Der Club

Takis Würgers Roman Der Club ist ein gut durchkonstruierter Pageturner, den ich gleich noch einmal gelesen bzw. meinem Liebsten vorgelesen habe. Unter anderem, um zu schauen, ob Würger wirklich alle Fäden, die er miteinander verwoben hat, am Ende fein versäubert.

Bei diesem Roman, erschienen bei Kein & Aber, stimmt einfach alles, nicht mal der Einband sieht zufällig so stylish aus: diagonale Streifen in Blau, Schwarz und Silber – eine Farbkombination, die uns im Laufe des Romans wiederbegegnen wird. Und so viel sei schon mal verraten: Die einzelnen Fäden sind in der Tat ordentlich versäubert.

Doch zur Sache. Der Roman ist gut gemischt: man nehme etwas Coming-of-Age, einen Schuss Campus Novel, einen kräftigen Schuss Krimi und ein bisschen Liebesgeschichte. Erzählt wird aus mehreren Perspektiven, besonders der von Hans, einem jungen Mann, der als Jugendlicher seine Eltern verlor. Dabei überschattete der anscheinend jederzeit mögliche Tod seiner Mutter bereits seine Kindheit, aber als der Tod dann wirklich kommt, ist er ganz anders als erwartet.

Überhaupt spielen Unsicherheit, Zweifel, auch Ängste eine wichtige Rolle. Hans, ein Außenseiter, den die Kinder gern piesacken, muss erst lernen, sich auf angemessene Weise Respekt zu verschaffen und Freunde zu finden. Seine ersten Versuche scheitern so traurig an seiner kindlichen Logik, dass man im Geiste aufmunternd nickt, als sein Vater beschließt, den Jungen in den Boxunterricht zu schicken. Später, als seine Eltern tot sind, wird das Boxen noch einmal wichtig werden, da es ihm den Eintritt in einen Eliteclub in Cambridge verschaffen könnte. Seine Tante Alex, selbst Professorin für Kunstgeschichte in Cambridge und Halbschwester seiner Mutter, bittet ihn, nach Cambridge zum Studieren zu kommen und ihr zu helfen, dort, eben in jenem Club, etwas, wohl ein Verbrechen, aufzuklären. Erst peu à peu versteht man, was genau Hans aufklären soll, und reimt sich vorab schon ein paar Theorien zusammen. Aber es ist dann doch noch mal etwas anders.

Weitere Personen, aus deren Perspektiven erzählt wird, sind besagte Tante, Charlotte, eine Doktorandin der Tante, die ebenfalls größtes Interesse an der Aufklärung gewisser Dinge hat, die sich in jenem Club ereignen, sowie diverse Mitglieder bzw. Möchtegern-Mitglieder des Clubs, darunter auch Charlottes Vater. Bei aller Tragik der verschiedenen Ereignisse sind vor allem die Passagen, in denen aus der Perspektive Joshs, einem Club-Mitglied, und Peter Wongs, einem Möchtegern-Mitglied, erzählt wird, ziemlich witzig. Überhaupt gibt es immer wieder Momente, die einen beim Lesen auflachen lassen, was nicht zuletzt an Würgers trockenen, berichtenden Ton liegt, mit dem er es gut schafft, zum einen nicht zu sehr zu gefühlsduseln (was bei all der Tragik durchaus hätte passieren können) und zum anderen die Absurdität mancher Situationen hübsch für sich stehen zu lassen.

Interessant sind bestimmte Motive, die sich durch den Roman ziehen, zum Beispiel Schwarz, nicht nur wegen der meist schweren, dunklen Atmosphäre, sondern auch als Rechtfertigung, nicht alles sei nur Schwarz oder Weiß bzw. der Behauptung, es gäbe kein Schwarz, nur Grautöne. Früh angelegt ist das Thema Brutalität, anfangs vielleicht „aus Versehen“, später aber durchaus beabsichtigt. Und das führt mich zu den Punkten, die ich schwierig finde in dem Buch. Immer wieder geht es um eine gewisse Naivität der Hauptfigur Hans, doch so naiv ist er nun auch wieder nicht, schließlich lässt er sich ja benutzen und weiß noch nicht einmal genau wozu. Und als er es weiß, bleibt er bei der Sache. Ich kann leider nicht ins Detail gehen, sonst müsste ich spoilern.

Obwohl der relativ dünne Roman (238 Seiten) komplex und gut durchkonstruiert ist, hat er eine kleine Schwäche: Würde Hans nicht boxen, könnte alles Erzählte nicht passieren. Aber vielleicht hätte Alex dann eine andere Marionette gefunden.

Gern verglichen wird der Roman mit Die geheime Geschichte von Donna Tartt. Vermutlich wegen der Campus-Atmosphäre und den geheimnisvollen Clubs bzw. Gemeinschaften sowie den MarionettenspielerInnen Alex bzw. Julian. Aber Donna Tartt schreibt schon noch mal in einer anderen Liga, zum Beispiel was Figurengestaltung, Vielschichtigkeit, Stil etc. betrifft.

Fazit: Spannend, ich habe den Roman gern gelesen (auch beim zweiten Mal).

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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6 Antworten zu Der Club

  1. Pingback: Woanders ist auch schön. | READ ON MY DEAR, READ ON.

  2. karu02 schreibt:

    Danke für den Hinweis, war mir bis dahin unbekannt, was nicht so bleiben wird. 🙂

  3. Ruhrköpfe schreibt:

    Guter Tipp, danke sehr, Petra. Ein Buch, das ich zweimal lesen wollte, habe ich leider schon sehr lange nicht mehr gefunden. Liebe Grüße, Annette

  4. Pingback: Takis Würger: Der Club | Poesierausch

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