ich meine, Pflichtlektüre für Journalisten werden sollte. Urlaubslektüre allerdings sieht anders aus. Daher weiß ich nicht, ob ich es hier weiter lesen werde.

Amos Oz, Fania Oz-Salzberger: Juden und Worte

Auch hier, ein halbes Buch mit vielen Klebezetteln drin. Ein Buch der Sprache, der Worte, der Analysen. Amos Oz schrieb es zusammen mit seiner Tochter. Oz geht davon aus, dass die Kontinuität der Geschichte der Juden nicht ethnischer oder politischer Kultur ist, sondern die der Sprache. Beide nehmen diese Wortgeschichte mit einer Liebeserklärung an Worte auseinander, er. der Schriftsteller und sie, die Geschichtsprofessorin. Und eigentlich reicht dieses Zitat aus dem Vorwort:

‚In der jüdischen Tradition ist jeder Leser Korrektor, jeder Schüler ein Kritiker, und jeder Autor – auch der Schöpfer des Universums – stellt eine Menge Fragen.‘

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe

Vor gerade einer Woche erschienen, bekam ich es für diesen Urlaub in die Hand gedrückt. Ich erzählte, dass ich vorhabe im Urlaub nichts weiter zu tun, als zu lesen. Die Schenkerin, deren Beruf Bücher sind, sagte nur, ‚Ich habe da was. Damit sollte der Urlaub gelingen.‘ Heute fing ich an. Es sind Geschichten und ich kann nicht mehr aufhören. Ich habe eine Ahnung, warum die Geschichten so lang nach dem Tod der Autorin auf der Bestsellerliste standen. Eine wirkliche Entdeckung.

Und dann, dann ist da für den Notfall immer doch der E-Book-Reader dabei. Nichts ist schlimmer, als nichts zu lesen zu haben – nicht nur im Urlaub. Auf ihm habe ich derzeit 730 Bücher, vom Fachbuch über Romane bis zu Krimis, sogar die E-Book-Version der Tora von Chajm Guski hab ich dabei. Ich bin also gewappnet. Auch wenn Papier mir wesentlich lieber ist, so sind es doch letztlich die Worte, die das Buch machen. Dennoch, E-Book bleibt Notfalllösung.“

Lauter sehr interessante Bücher – und mit dem Reader hast du auch genug Lesestoff, falls du eingeschneit werden solltest ; ) Ich hoffe, dein Urlaub ist schön und erholsam und bietet dir genug Zeit für schöne Erlebnisse und deine Lektüren, liebe Juna. Ganz herzlichen Dank für die Einblicke!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Bücherkoffer abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Bücherkoffer Nr. 29 von Juna/Irgendwie jüdisch

  1. Pingback: [Philea’s] Bücherkoffer Nr. 29 von Juna/Irgendwie jüdisch – #Literatur

  2. Trippmadam schreibt:

    „Nichts ist schlimmer als nichts zu lesen zu haben.“ Wahrscheinlich gibt es doch Schlimmeres, aber ich muss zugeben, ich werde zittrig, wenn ich kein Buch griffbereit habe, um mich im Notfall darin zu versenken. Möglicherweise ein Relikt aus meiner nicht so schönen Kindheit und Jugend, aus der ich mich mit Hilfe von Büchern wegträumen konnte. Ich habe ja lange mit dem E-Book-Reader gehadert, auch wenn er praktisch ist. Inzwischen habe ich Krimis und Reiselektüre auf dem Reader. Die Bücher, in die ich mich ernsthaft verliebe, will ich lieber auf Papier besitzen.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Mir geht es ähnlich, die Angst, kein Buch mehr in petto zu haben, ist ein bisschen so, wie am Samstagabend zu merken, dass die Zigaretten zur Neige gehen … So entsteht wohl auch Tsundoku, das permanente Kaufen von Büchern, ohne sie zu lesen. Wobei ich sie natürlich durchaus lese, nur eben nicht sofort. Ein E-Book-Reader ist prima, um einen Großteil der Bibliothek immer dabei zu haben. So zumindest meine Vorstellung, ich lese immer noch ausschließlich analog.

  3. Susanne Haun schreibt:

    Diese Angst, die ihr beschreibt, die kenne ich so gut!
    Zu Weihnachten habe ich ein Tolino bekommen und so kann auch ich mit ruhigem Gefühl in die kommenden Urlaube fahren. Zur Not gibt es WLan und so ist es möglich auch von unterwegs Verbindung mit dem Tolino Verbindung in die Heimatblibliothek aufzunehmen.
    Die Bücherliste gefällt mir gut, es ist selten, dass ich von so vielen der vorgestellten Bücher schon etwas gehört habe.

  4. Unter uns, mein wirklicher Albtraum ist es ja, in einem Fahrstuhl stecken zu bleiben und nichts dabei zu haben. Beim E-Reader kann man auch zur Not aus der Ferne Bücher aus der Bibliothek ausleihen. Aber wie gesagt, ich bin doch eher ein Papiermädchen.

    Achso, inzwischen habe ich Lucia Berlin halb durch und sage: lesen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s