Lektürenotizen zu Guy de Maupassant

Guy_NormandieGuy de Maupassant gehört zu jenen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die mich schon viele Jahrzehnte meines Leselebens begleiten. Nicht permanent, aber kontinuierlich in unterschiedlich hohen Dosen. In letzter Zeit wieder in höherer Dosis dank seines neu im Mare Verlag erschienenen Romans Ein Leben. Bisher kann ich übrigens alles, was ich von Maupassant las, nur wärmstens empfehlen.

Begonnen hat meine Vorliebe für den französischen Schriftsteller, der in seinen besten Jahren in geistiger Umnachtung starb, vor vielen, vielen Jahren mit einem Novellenband, den ich mir ausgeliehen hatte. Ich behielt den Band in guter Erinnerung und als ich die Ausgabe etliche Jahre später antiquarisch fand, kaufte ich sie mir, Novellen, übersetzt von Ernst Sander, der auch ein Nachwort dazu schrieb, erschienen bei der Büchergilde Gutenberg. Darin 24 Novellen, nur ein Bruchteil dessen, was Maupassant in seinen wenigen, überaus fleißigen Schreibjahren geschaffen hat. Etwa 300 Novellen sollen es sein, dazu Romane, Reiseberichte, Gedichte, Theaterstücke und Artikel für Zeitungen.

Dann gab es eine lange Pause, bis ich vor acht Jahren in einem Antiquariat einer kleinen polnischen Stadt eine gute Ausgabe von Bel-Ami fand. Ein Roman, der mir besonders wegen Maupassants Darstellungen der damaligen Zeitungswelt – darin kannte er sich ja aus – sehr gefiel. Er schien mir erstaunlich aktuell. Und als ich vor wenigen Monaten sein Reisebuch Auf See las, ebenfalls bei Mare erschienen, begegnete mir Bel-Ami sogar wieder, diesmal allerdings als Name der Yacht, auf der er entlang der französischen Küste reist. Eine Empfehlung hierzu gibt’s bei Tobis Lesestunden.

Diese Wiederbegegnungen erlebte ich in letzter Zeit öfter bei der Lektüre. Sie rühren daher, dass Maupassant aus Teilen seiner Werke wiederum andere Werke schuf. Nachdem ich die wunderbare Empfehlung zu Ein Leben bei Tobi las, war klar, dass ich auf jeden Fall zum Zielpublikum des Romans gehöre. Und erwartungsgemäß bin ich ebenfalls begeistert.

Der Roman in der Übersetzung von Cornelia Hasting gefiel mir unter anderem, weil er in der Normandie spielt, eine Gegend, die ich sehr liebe und die Maupassant wunderschön und sehnsuchtsweckend beschreibt. Dann natürlich, weil ich diese so typischen 19.-Jahrhundert-Frauenschicksale gern lese, besonders von französischen Schriftstellern. Hier geht es um das Leben von Jeanne, das so richtig beginnt, nachdem sie frisch aus der Klosterschule kommt und mit ihren liebevollen Eltern auf das Anwesen Les Peuples reist. Jeanne ist voll schwärmerischer Liebe für die Landschaft, voll großer Erwartungen an ihre Zukunft. Zugleich ist es vielleicht die beste Zeit ihres Lebens, sie kann tun, was sie will, lesen, träumen, durch die Gegend spazieren, ungebunden, frei von Verpflichtungen. Sie träumt von der großen Liebe, dem ganz großen Glück, einer Art endlosen Verlängerung ihrer unbeschwerten Mädchenzeit an der Seite eines idealen Mannes. Leider erfüllen sich ihre Träume kein bisschen. Alles, was zunächst gut beginnt, endet in Enttäuschung. Der anscheinend ideale Gatte entpuppt sich als Geizhals und Betrüger, selbst ihr über alles geliebter Sohn wird sie enttäuschen.

Beim Lesen dachte ich an einigen Stellen an Flauberts Madame Bovary, wobei Jeanne trotz ihrer schwärmerischen, manchmal etwas überspannten Art keinesfalls wie Emma agiert, sondern leidet und duldet, wo Emma versucht, ihrem Leben aktiv romanhafte, romantische Wendungen zu verleihen. Auch Julian Barnes weist in seinem Nachwort zu Ein Leben auf die Parallelen hin und darauf, dass sie eher als Hommage an Maupassants väterlichen Freund zu sehen sein könnten denn als Imitation.

Interessant fand ich, dass Maupassant offenbar ein wunderbares Gespür für perfektes Kürzen, Streichen und Raffen besaß. Dem Roman ist eine Version eines Kapitels aus einem ersten Entwurf beigegeben, der fürchterlich langatmig eine Szene beschreibt, die in der späteren Fassung – gekürzt und verbessert – kein bisschen langweilt.

Nach Lektüre des Romans hatte ich Lust auf mehr von Maupassant und nahm mir die Manesse-Ausgabe Fünfzig Novellen, übersetzt von N. O. Scarpi, aus dem Regal. Und hier ergab sich ein Wiedersehen mit Figuren aus Ein Leben, Barnes hatte mich schon darauf vorbereitet. Im Nachwort zu Fünfzig Novellen weist Josef Halperin explizit auf die verschiedenen Novellen oder die Teile aus Novellen hin, die Maupassant in Ein Leben, aber auch in Bel-Ami und andere Romane integriert hat. Besonders auffällig war dies für mich bei der Novelle „An einem Frühlingsabend“, die sich fast wörtlich in Ein Leben findet, das ich nun ja bestens und frisch in Erinnerung habe. Eine ganz herzzerreißende Begebenheit um eine altjüngferliche Tante, die auch für sich allein hervorragend funktioniert.

Noch habe ich längst nicht alles von Maupassant gelesen, so werde ich ihm sicher noch weitere Jahre meines Leselebens treu bleiben.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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23 Antworten zu Lektürenotizen zu Guy de Maupassant

  1. Pit schreibt:

    Hallo Petra,
    wenn ich Deine literarischen Ausfuehrungen lese, bedaure ich immer wieder, dass mein eigenes Lesen viel zu kurz kommt. Und dabei war ich frueher eine echte „Leseratte“. Lam sehen, wann/ob das wiederkommt.
    Hab‘ eine feine Woche,
    Pit

  2. Pingback: [Philea’s] Lektürenotizen zu Guy de Maupassant – #Literatur

  3. sommerdiebe schreibt:

    Schöne Rezension. Macht echt viel Lust, sich diesen Autor mal vorzunehmen! „Bel Ami“ steht tatsächlich schon länger auf meiner Leseliste.

  4. Liebe Petra,
    der Maupassant ist bosher einer der Franzosen, um den ich aus irgendwelchen Gründen einen großen Bogen gemacht habe – wobei, als ich die Ankündigung dieser wunderbaren mare-Ausgabe sah, habe ich schon mal kurz gedacht, ob ich es mal versuchen sollte. Dann kam Tobi damit an und nun Du mit dieser verlockenden Besprechung. Also er ist jetzt fest auf der Liste. Wird zwar noch was dauern, bis er dran kommt, aber ich glaube, nachdem mir wahrscheinlich doch noch ein paar Jährchen geschenkt werden, hat er gute Chancen.
    Liebe Grüße
    Kai

  5. perlengazelle schreibt:

    Das Buch lockt mich jedes Mal, wenn ich beim mare-Verlag stöbere … die haben wirklich tolle Ausgaben. Deine Besprechung hat die Lust es endlich zu lesen, noch mehr angefacht. Die Thematik ist genau meins. Mein Weihnachtswunschzettel wird lang und länger.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Als Geschenk natürlich wunderbar, liebe Perlengazelle! Die Mare-Bände sind ja nicht ganz billig, aber so wunderschön gestaltet, dass der Preis gerechtfertigt ist. Schmücken die Bibliothek ganz ungemein & meine zwei Maupassants mag ich natürlich besonders : ) Bin nur zu ungeduldig gewesen, auf Weihnachten zu warten … Liebe Grüße!

  6. chapitreonze schreibt:

    Maupassant is one of my favourite author ! And Bel Ami is one of my favourite book 🙂

  7. Tobi schreibt:

    Liebe Petra,

    eine sehr schöner Beitrag über einen Autoren, der zu meinen absoluten Favoriten gehört. Mir geht es wie dir: Egal was ich von ihm gelesen habe, alles war einfach klasse. Er war einfach ein Misanthrop durch und durch und manchmal vergisst man das, wenn ich aber an das Ende von Bel-Ami denke, dann hallt in mir noch immer diese schneidende und subtil vorgebrachte Kritik nach, die eins zu eins auf unser jetziges Gesellschaftssystem passt.

    Seine Novellen kommen als nächstes dran (hab Band 1 vom Manesse Verlag da liegen und Band 2 ist schon auf der Wunschliste). Auf See hat mich dann doch sehr neugierig auf seine Novellen gemacht, nachdem scheinbar dort so viele Elemente wiederverwendet wurden.

    Auf jeden Fall war er ein ganz schöner Schlawiner. Mit Syphilis, nach übermäßigen Drogenkonsums in mittlerem Alter völlig verrückt zu werden und zu sterben ist schon eine Hausnummer. Manchmal habe ich das Gefühl, das gehört zum guten Ton unter den Genies (wenn ich an Cantor oder Gödel denke).

    Aber bei „Auf See“ musste ich einfach an dich denken. Wie er da an der Südküste Frankreichs entlang schippert und seine Eindrücke schildert. Das ist einfach hochwertigste Reiselektüre und somit einfach voll dein Metier 😉

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das stimmt, lieber Tobi! Und mit Ein Leben lagst du ja bei mir auch wieder goldrichtig : ) Bei den Novellen gibt es auch etliche sehr gesellschaftskritische, besonders die Geschichte vom Fettklößchen, ich glaube, damit kam er auch ganz groß raus. Absolut verdient! Tja, sehr lebenslustig war er sicher, heute weiß man sich ja besser zu schützen bzw. zu heilen … Tragisches Ende …
      Dir liebe Grüße! PS: Kennst du schon Stark wie der Tod?

  8. Trippmadam schreibt:

    Maupassant stand (neben anderen französischen Autoren des 19. Jahrhunderts) im Bücherschrank meiner Großmutter. Ich habe seine Novellen sehr geliebt, nur mit Bel Ami konnte ich gar nichts anfangen. Vielleicht wäre das anders, wenn ich ihn heute läse. „Auf See“ kenne ich nicht, aber es klingt schon einmal sehr verlockend ( besonders, wo mein Blog doch neuerdings Geschichten und Meer heißt).

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Stimmt, liebe Trippmadam, das würde doch wunderbar dazu passen! Und da Les Peuples am Meer liegt und es so viele herrliche Beschreibungen der Landschaft und des Meeres gibt, passt auch Ein Leben gut dazu.

  9. The Tastemonials schreibt:

    Den Schwarz-Weiß-Film hab ich als Kind gesehen und bis heute in Erinnerung behalten. Dein Post macht Lust darauf, das Buch zu lesen. Dank für den Tipp, meine Liebe 🙂

  10. entdeckeengland schreibt:

    Obwohl Maupassant schon öfter meinen Weg gekreuzt hat, habe ich ihn noch nie gelesen. Irgendwie war es wohl immer der falsche Zeitpunkt, und dann habe ich ihn wieder aus den Augen verloren. Nach Deiner schönen Besprechung muss ich das nun endlich mal nachholen. Zumal ich letztens mal wieder etwas Platz im Regal gemacht habe. Liebe Grüße, Peggy

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Peggy, das ist ja fein! Platz in den Regalen versuche ich auch alle paar Monate zu schaffen, es fällt mir allerdings immer schwerer, vielleicht kaufe ich in den letzten Jahren gezielter und glückreicher ein, sodass ich mich dann immer seltener von den Büchern trennen möchte … Liebe Grüße!

  11. zeilentiger schreibt:

    Kürzen und straffen können, das ist viel wert. 🙂
    Herzliche Grüße!

  12. tomorrowdefinitely schreibt:

    Sehr anregend, hat mir Lust gemacht mehr ueber Maupassants Leben zu erfahren und wieder einige seiner Novellen zu lesen.

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